Und die ewige Glocke läute ihm

Lorenz Bockisch

Schon gewusst, warum im niedersächsischen Groß-Düngern jedes Jahr am 11. September die Kirchenglocken läuten? Nicht erst seit 2001, sondern schon seit 1945 wird mit dem Trauergeläut eines toten Pfarrers der Gemeinde gedacht, der wegen eines Witzes umgebracht wurde.

Im Frühsommer des Jahres 1944 war der Pfarrer Joseph Müller bei einem schwerkranken Gemeindemitglied zu Besuch. Um ihn ein wenig aufzuheitern, erzählte er dem Siechen einen für die Zeit politisch sehr unkorrekten Witz, den er kurz zuvor auf der Straße erzählt bekommen hatte. Der Kranke war zwar amüsiert, nicht jedoch ein in der Nähe stehender Familienangehöriger. Der erzählte dem Dorfpolizisten von dieser wehrkraftzersetzenden Tat.


Kurze Zeit später stand die Gestapo bei dem Geistlichen vor der Tür, um ihn abzuholen. Noch im August des gleichen Jahres wurde er vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Am 11. September wurde der Priester im Gefängnis gehenkt.

Der Gemeinde jedoch wurde untersagt, zu Ehren des toten Pfarrers wie traditionell üblich die Kirchenglocken zu läuten. Seit dem erklingt das Totengeläut jedes Jahr am gleichen Tag und erinnert so auch an die Sinnlosigkeit des Nationalsozialismus, wo sogar ein Witz tödlich sein konnte.