Und täglich grüßt der Fotoapparat

Christian Deker

Seit mehr als drei Jahren fotografiert sich der Freiburger Sportstudent Markus Pfaff jeden Tag selbst und stellt die Bilder ins Internet. Damit will er seinen Alterungsprozess dokumentieren. "Daily Photo"-Projekt nennt er das Experiment, bei dem er einen kurzen Moment seines Lebens täglich in einem Bild festhält. Und das will er bis zum Ende seines Lebens durchhalten.



"Das Fotografieren gehört dazu wie das tägliche Zähneputzen", sagt der 27-Jährige, wenn er über sein ungewöhnliches Hobby spricht. "Am Anfang war es eigentlich nur eine blöde Idee, aber mittlerweile ist es mir richtig ernst geworden."


Markus Pfaff fotografiert sich seit dem 27. August 2003 jeden Tag und betreibt mit seiner Website halbdrei.com eines der ältesten "Daily Photo"-Projekte. Einige Amerikaner haben sich schon Ende der 90er-Jahre dieser Lebensaufgabe verschrieben, aber kein Deutscher stellt die Bilder länger ins Internet als der gebürtige Schwarzwälder.



Auf seiner Website schreibt er:

"Heutzutage muss alles schnell, schnell, schnell gehen. Die Uhr tickt, Wochen und Monate ziehen vorbei und plötzlich ist man ein Jahr älter. Dabei erlebt man jeden Tag auf eine andere Art, lernt etwas Neues und tritt mit anderen Menschen in Kontakt. Seit dem 27. August 2003 halte ich jeden Tag einen kurzen Moment meines Lebens auf einem Bild fest. Ich versuche, dieses Experiment für den Rest meiner Zeit durchzuhalten und will auf diese Weise meinen Alterungsprozess sichtbar machen."



Auf die Idee gebracht hat ihn ein Freund, dem es während seiner Ausbildung zum Mediengestalter langweilig war. Der Freund begann, jeden Tag ein Bild von sich zu machen. Als Markus Pfaff 2003 eine Digitalkamera kaufte, dachte er sich: "Irgendwelche Fotos sollte ich schon machen, wenn ich für so viel Geld einen Fotoapparat gekauft habe!". Dann fing er auch einfach an, sich jeden Tag zu fotografieren. Die ersten paar Wochen machte Pfaff die Fotos nur für sich selbst. "Als ich dann merkte, dass ich daran Spaß habe, habe ich sie auch online gestellt", sagt er.

20 oder 30 Anläufe für das Bild des Tages

In den drei Jahren, in denen er jetzt sein Älterwerden dokumentiert, hat Markus Pfaff allerdings noch keine Veränderungen an sich selbst festgestellt. "Das liegt aber auch daran, dass ich das selbst bin. Andere Leute haben gesagt, man kann schon ein bisschen was erkennen", sagt er.

Sein "Daily Photo"-Projekt, das als "blöde Idee" begann, ist dem Sportstudent inzwischen so wichtig geworden, dass er kaum Ruhe hat, bevor das tägliche Foto im Kasten ist. An manchen Tagen braucht er 20 oder 30 Anläufe, damit alles stimmt. "Ich habe mir angewöhnt, das Foto immer zwischen zehn und 15 Uhr zu machen", sagt er. "Das liegt aber auch daran, dass im Winter einfach die Tage kürzer sind." Pfaff fotografiert grundsätzlich nur bei Tageslicht – er sagt, der Blitz verfälsche die Authentizität des Bildes. Auch Fotos in geschlossenen Räumen oder gar bei Nacht sich deshalb tabu.

Auf den Hintergrund kommt es an

Markus hat noch andere Prinzipien. Die täglichen Momentaufnahmen zeigen ihn zum Beispiel immer aus demselben Blickwinkel und immer mit dem gleichen Gesichtsausdruck. Er sagt: "Wenn man sich alle Bilder anschaut, dann merkt man, dass ich am Anfang noch in der Mitte war, und mit der Zeit ein bisschen nach außen gerückt bin." Der Grund dafür ist, dass Markus Pfaff im Lauf der Zeit immer mehr auf den Hintergrund seiner Fotos achtete. "Ich möchte mich im Nachhinein daran erinnern können, was an dem Tag war", sagt er. Jedes Foto hat deshalb einen anderen Hintergrund. Pfaff überwacht penibel, dass er sich nicht zweimal vor derselben Kulisse ablichtet. Und Prinzip ist Prinzip: "Sei es nur heute der Baum und morgen der Baum daneben."

Außerdem versucht der 27-Jährige, charakteristische Dinge festzuhalten, die ihm die Erinnerung an das Erlebte erleichtern. So sind auf manchen Fotos im Hintergrund Freunde, die ihm etwas bedeuten. Oder der Eiffelturm, als er in Paris war. "Zu meinem 1000. Bild habe ich ein paar Leute zusammengetrommelt, die extra eine "1000" ins Bild gehalten haben", erzählt er.

Das Foto vom 14.10.2003 fehlt

Was würde geschehen, wenn er morgen aus Versehen das obligatorische Foto vergessen würde? Markus Pfaff antwortet schnell: "Für mich persönlich wäre das schlimm, ich würde mich sehr darüber ärgern." Am Anfang seiner Knipserei hat Pfaff einmal fünf oder sechs Tage vergessen - dieses Erlebnis hat offenbar einen so bleibenden Eindruck hinterlassen, dass er sich noch genau an den Tag erinnern kann, den er zuletzt ausgelassen hat: Es war der 14. Oktober 2003. Sollte ihm dieses Missgeschick heute noch einmal passieren, weiß er schon, was er machen würde: "Ich würde in einem solchen Fall nicht bescheißen, sondern wirklich eine Lücke lassen.“

Wenn Pfaff mit anderen über sein Experiment spricht, sagt er oft im Scherz: "Das ist ein Hobby für Leute, die keine Freunde haben." Dann fügt er hinzu: "Völlig bescheuert im Grunde, aber es macht eben Spaß." Und lacht.


Am Ende eine Jahres erstellt Markus Pfaff aus den Fotos einen Film, der das vergangene Jahr im Zeitraffer zeigt. Die Bilder der Jahre 2004 und 2005 sehen auf 90 Sekunden reduziert so aus: