Und es hat Zoom gemacht: Kerstin und Philipp

Julia Nikschick

Die schönsten Geschichten schreibt das Leben. Und die Liebe. In unserer Serie "Und es hat Zoom gemacht" erzählen Paare, wie sie zueinander gefunden haben. Heute: Kerstin (34) und Philipp (22) heirateten vor viereinhalb Jahren im Online-Rollenspiel 'World of Warcraft' und treten diesen Sommer auch real vor den Traualtar.

Kerstin und Philipp wohnen gemeinsam mit ihren beiden Kindern (13 Jahre; 8 Monate) in Freiburg. Dieses Jahr heiraten sie, zum zweiten Mal.

Wie habt ihr euch kennengelernt?


Philipp:
Ähm ... Das erzählst du am besten.

Kerstin: Ich? Okay. Ich habe angefangen, World of Warcraft zu spielen, zusammen mit einer Freundin, die ich in einem Harry-Potter-Forum kennenlernte. Und sie hat mich in die gleiche Gilde geholt, in der auch Philipp war. Sie wollte mich verkuppeln und hat mir mehrere Männer „zur Auswahl“ gelassen. Unter anderem auch Philipp. Du warst damals aber erst 14, oder?

Philipp: Ja, 14 oder 15, so in dem Dreh.

Kerstin: Na ja, ich bin zwölf Jahre älter und habe schon einen Sohn. Eine Beziehung war damals noch kein Thema. Ich glaube, ich war sein Mama-Ersatz. Philipp schimpfte bei mir immer über seine Mutter und seine Freundinnen.

Als meine aktuelle Beziehung dann in die Brüche ging, fing es langsam zwischen uns an. Das war kurz vor seinem 18. Geburtstag. Ein bisschen flirten und schäkern. Aber ich dachte, mit einer alten Schachtel wie mir, will er keine ernste Beziehung. Nach seinem Geburtstag durfte er mich dann besuchen. Wenn dann etwas passiert, habe ich gesagt, ist es für mich okay. Seit dem Tag sind wir zusammen. Das war der 13. Juli 2008. Und dieses Jahr, an unserem vierjährigen Jubiläum, heiraten wir.

Eigentlich seid ihr aber schon verheiratet, oder?


Kerstin:
(Lacht.) Das darfst du erklären!

Philipp: Wir sind ja nicht das einzige Liebespaar, das durch ein Rollenspiel entstanden ist. Und da es zur Location in World of Warcraft gut passt, kamen die Leute auf die Idee, virtuelle Hochzeiten zu inszenieren. Man kann sich Ringe kaufen ... Es wird alles inszeniert. Leute können eingeladen werden, ein Priester ist da, mit einer Rede. Es gibt natürlich keine Urkunde, da die Hochzeit nur virtuell stattfindet. Man legt es einfach so fest.

Kerstin: Alle Teilnehmer sind Spieler. Meine Freundin war damals die Priesterin auf unserer Hochzeit. Sie hat den Text für die Trauung selbst verfasst. Es war wie eine richtige Hochzeit, nur eben virtuell.

Wie kam es dazu?


Kerstin:
Hmm ... Es war ... Ich weiß sogar das Datum noch: 6. Januar 2008. Ich war damals mit einem Österreicher zusammen und er besuchte mich über Silvester. In dieser Zeit hat es sich aber gezeigt, dass wir uns auseinandergelebt hatten. Ich musste an Silvester ins Krankenhaus, und er ist einfach im Bett liegen geblieben. Als er dann morgens gefahren ist, bin ich online geganen, um zu zocken. Philipp war auch schon online. Da weinte ich mich bei ihm aus und sagte, dass ich mich von meinem Freund trennen würde.

Und so ging es hin und her ... Bis Philipp vorschlug: „Komm, lass uns heiraten.“ Einfach so spontan. Wir haben uns damals schon, eigentlich von Anfang an, wahnsinnig gut verstanden, viel miteinander unternommen, zum Beispiel in Instanzen gegangen und Charaktere zusammen hochgespielt. Unsere Charaktere hatten sich einfach lieb und deshalb wurde geheiratet.

Heiratet ihr klassisch oder angelehnt an World of Warcraft?


Kerstin:
Beides. Die Einladungen und die Hochzeitstorte greifen World of Warcraft auf.

