U25: Toter Toter bleibt am Leben

Johanna Schoener

In Deutschland begehen jeden Tag drei Jugendliche Selbstmord. Nach Unfällen ist Suizid die zweithöchste Todesursache bei Jugendlichen. Hilfe für verzweifelte unter 25-Jährige und deren Angehörige gibt es bei "U25", dem Jugendprojekt vom Arbeitskreis Leben Freiburg. Das Besondere: Die Jugendlichen werden von Gleichaltrigen beraten und alles läuft anonym über E-Mail.

„Hallo, schön dich zu sehen“, wird man von einer animierten Mädchenzeichnung empfangen, wenn man die Homepage von „U25“ aufruft. Das Mädchen blinzelt und lächelt. Klickt man das Trauerforum an, werden ihre Augen rot und eine dunkle Wolke braut sich über ihrem Kopf zusammen. Beim Mutmachforum dagegen streckt sie ihren Daumen in die Höhe. Auf der Homepage erhalten unter 25-Jährige und ihre Angehörigen aber nicht nur Infos zum Thema Suizid und Unterstützung in Foren, sondern können auch eine so genannte Helpmail absenden. 

Nikolai Sexauer ist einer der 16 Jugendlichen, die diese Mails unter Anleitung der Sozialpädagogin Daniela Ball beantworten. Der Zwölftklässler hat dafür vor zwei Jahren die Ausbildung zum ehrenamtlichen Krisenbegleiter absolviert. Um zum so genannten Peer-Berater zu werden, setzen sich die Jugendlichen an drei Wochenenden und sechs Nachmittagen mit den Themen Suizid und psychischen Erkrankungen auseinander, besuchen Beratungsstellen in Freiburg und üben die E-Mail-Beratung.


„Ein wichtiger Teil der Ausbildung ist auch die Beschäftigung mit eigenen Lebenskrisen“, sagt Daniela Ball. Im Gegensatz zu einigen seiner überwiegend weiblichen Kolleginnen hat Nikolai selbst bisher keine Lebenskrisen durchstehen müssen oder persönliche Erfahrungen mit dem Thema Selbstmord gemacht. „Ich wollte was Soziales machen“ , erklärt er seine Beweggründe, sich bei „U25“ zu engagieren. Träger des Projekts ist der AGJ, der Fachverband für Präventation und Rehabilitation in der Erzdiözese Freiburg. Von Gewichts- und Beziehungsproblemen bis hin zu Vergewaltigungen, Unglücks- und Todesfällen: Die Gründe, aus denen die Klienten E-Mails an die Krisenbegleiter schicken, sind vielfältig und krass. Für den 18-jährigen Nikolai ist die Konfrontation mit diesen Themen nicht so belastend, wie man annehmen könnte: „Durch das Medium Internet bleiben die Fälle ziemlich abstrakt.“ Die Anonymität des Internets ist offenbar auch von Vorteil für die Klienten. Die Hemmschwelle, eine Mail abzuschicken, ist nicht so hoch, wie zum Telefonhörer zu greifen oder sich persönlich Hilfe zu suchen.

Seitdem das Projekt im Jahr 2001 gestartet wurde, sind die Zahlen der E-Mails, die im Posteingang von „U25“ landen, stark angestiegen. 1217 Mails waren es 2006. Abgesendet werden sie nicht nur aus dem Umkreis von Freiburg – sogar aus Afrika gab es schon elektronische Post. Grund für den Erfolg von „U25“ ist sicherlich auch das Konzept Jugendliche beraten Jugendliche. „Wir sind eher auf einer freundschaftlichen Ebene für die Klienten da“, so Nikolai.  „Darksunshine“, „trauriges girl“, „toter Toter“ und „Träne“ – viele der Pseudonyme, die man im Gästebuch der Homepage lesen kann, sprechen für sich. Im Gästebuch kann man aber auch entnehmen, dass die User bei „U25“ Trost finden. „Ohne euch würde es mich vielleicht nicht mehr geben, ihr seid einfach nur klasse“, schreibt zum Beispiel „Mela“. Einem anderen Mädchen scheint es ähnlich zu gehen: „Ohne eure Hilfe weiß ich nicht, ob ich noch leben würde.“

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