Hetze im Internet

Unbekannter stiehlt Identität eines Kirchzarteners für falsches Facebook-Profil

Sebastian Wolfrum

Ein Online-Alptraum: Ein Facebook-Nutzer hetzt - unter dem Namen eines Kirchzarteners. Dieser will nun herausfinden, wer dahinter steckt. Und notfalls gegen das soziale Netzwerk klagen.

Bernd Engesser ist nicht er selbst. Er pöbelt, beleidigt andere und schimpft im Internet gegen Flüchtlinge. Doch das, was da unter seinem Namen im Netz verbreitet wird, hat nichts mit dem echten Bernd Engesser aus Kirchzarten zu tun. Auf dem sozialen Netzwerk Facebook wurde ein falsches Profil mit seinem Bild angelegt. Damit wurde gezielt Stimmung gegen Andersdenkende gemacht. Der echte Engesser will sich das nicht gefallen lassen, er will herausfinden, wer dahinter steckt. Notfalls will der Finanzberater auch gegen Facebook klagen.


Unterschied könnte kaum größer sein

Der Unterschied zwischen dem echten Bernd Engesser und seinem Profil auf Facebook könnte größer kaum sein. Der Kirchzartener engagiert sich in der Flüchtlingshilfe, verortet seine politische Heimat irgendwo zwischen Rot und Grün. Doch im Netz gibt er ein anderes Bild ab. Es ist ein Bild, das er selbst nicht gezeichnet hat. Jemand hat sich unter seinem Namen ein Profil bei Facebook angelegt, samt Bild, dass er wohl von der Homepage des Anlageberaters kopiert hat.

Unter Engessers Namen wurde dann etwa gegen den Comedian Michael Mittermeier gepöbelt, der sich wiederholt für die Solidarität mit Flüchtlingen ausgesprochen hat. Auch gegen Menschen aus dem Landkreis ist der falsche Engesser vorgegangen. Zum Beispiel gegen Matthias Schmidt, den Ortsvereinsvorsitzenden der SPD in Bad Krozingen. Auf der Facebook-Seite von AfD-Chefin Frauke Petry wird mit dem falschen Profil etwa folgende Nachricht hinterlassen:

"Die Badische Zeitung wird immer mehr und mehr dubioser. Da wird vermehrt gegen die AfD uns (sic.) ihre Mitglieder gehetzt. Die SPD wittert ihre Chance und hetzt kräftig mit. Jetzt melden sich dubiose LokalSPDler und starten Hetzanzeigen. Ich hätte da einen Vorschlag: Einen Shitstorm gegen die Badische Zeitung und gegen den Hetzer Schmidt? Wer ist mutig und wehrt sich gegen Hetze?"

Aufruf zum Shitstorm

Der Post ist inzwischen gelöscht, der BZ liegen jedoch Screenshots davon vor. Zu dem Post sind Verlinkungen zu einem Artikel der BZ gestellt, der von Lesern oft kommentiert wurde. In dem Text geht es um den Freiburger Staatsanwalt und AfD-Politiker Thomas Seitz, gegen den ein Disziplinarverfahren eingeleitet wurde. Seitz könnte gegen beamtenrechtliche Pflichten verstoßen haben, auf seiner Facebook-Seite bezeichnete er die SPD etwa als "linke Verräterbande", Flüchtlinge als "Invasoren". Die Bundesregierung bezichtigte Seitz, "ihr Land verraten" zu haben.

Schmidt ist einer der Kommentatoren unter dem Onlineartikel vom vergangenen Dienstag, positioniert sich dort etwa gegen die Vorwürfe, die AfD würde bespitzelt. Später wird auf Facebook unter dem falschen Account dazu aufgerufen, einen Shitstorm gegen ihn loszutreten, also massiv Stimmung im Netz gegen ihn zu machen.

Am vergangenen Freitag wird Schmidt darauf aufmerksam gemacht. Er kennt den echten Engesser nicht und wird im Internet schnell fündig. Er kontaktiert den Arbeitgeber des Kirchzarteners, der wiederum Engesser selbst in Kenntnis setzt. Zwischenzeitlich wurde ein verfremdetes Bild Schmidts bei dem Profil geführt, versehen mit den Worten "I love SPD – SPD? Haha, der Witz ist gut". Auch gegen mindestens einen weiteren BZ-Leser, der regelmäßig online kommentiert, wird Stimmung gemacht. Er wird unter anderem als Trinker dargestellt.

Der echte Engesser war gar nicht auf Facebook

Erst jetzt erfährt der echte Engesser, der bis dahin Facebook nicht nutzte, was in seinem Namen im Netz geschieht. Er setzt alle Hebel in Bewegung, um das Profil abschalten zu lassen. "Für mich ist das kriminell, da wurde eine Grenze überschritten", sagt er. Noch am Freitag reicht er Klage gegen Unbekannt bei der Staatsanwaltschaft Freiburg ein. Er sieht sich massiv geschädigt. Die Verwendung seines Namens und seines Bildes sei unzulässig – schlimmer sei jedoch die Rufschädigung. Die veröffentlichten Positionen stünden den eigenen diametral entgegen, heißt es in seiner Anzeige. Er arbeitet als Portfolio-Manager, betreut unter anderem ethische Kapitalanlagen. Engesser befürchtet Einbußen, sollten Kunden die falschen Äußerungen lesen und für seine Wortwahl und Einstellung halten.

