Typologie der Supermarktkunden

Eva Hartmann

"Zeig mir den Inhalt deines Einkaufskorbes und ich sage dir wer du bist!" - selbst beim alltäglichen Lebensmitteleinkauf lassen sich Klischees bestätigen: Gestresste Mamis kaufen gern Nudeln und Ketchup, Singles meistens Pudding und Computerzeitschriften. Eva hat die gängigsten Einkaufsgewohnheiten für euch in einer Typologie der Supermarktkunden zusammengefasst.



Die gestresste Mama hetzt wie eine Aufziehmaus auf Speed nach einem genau abgesteckten, möglichst zeiteffizienten Streckenplan durch die Supermarktabteilungen. Das jüngste Kind klemmt erst nörgelnd, spätestens an der Kasse aber lauthals plärrend, im Gittersitz des Einkaufswagens und versucht ständig, irgendwelche Produkte (vornehmlich Süßigkeiten) aus den Regalen zu zerren und in den Einkaufswagen zu schmuggeln. Dass die gestresste Mama noch mindestens zwei weitere Kinder hat, von denen eins gerade mit Grippe im Bett liegt und das andere bald aus der Schule kommt und dann ein warmes Mittagessen vorzufinden wünscht, kann man am Inhalt ihres Einkaufswagens erkennen: Zwieback, Kamillentee, etliche Kilo Nudeln, Kochschinken, Reibekäse und Ketchup. Außerdem: Bier für Papa und Windeln für das Kleinste.

Den überalterten Öko-Papa
mit Kind kann so schnell nichts aus der Ruhe bringen. Im Gesicht trägt er einen bereits leicht ergrauten Vollbart und eine Nickelbrille,  auf dem Rücken seinen Sohn, und am Unterarm den mitgebrachten Weidenkorb. Derartig bepackt stapft er grundsätzlich immer in knielangen Hosen und unter Zurschaustellung seiner irgendwie drollig wirkenden,  weil kugeligen Waden, barfuß in Römerlatschen durch den Supermarkt. Während er Joghurt (im Glas) und Milch (in der Flasche) in seinem Weidenkorb versenkt, erklärt er seinem neugierigen Sohn die ethisch-moralischen Vorzüge von glücklichen Hühnern und Öko-Käse. Auffällig ist, dass er stets sämtliche Fachverkäuferinnen bei vollem Namen kennt und anspricht. An der Käsetheke will er nicht nur beraten werden, sondern muss  die Unterschiede zwischen bretonischem Ziegengouda und Schwarzwälder Bärlauchbrie notwendigerweise mittels auf Zahnstocher gepiekster Kostproben erschmecken.


Das Pärchen gibt nur selten einen harmonischen Eindruck ab: Während sie sich mindestens zweimal umentscheidet, was es nun am Abend zu essen geben soll, schleppt er nörgelnd den Einkaufskorb hinter ihr her, schlägt immer wieder „Pizza“ oder „Spiegelei“ vor, und beschwert sich über das chaotische Ladendurchquerungskonzept seiner Liebsten. „Wir waren doch vorhin schon beim Gemüse, hättest du die Gurken nicht da schon einpacken können?!“  - „Da wusste ich ja noch nicht, dass es heute Abend Gurkensalat geben soll!“. Packt er sich ein Sixpack Bier in den Korb, entfernt sie dieses sofort mit vorwurfsvollem Blick und ersetzt es durch eine Flasche Sekt, wobei sie ihm mit mäuseartig gerümpfter Nase albern kichernd irgendwelche Schweinereien ins Ohr flüstert. Pärchen kaufen übrigens auffallend oft Fertigzubereitungen und scheinen nur selten richtig zu kochen.

Der WG-Einkauf
lässt sich sofort erkennen: Zwei oder mehr Leute surfen mit dem Einkaufswagen in halsbrecherischer Manier durch die Gänge und fegen nebenher jede Menge Toastbrot, Scheiblettenkäse, Ketchup, Eistee und Bier in den Wagen. Sie kaufen mindestens drei Doppelpackungen Pizza, grundsätzlich nie frisches Obst oder Gemüse und unterhalten sich nebenher entweder über die anstehende Uniklausur, die Party vom letzten Wochenende oder das bevorstehende Konzert einer befreundeten Band. An der Kasse schauen sie alle wie gebannt dabei zu, wie die Kassiererin ein Produkt nach dem anderen über den Scanner zieht – auf die Idee, das Zeug sofort in den Wagen zu packen, kommen sie meistens nicht. Deshalb bildet sich hinter ihnen immer ein mittelschwerer Stau, der besonders ohnehin schon gestresste Mamas nervt und zu entsprechend ungeduldigen Zisch-, Stöhn- und Schnalzlauten animiert.


