Ungewollte Bewerbungsmappe: Was Personaler über Bewerber im Netz erfahren

Amelie Herberg

Wen interessieren Praktika und Schulabschluss, wenn der Bewerber im Internet weit mehr von sich preisgibt? Personaler entdecken bei der Auswahl neuer Mitarbeiter das World Wide Web als zusätzliche Informationsquelle. Wie halten es Personaler in der Regio mit dem Kandidaten-Scan im Netz?



Eigentlich sollte die Abschlussfahrt nach Mallorca für Stefanie Hein* der krönende Abschluss ihrer Schulzeit werden. Doch diese Reise zur Ferieninsel wäre ihr fast zum Verhängnis geworden. Hatte sie sich doch zur gleichen Zeit bei mehreren mittelständischen Unternehmen in Freiburg um einen Ausbildungsplatz als Kauffrau für Bürokommunikation beworben.


Bei einem ihrer Vorstellungsgespräche sah sie auf einmal Fotos von der Party am Ballermann ausgedruckt neben ihrer Bewerbungsmappe auf dem Schreibtisch des Personalchefs liegen.

Stefanie mit mehreren Klassenkameraden über einen Sangria-Eimer gebeugt, Stefanie im Bikini am Strand, Stefanie beim Tanzen auf der Theke in der Disco. „Einer meiner Mitschüler hatte die Fotos online gestellt und mich darauf verlinkt“, erzählt sie. Und weil sie ihr Profil bei einer großen Online-Community nicht gesperrt hatte, waren auch für den Personalchef alle Einzelheiten der Sause auf Mallorca offen.

Wie Stefanie Hein geht es immer mehr Bewerbern. Denn Personaler entdecken bei der Auswahl neuer Mitarbeiter das World Wide Web als zusätzliche Informationsquelle. Nach einer Dimap-Studie im Auftrag des Bundesverbraucherministeriums durchleuchten 28 Prozent aller Unternehmen ihre Bewerber im Internet, 78 Prozent davon, bevor überhaupt ein Vorstellungsgespräch stattfindet.

Wen interessieren schließlich nur Hobbys, Praktika und Schulabschluss, wenn der Bewerber – wenn auch nicht immer freiwillig –  im Internet noch weit mehr von sich preisgibt?

Ein Klick bei Google, die Eingabe des entsprechenden Namens und die Suchmachine spuckt in Sekundenbruchteilen alle verfügbaren Informationen aus: die Mitgliedschaft im Fanforum der No Angels, die Klassenfahrt im 9. Schuljahr nach Berlin, über die in der Lokalzeitung ein Artikel veröffentlicht wurde oder die Teilnahme an den Kreismeisterschaften im Tischtennis 1995.



Das können durchaus Informationen sein, die den potenziellen Arbeitgeber positiv überraschen. Nur verbirgt sich in der riesigen Menge an Daten im Internet vielleicht auch eine längst vergessen geglaubte Jugendsünde. Denn das Internet vergisst nichts. Was einmal veröffentlicht wurde, lässt sich nur sehr schwer wieder komplett löschen. Eine rege Nutzung von Online-Communitys, Twitter, Blogs oder Internetforen kann also schnell zum Bumerang werden. Und der gute Eindruck aus der Bewerbung ist mit einem Mal weggefegt.

Besonders beliebt ist der Online-Check von Bewerbern nach der Studie in der Industrie und im Dienstleistungsbereich. Handwerksbetriebe nutzen das Internet bei der Bewerberauswahl so gut wie gar nicht. Die Arbeitgeber in Südbaden sind unterschiedlicher Meinung. Roman Ringwald ist bei der Sparkasse Freiburg für die Auswahl der Auszubildenden zuständig. Er hält nichts davon, dafür auch Informationen im Internet zu recherchieren: „Das muss jedes Unternehmen für sich selbst entscheiden, ob es das überhaupt macht und ob es in die eigene Philosophie passt.“

Ähnlich verfahren auch die Personaler der Hansgrohe AG in Offenburg. „Wir gehen immer noch nach dem klassischen Prinzip vor“, sagt Heike Kronenbitter, eine Sprecherin des Unternehmens.

„Das klassische Prinzip“ bedeutet für die meisten Unternehmen Lebenslauf und Vorstellungsgespräch, in einigen Fällen auch noch ein Einstellungstest. Der Agentur Virtual Identity in Freiburg, die Internet-Auftritte für Unternehmen konzipiert, reicht das nicht. „Wir arbeiten mit dem Web und suchen deswegen auch gezielt Leute, die dort aktiv sind. Uns würde deswegen negativ auffallen, wenn derjenige gar nicht im Internet zu finden ist“, sagt Sprecher David Nelles über die Personalauswahl des Unternehmens. Erste Anlaufstelle seien zunächst Netzwerke wie Xing, aber auch Suchmaschinen wie Google.

Dort genügt schon ein Maus-Klick, um möglichst viele Informationen über die entsprechende Person zu erhalten. Nur sind das nicht immer nur Informationen, die derjenige selbst über sich ins Internet gestellt hat, sondern auch solche, die über Umwege ins Netz gelangt sind. Wer wissen will, auf welche privaten Informationen ein Unternehmen stoßen könnte, sollte sich vor einer Bewerbung deswegen durchaus selbst bei Google suchen und die eigenen Internetprofile auf kritische Stellen überprüfen.

Auch die Macher von StudiVZ haben auf den Trend unter Personalchefs reagiert und einen Verhaltenskodex veröffentlicht, der böse Überraschungen beim Vorstellungsgespräch verhindern soll. Versteckt in der Rubrik „Sicherheit im Internet“ empfiehlt die Online-Community für Studenten, Fotos zu vermeiden, „die dich betrunken, leicht bekleidet oder in ähnlichen, für die Bewerbungsphase unangemessenen Situationen zeigen.“

Denn genau die schrecken nach der Studie des Verbraucherministeriums potenzielle Arbeitgeber ab. Doch nicht nur Bilder, sondern auch die Gruppenmitgliedschaften empfiehlt der Bewerbungsleitfaden einzuschränken, wie zum Beispiel „Wir trinken nur an Tagen die auf g enden und Mittwochs“ oder „Nacktbilder tauschen unter uns“.
Eine komplett eingeschränkt sichtbare Seite könnte, so die Macher von StudiVZ, allerdings auch den Eindruck erwecken, dass man etwas zu verbergen habe. „Eine aussagekräftige und informative Seite kann für einen Personaler überzeugender sein als eine eingeschränkte oder nicht auffindbare Seite“, lautet daher das Fazit des Bewerbungsleitfadens.

Stefanie Hein hat ihr Profil nach der bösen Überraschung im Vorstellungsgespräch trotzdem gesperrt, nur ihre Freunde können ab jetzt noch die Party-Bilder vom Urlaub auf Mallorca sehen. „Ich bin ja nicht in Online-Communitys, um mich Personalchefs zu präsentieren, sondern um mich mit meinen Freunden auszutauschen“, sagt sie. Ob die Fotos wirklich der Grund für den Flop beim ersten Vorstellungsgespräch waren, weiß sie nicht. Beim zweiten hat es jedenfalls mit dem Ausbildungsplatz geklappt.

* Name von der Redaktion geändert

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