UB-Typologie

Meike Riebau

Alle Welt redet von Internetflirtseiten. Hier findet angeblich jedes Töpfchen sein Deckelchen, jede Henne ihren Hahn und jeder Fisch sein Fahrrad. Alles Quatsch, Leute! Der wahre Heiratsmarkt findet in Freiburgs wohl hässlichstem Gebäude statt: der UB. Ihr dachtet, da geht man zum Lernen hin? Von wegen: Zwischen den Regalen wird zart angebandelt, werden kokette Blicke getauscht und Bündnisse fürs Leben geschlossen.



Um Abirrungen zu verhindern sollten ein paar kleinere Regeln beachtet werden: Die Wahl des Stockwerks ist von grundsätzlicher Bedeutung. Hier ein kleiner Guide, damit ihr euch nicht in fremde Gefilde verirrt.

1. Stock, Übungsräume:

Bitte möglichst geschäftig und gebildet tun, Brille ist von Vorteil. In diesem komischen gelben Licht sieht jeder gleich beschi...ähh unvorteilhaft aus, deswegen geht es hier wirklich nicht um Äußerlichkeiten: Zeigt in eurem Tutorat, was in euch steckt ? beeindruckt den Nerd in der Ecke mit Insider-Wissen über die 2. Lautverschiebung und Minnegesang aus dem Mittelalter. Hinterher wird er dich schüchtern fragen, ob ihr vielleicht zu zweit eine Lerngruppe (Haha) aufmachen könntet (Wird in Lerngruppen jemals gelernt?).

2. Stock, Café:

Hier triffst du die Spezies, die sich schon an der Garderobe überlegen, zuerst noch einen Motivationskaffee einzuschieben. Aus einem Kaffee werden zwei, dann noch ein Schokohörnchen - schließlich kommen andauernd Bekannte vorbei, die unterhalten werden wollen. Unversehens ist es Mittag und damit Mensazeit. Und nach dem Essen ist natürlich ein Verdauungskäffchen absolut notwendig. Gegen vier Uhr läuft er dann so langsam in den oberen Stockwerken ein, empört, dass sein Lieblingsplatz am Fenster schon wieder weggeschnappt wurde ("Immer diese Streber"). Netter Geselle, der garantiert nicht schwer kennen zu lernen ist. Er ist bekannt wie ein bunter Hund und irgendeine deiner Freundinnen wird ihn schon kennen. Unterhaltsam ist er bestimmt, allerdings solltest du darauf gefasst sein, dass er zu Verabredungen viel zu spät oder gar nicht kommt, denn auf dem Weg dahin trifft er vielleicht jemanden, den er noch viel netter findet. Oder fährt spontan mit dem Zug nach Rom. Oder so.

4. Stock:

Geisteswissenschaften. Dresscode: Eher entspannter. Zu später Stunde werden hier auch schon mal die Schuhe samt Socken ausgezogen und auf den Tisch gelegt. Wir sind ja schließlich unter uns. Hier könnt ihr auch ein bisschen flüstern. Guter Gesprächsaufhänger ist zum Beispiel der komische Typ am Tisch nebenan, der schon seit drei Stunden schläft und bei dem sich eine riesige Speichellache um den Kopf gebildet hat.

5. Stock, Rechtswissenschaftliche Abteilung:

Angeblich studiert Deutschlands begehrtester Junggeselle in Freiburg. Und wo könnte man ihn treffen, wenn nicht in der UB? Diesen Gedanken hat sie im Hinterkopf, wenn sie morgens überlegt, was sie zu einem Lerntag anziehen soll. Beliebte Variante: Reiterstiefel und Burberry-Bluse, man muss schließlich für alles gerüstet sein. Sieht gut aus und hält warm, schließlich ist die Klimaanlage immer (Hallo Hausmeister!) zu kalt eingestellt. Ansonsten herrscht hier geschäftige Umtriebigkeit. Denn erstens müssen die Mädels hier ja zeigen, was sie anhaben, und zweitens könnte ihnen sonst der Junggeselle abhanden kommen.

Außerdem ist ständiger Blickkontakt mit den fünf Freundinnen essentiell. Wenn ihr sie ansprecht, müsst ihr damit rechnen, dass ihr binnen fünf Sekunden Gesprächsthema ihrer fünf Freundinnen seid, und eifrig über euch spekuliert wird (“Hatte der nicht mal was mit Anna M.? Auf der Party? Ist der nicht mit der Benni-Clique befreundet?”).

5. Stock, Mediziner :

Stille. Absolute Stille. Wer hier Kontakt mit seinem Nachbarn aufnehmen will, sollte dies auf sehr diskrete Art und Weise tun, denn diese Menschen sind tatsächlich in erster Linie hier, um zu lernen. Lasst euch nicht von ekligen Tripper?Abbildungen ablenken. Geeignete Anmache: Ein schüchterner Zettel (“Lernst du auch grad für Physio? Sieht echt beeindruckend aus, in welchem Tempo du deine Karteikarten durchgehst. Brauchst du nicht mal eine Lernpause?”) sollte ausreichen.