Auch der Partyeinkauf ist eindeutig zu identifizieren: Vier Jungs schleppen jeweils einen Bierkasten mit einem aufgestapelten Turm aus harten Alkoholika, Chips, Erdnuss Flips und Salzstangen zur Kasse. Dort angekommen checkt einer per Handy die weiteren Vorbereitungen der Party ab, wobei er Sätze fallen lässt wie „Kommt Julietta auch?“, oder „Nee, sag denen, die sollen selber noch Bier mitbringen“. Erstaunlicherweise zählen sie zu den am besten organisierten Einkäufern: Einer der Jungs hält stets die Scheine zum bezahlen bereit und zum Transport der Kisten haben sie einen Bollerwagen/ Fahrradanhänger gleich vor dem Supermarktausgang platziert.

Der ungesunde Single
hat grundsätzlich kein einziges Produkt in seinem Einkaufskorb, das nicht von irgendeiner Plastikverpackung umgeben ist. Selbst sein Obst kauft er nicht am Stück, sondern zu völlig überteuerten Preisen aufgeschnitten in schwarzen Plastikschälchen. Ein Blick in seinen Einkaufskorb offenbart jedoch, dass dies die einzige halbwegs gesunde Komponente in seiner Ernährung zu sein scheint: drei verschiedene Sorten Pudding, ein Fünferpack Fischstäbchen, Chips, Schokowaffeln, Schmelzkäseecken und geschnittenes Graubrot im Plastikbeutel scheinen ihm zur Aufrechterhaltung seiner Körperfunktionen ausreichend zu sein. Als geistige Nahrung packt er gerne noch eine Computer- oder Gaming-Fachzeitschrift ein.

Die gesundheitsbewusste Studentin
ist eine der wenigen, die ihren Einkauf noch anhand eines Einkaufszettels abarbeiten. Vermutlich hat sie vor dem Einkauf diverse Vollwert-Kochbücher gewälzt und ihr Einkaufszettelchen anhand der Zutatenliste für „Fenchel mit Tomatensoße“ oder „Grünkernbratlinge mit Gurkengemüse“ erstellt. Sie kauft auffallend viel frisches Obst und Gemüse, achtet darauf, dass der Fetakäse auch wirklich aus Schafsmilch gemacht wurde und kauft keinen Thunfisch ohne „Dolphin-safe“-Symbol auf der Dose. Diejenigen dieser Exemplare, die bunte Holzkügelchen in ihren Dreadlocks tragen, kaufen auch gerne kosheren Rotwein, Paprikaseitan und geschwefelte Mangoscheiben. Bevor sie zur Kasse geht, packt sie noch den aktuellen „SPIEGEL“ und/oder eine Zeitschrift für vegetarisches Kochen ein.

Der Pennbruder steht meistens so lange vor dem Eingang des Supermarktes, bis es genügend Geld für seine paar täglichen Notwendigkeiten zusammengeschnorrt hat. Dann schleicht er, oft unter den leicht angewiderten Blicken anderer Einkäufer zielstrebig durch die Regale, um an der Kasse eine Miniflasche Chantré, eine Dose Hundefutter und ein Stück Salami ausschließlich mit Kleingeld zu bezahlen. Wenn man ihm seine Leergutquittung oder ein Frikadellenbrötchen schenkt, freut er sich sehr.



Der Delikatessen-Snob
trägt fast immer nur schwarz und ist von auffallend schlanker Statur. Ist er männlich, ziert ein auffällig schmaler, schwarzer Bart seine Oberlippe; die weiblichen Exemplare schmücken Hals und Schulter gerne mit einem pastellfarbenen Pashminaschal. Ohne mit der Wimper zu zucken, laden sie ausschließlich die teuersten Produkte in das mitgebrachte Einkaufsnetz: 125g chilenische Himbeeren für 8 Euro? Kein Thema! 50g eingelegte Artischocken für 4 Euro? Warum nicht! Dazu: Delikatess-Rucolapesto, Champagner, Büffelmozzarella und grundsätzlich nur augefallenes Obst und Gemüse wie Romanescu, Pithaya und Granatapfel (Äpfel, Birnen und Blumenkohl sind irgendwie einfach zu ordinär).


Die weingummisüchtigen Grundschulkinder
trifft man eigentlich nur zwischen 11 Uhr und 12 Uhr 30 im Supermarkt an. Mit riesigen, oft von Weltallbeförderungsmitteln oder langhaarigen Hundwelpen gezierten Tornistern wackeln sie turnbeutelschlenkernd zielstrebig zum Süßigkeitenregal. Dort zählen sie umständlich ihre paar Cent zusammen und rechnen gemeinschaftlich aus, ob das denn jetzt für eine Packung saure Zungen und eine Dose Limonade reicht. Die Kassiererin sieht von diesen Zwergen meist nicht mehr als eine kleine Hand, die ihr von irgendwo unterhalb des Kassenbands her einen Haufen Kleingeld reicht. Unmittelbar danach sehen die Grundschulkinder das Geschäft für erledigt an und entfernen sich - müssen sich jedoch meistens damit abfinden, von der Kassiererin zurückgepfiffen zu werden und zu warten, bis diese die Groschen und das Kupfergeld fertig gezählt hat.