Philipp: Die Tischdeko wird klassisch – grün, weiß und Sonnenblumen, die mag Kerstin gerne. Wir heiraten nur standesamtlich, da ich nicht in der Kirche bin. Und da fast unser kompletter Freundeskreis aus Leuten besteht, die wir über Twitter kennengelernt haben, spielt auch diese Nerdkomponente mit rein. Wir wollten erst eine Mottohochzeit ausrichten, aber man muss auch an die Familie denken. Die haben wohl keine Lust, sich zu verkleiden. Deshalb machen wir es jetzt doch klassisch, oder zumindest haben wir ein gutes Mittelmaß gefunden.



Philipp, du stammst aus Schwerin und du, Kerstin, aus Freiburg. Das sind gut 800 Kilometer Entfernung. Habt ihr euch an dem Treffen vor vier Jahren das erste Mal „live“ gesehen?


Kerstin:
Ja. Wir haben zwar davor telefoniert oder gecamt via MSN und gespielt in World of Warcraft. Aber an dem Tag war für mich klar, ich lasse mich doch auf ihn ein. Vorher war meine Befürchtung immer, dass er, aufgrund seines Alters, es nicht mit mir ernst meinen kann.

Und was findet ihr am Anderen besonders toll?


Kerstin:
Das er mich auch in Situationen zum Lachen bringen kann, in denen mir eigentlich nicht danach ist. Und das er sich so gut mit meinem großen Sohn versteht.

Philipp: Ihren Charme und ihre Ausstrahlung. Die Art, wie wir auch nach so langer Zeit miteinander umgehen und immer noch rumalbern, Spaß haben und über alles reden können.

Welche kleinen Macken hat der Andere, die ihr trotzdem liebt?


Kerstin:
Er kommt abends nicht ins Bett und morgens nicht raus. Ich muss ihn meistens antreiben, damit er sich bewegt. Und er ist gern etwas zerstreut, wenn er aus dem Büro kommt.

Philipp: Ihren Dickkopf. Manchmal ist es etwas anstrengend, mit ihr eine Diskussion zu führen, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind. Oft läuft es darauf hinaus, dass jeder seinen Standpunkt klar macht und wir das Thema beiseitelegen.

Wo seht ihr euch in fünf Jahren?


Kerstin:
Verheiratet mit drei Kindern, glücklich und immer noch ein starkes Team!

Philipp:
In einer großen Wohnung oder vielleicht sogar in einem eigenen Haus, etwas außerhalb von Freiburg, wo wir unser Familienleben genießen. Vielleicht auch zu fünft.

Kerstin, du hast gesagt, dass du schon einen Sohn hast. Philipp, ist es für dich nicht komisch, einen 13-jährigen Stiefsohn zu haben?


Philipp:
Ja ... Es ist schon ... Er könnte ja quasi mein Bruder sein. Es geht ... Es ist so ein Kumpel- oder großer-Bruder-Verhältnis. Aber ohne dass der Respekt verloren geht. Ich werde trotzdem als Autoritätsperson anerkannt. Wir haben ein super Verhältnis. Anfangs war ein größeres Problem, dass man Kerstin und mir den Altersunterschied ansieht. Und die Leute uns häufig komisch ansahen.

Kerstin:
Heute auch noch. Viele haben Vorurteile, weil ich die Ältere bin. Und es heißt dann schnell, sie will sich mit einem Jüngeren schmücken. Oder er sucht sich irgendwann eine Jüngere. Nach vier Jahren lernt man aber, damit zu leben. Oft werden wir gefragt, ob es ein Problem sei. Aber Philipp ist kein typischer 22-Jähriger. Er weiß, was er will und weiß, wo er steht. Die Intoleranz der Leute ist das größere Problem, nicht unser Alter.



Was ist euer Liebesrezept?


Kerstin:
Niemals den Respekt voreinander verlieren. Und miteinander reden.

Philipp: Vertrauen, Respekt, Toleranz, Flexibilität und eine Prise Organisationstalent.

Was hat eure Liebe besonders geprägt?


Kerstin:
Unser gemeinsamer Sohn Damon und die zwei Jahre Fernbeziehung.

Philipp: Die Geburt hat uns noch enger zusammen geschweißt und neue Kraft gegeben.

Mit der Hochzeit steht ein toller Moment noch bevor. Aber was war für euch der schönste Moment der vergangen Woche?


Kerstin:
Ich habe nach langer Zeit mal wieder einen Nachmittag mit meinem großen Sohn allein verbracht, während Philipp auf Damon aufpasste!

Philipp: Als Damon anfing, durch die Gegend zu robben und sein erster Zahn zum Vorschein kam.

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  [Fotos: Julia Nikschick, Privat]