Dass ausgerechnet er ausgesucht wurde, hält er nicht für Zufall. Auch er kommentiert Artikel der Badischen Zeitung, vornehmlich bei Flüchtlingsthemen. Dort mache er unter anderem "sachlich deutlich, dass ich die Positionen der AfD in einem demokratischen Staat für nicht vertretbar halte", sagt er.

Es dauert bis Samstagnachmittag, bis das Profil abgeschaltet ist. Facebook habe "jegliche Kooperation verweigert", sagt Engesser. Während ein Profil mit einer einfachen E-Mail-Adresse schnell angelegt ist, musste er erheblichen Aufwand betreiben, um den falschen Nutzer wieder aus dem Netz zu bekommen. So musste er sich bei Facebook anmelden und dem US-Unternehmen Bilder seines Personalausweises schicken. Als Antworten erhielt er zunächst nur standardisierte Schreiben. "Eigenverantwortung sieht für mich anders aus", sagt er. Wie lange unter seinem Namen in diesem Netzwerk veröffentlicht wurde, ist ihm nicht bekannt.

Straftaten im Netz werden häufiger

Bei der Staatsanwaltschaft Freiburg sind Straftaten, die im Netz und auf sozialen Netzwerken geschehen, nichts Neues mehr. Oft geht es um Verleumdungen, Bedrohungen, Stalking oder Datenmissbrauch. Über den aktuellen Fall kann Michael Mächtel, der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft, noch nichts sagen, die Anzeige vom Freitag ist am Montag auf dem Postweg noch nicht eingegangen. Daten würden als Beweismittel bei sozialen Netzwerken regelmäßig angefragt. Laut dem Statistikportal Statista werden Daten in 42 Prozent der Fälle nach Anfragen von deutschen Behörden herausgegeben (Zahlen aus dem zweiten Halbjahr 2015).

Schmidt und Engesser haben sich inzwischen gesprochen und das Missverständnis ausgeräumt. Sie ziehen am selben Strang. Der Bad Krozinger will versuchen, den Fall Justizminister Heiko Maas zur Kenntnis zu geben. Der SPD-Minister verlangt von sozialen Netzwerken wie Facebook, dass etwa Hassparolen schneller gelöscht werden.

Pressemitteilung: "Hetze löst keine Probleme"

Und Schmidt und Engesser haben eines gemeinsam: Sie haben beide im Forum der Badischen Zeitung gegen Positionen der AfD Stellung bezogen. "Wenn AfD-Fans oder Anhänger mit krimineller Energie Fake-Accounts erstellen, um vermeintlich anonym zu Shitstorms aufzurufen, zu hetzen, zu verleumden und Mobbing zu betreiben, zeigt das, welch Geistes Kind diese Personen sind", reagiert die SPD-Bad Krozingen in einer Pressemitteilung auf den Fall. Facebook sei kein rechtsfreier Raum und "konstruktive, lösungsorientierte Politik sieht anders aus – Hetze löst keine Probleme", heißt es in dem Papier.

"Sie haben sich mit dem Falschen angelegt."

Bernd Engesser
Facebook äußert sich auf Anfrage nicht zu Einzelfällen. Eine PR-Agentur, die das Unternehmen bei der Öffentlicharbeit "unterstützt", so die Wortwahl, schickt eine Zusammenstellung der Maßnahmen, die gegen gefälschte Profile unternommen werden. So gibt es etwa einen sogenannten Impersonating-Alert, der automatisch erkennen soll, wenn sich eine Person als man selbst ausgibt. Dafür muss man jedoch auf Facebook mit einem eigenen Profil angemeldet sein. Ansonsten gibt es die Möglichkeit, ein gefälschtes Konto zu melden.

Bernd Engesser will herausfinden, wer hinter dem falschen Profil steckt und auch zivilrechtlich gegen den oder die Menschen vorgehen. Er verlangt, dass Facebook die E-Mail-Adresse herausgibt, mit der das Profil mit seinem Namen angelegt wurde. Sollte die keinen Aufschluss über eine Identität geben, will er über die IP-Adresse herausfinden, wer der Urheber ist. Über IP-Adressen sind Computer zurückzuverfolgen. Sollte Facebook die E-Mail-Adresse und weitere Daten des Urhebers nicht herausgeben, kündigt er an auch gegen das Netzwerk zu klagen. Engesser will wissen, wer hinter der Diffamierung steckt. "Sie haben sich mit dem Falschen angelegt. Ich werde keine Ruhe geben", sagt er.

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