Über Grundgefühle singen: Am Freitag spielt die Band Helgen im Swamp

Bernhard Amelung

Die Band Helgen macht Indierock mit elektronischem Einschlag. Am Freitag stellt sie ihr Debütalbum "Halb oder gar nicht" im Swamp vor. Bernhard Amelung hat mit Sänger Helge Schulz gesprochen – über Fernbeziehungen und Schwebezustände.

Helge, wem erklärst du in deinem Song "Lass uns Feinde sein" die Feindschaft?

Helge: Ich singe über ein Grundgefühl, das ich vor ein paar Jahren hatte. Manche Menschen aus meinem Umfeld waren nicht ehrlich zu mir. Ich fühlte mich von ihnen hintergangen. Diese Erfahrung habe ich zum Anlass genommen, dieses Lied zu schreiben.

Was bedeutet "Lass uns Feinde sein" heute für dich?

Helge: Beim Schreiben dieses Songs konnte ich mit der Vergangenheit abschließen. Beim Schreiben verarbeite ich immer, was mir oder Freunden widerfährt.

Mit der Songzeile "Ich will den Leuten sagen, dass ich sie scheiße finde" kommst du sehr direkt rüber. Bist du auch privat ein direkter Mensch?

Helge: Wenn mir etwas nicht passt oder wenn mich jemand verarscht, bin ich sehr direkt. Aber dieser Song spielt auch sehr mit dem Gefühl, hin und her gerissen zu sein zwischen Direktheit und Diskretion. In manchen Situationen ist es besser, wenn man einen Satz wie "Ich finde dich scheiße" nicht sagt. Wo wären wir, wenn alle immer sofort sagen, was sie denken. Das ist ein utopischer Gedanke.

Wie gehen die Menschen aus deinem Bekanntenkreis mit deiner Direktheit um?

Helge: Sie kommen gut damit zurecht. Der Song enthält aber auch viele ironische Passagen. Da kann man sich selbst überlegen, was die Verse bedeuten.

In "Hamburg und Amsterdam" singst du über ein Paar, das eine Fernbeziehung führt. Wie autobiographisch ist dieser Song?

Helge: Sehr autobiographisch. Meine Freundin lebte in Amsterdam, ich lebte in Hamburg.

Wie lässt sich in einer Fernbeziehung die räumliche Trennung ertragen?

Helge: Eigentlich gut, wenn man ein Mensch ist, der weiß, was er möchte. Ein wichtiger Faktor einer Fernbeziehung ist, dass man gut alleine sein und sich selbst beschäftigen kann. Je langweiliger einem ist, je weniger um einen herum passiert, desto stärker glorifiziert man das Zusammensein mit der anderen Person.

Wie gelingt es, trotzdem Nähe aufzubauen?

Helge: Indem man versucht, die andere Person an seinem Leben so gut wie möglich Teil haben zu lassen. Dazu gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Jedes Paar muss das aber für sich selbst herausfinden. Manche telefonieren täglich, andere schreiben täglich E-Mails. Das eine probate Mittel gibt es nicht.

Was war für dich sehr wichtig?

Helge: Dass man sich vertrauen kann und dass man sich einig ist, was eine räumliche Trennung für die Beziehung bedeutet. Ich habe für mich herausgefunden, dass eine Fernbeziehung für mich gut funktioniert, wenn ich viele Dinge mache. Ich bin ja so in meinem Musikkosmos drin, dass ich nicht das Bedürfnis habe, jeden Tag meine Gefühle mit jemandem zu teilen.

Das Thema Beziehungen zieht sich durch das ganze Album hindurch. Ab wann stand fest, dass "Halb oder gar nicht" ein Album über die Liebe wird?

Helge: Das ist einfach so passiert. Die Songs auf dem Album sind über einen längeren Zeitraum entstanden. "Halb oder gar nicht" ist ein typisches erstes Bandalbum, auf dem sich unterschiedliche Sounds und Arrangements treffen. Wir haben uns musikalisch ausprobiert, sind verschiedene Richtungen gegangen, und dass das Thema Liebe so vorherrschend ist, kam übers Schreiben.

Die Band Helgen ist ja ein Trio. Wer gibt den Ton an?

Helge: Der Produzent Olaf Opal, den wir uns für unser Debütalbum ins Boot geholt haben. Er hat unter anderem The Notwist und Naked Lunch produziert und arbeitet aktuell mit Bands wie Juli oder Sportfreunde Stiller zusammen.

Warum habt ihr mit einem externen Produzenten zusammen gearbeitet?

Helge: Wenn man sich als Band selbst produziert, kommt man an einen Punkt, an dem man sich nicht mehr steigern kann. Wenn dann jemand wie Olaf dabei ist, der einem das Gefühl und die Sicherheit verleiht, dass man einen Sound noch weiter ausarbeiten oder ein Thema vertiefen kann, ist das gut. Er hat mit uns viel darüber gesprochen, was er empfindet.

Bei welchen Songs war sein Input besonders hilfreich?

Helge: In allen Stücken, die weniger gitarrenlastig sind. Wenn man uns live erlebt, stand bisher die E-Gitarre im Vordergrund. Das hatte immer eine Rocktrio-Attitüde. Der Aspekt, die Gitarre anders zu denken, in Soundscapes und Flächen, die Arbeit mit Effektgeräten und Synthesizern, war neu und cool. Wir haben von der Arbeit an unserem Debütalbum sehr als Musiker profitiert und die Grundlagen für ein weiteres Album gelegt.

Von welchem Gefühl singst du eigentlich im Titelsong? Ein Vers heißt da "Solange alles schwebt, müssen wir nicht landen".

Helge: Wir befinden uns gerade in einer Phase unseres Lebens, in der wir schauen, wohin die Reise geht. Wir machen Musik, wir lieben es, Musik zu machen. Wir sind aber auch geprägt vom Leben unserer Eltern und der Gesellschaft. Man bekommt immer auch gesagt, dass das Leben als Künstler nicht das Sicherste ist auf dieser Welt. Aber für mich ist dieser Zustand etwas Schönes. Ich empfinde diesen Schwebezustand nicht als etwas, das mich unruhig macht. Es ist schön, wenn man machen kann, was einen glücklich macht.
Was: Helgen
Wann: Freitag, 19. Januar 2018, 20 Uhr
Wo: Swamp, Talstraße 90, 79102 Freiburg

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