Umgestaltete Wahlplakate: Angela Satan und Kiffer-Kerstin

Till Neumann

In Bad Krozingen gibt es einen Soziologen, der zweimal hinschaut, wenn er ein beschmiertes Wahlplakat sieht, wie es dieser Tage an jedem dritten Laternenpfahl herumhängt. Sacha Szabo versucht, Regelmäßigkeiten in der gepimpten Wahlpropaganda festzustellen. Hier kommen vier plakative Beispiele.



Sacha Szabo, 40 Jahre alt, interessiert sich für Wahlplakate und die Art und Weise, wie deren Betrachter sie verfremden. Der Soziologe sieht in den Beschmierungen "spontan motivierte Vandalenakte", einen "symbolischen Dialog des Souveräns mit seinen Repräsentanten".


Szabo, der auch schon als Achterbahnforscher in Erscheinung trat, beobachtet, dass immer wieder ähnliche Motive bei der Verkünstelung von Wahlplakaten auftauchen. Er erkennt gar einen "Kanon von Archetypen", deren Symbolik eindeutig zu dechiffrieren sei.

Im folgenden haben wir vier Themen-Beispiele aufgelistet, die Herr Szabo für uns kommentiert hat.

1. Augen



Eine Brille mag an Harry Potter erinnern, doch vermutlich wünscht man sich Politiker mit mehr Durchblick.



Die Augenklappe mag durchaus Piraten assoziieren, legt aber gleichzeitig die Deutung nahe, dass dieser Politiker auf einem Auge blind sei.



Wenn wir politische Hintergedanken aufnehmen, dann bekommt der Plakatvandalismus am Freiburger Bundestagskandidaten der FDP eine interessante Aussage. Allein, dass ihm die Augen ausgestochen wurden, lockt ja den Kulturwissenschaftlicher auf die Fährte von Ödipus. Aber weit gefehlt. Wer weiß, dass der Kandidat Fahrlehrer ist, dem jetzt symbolisch die Sehkraft genommen wird, will diesen als Geisterfahrer demaskieren.

2. Zähne

Gerade im Kontext der Steuerpolitik und Abgeordnetendiäten sind Vampirzähne eine Dechiffrierung der Politikerkaste als Blutsauger. Werden diese Attribute noch mit Teufelshörnern kombiniert, so haben wir es hier mit dem Leibhaftigen, dem Antichristen zu tun.



Fehlende Zähne können natürlich auch als Zitat auf den Abbau von Sozialleitungen gelesen werden, zugleich aber repräsentieren Zähne in der Traumdeutung Potenz, also Macht. Und wenn man einem Politiker symbolisch die Zähne ausschlägt, so artikuliert sich hier eine Unzufriedenheit mit den Herrschern der Verhältnisse.



3. Bärte



Neben der reinen Provokation weist auch der berüchtigte kurze Oberlippenbart auf eine systemkritische Bewertung der ausgemachten Machtpolitiker hin. Eine ganz andere Frage stellt sich bei der Attributierung einer Frau mit einem Bart. Wird hier vielleicht der Verdacht genährt, dass Frauen, die in der Politik ihren Mann stehen, jetzt Teil eines patriarchal-kapitalistischen Systems seien?



4. Joints

Vielleicht wird aber auch nur die Umsetzung von politischen Aussagen gefordert. Etwa, wenn ein Plakatergänzer der Freiburger Grünenkandidatin einen Joint in den Mund zeichnet und so die Diskussion über die Hanffreigabe ins Gedächtnis ruft - eine Diskussion, die von Andreaes Parteikollegen Ströbele angestoßen und von Stefan Raab musikalisch veredelt wurde.



Soweit die vier Beispiele. Woher kommt diese affektbetonte Form des Protests? Offenbar scheinen die Protestierenden nicht damit einverstanden zu sein, dass der öffentliche Raum mit politischer Propaganda zugebildert wird. Es ist ein individueller, sublimer Protest und das macht ihn so außergewöhnlich, da er sich von cliquenbewirtschafteten Protestformen abhebt.

[Fotos: Anselm Geserer]

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