Typologie der Partyfoto-Posen

Manuel Lorenz

Mit den Digitalkameras kamen auch die Partyfotos. Zuerst für irgendwelche Internet-Portale; dann, seit den Fotohandys, für den eigenen Online-Auftritt auf StudiVZ oder Facebook. Mittlerweile kann man nirgends mehr feiern, ohne Gefahr zu laufen, abgelichtet und ins Netz gestellt zu werden. Dank zahlreicher Online-Galerien wissen wir genau, wie wir in die Kamera zu schauen haben. Dabei hat sich ein fester Korpus von Gesten herausgebildet, die sich in immer wieder auftauchende Kategorien mit unendlichen Varianten einteilen lassen. Eine Typologie.

 

KISS-Mund


Die neuseeländischen Maoris begrüßten sich in Kriegszeiten mit weit aufgerissenem Mund und ebenso weit herausgestreckter Zunge, im Ländle wehrt der zornige „Neidkopf“ vom Giebel aus Unheil und Böses ab und seit den 1970ern zeigen uns die Hardrock-Opis von KISS ihren satanischen Zungenbelag. Im Club markieren paarungswütige Männer dadurch ihr Revier, erklären sich Kampfbereit und halten ihre Mitstreiter auf Abstand. Geht oft mit ausgefallenen Piercings, ornamentalen Tattoos und anderen urtümlichen Stammesmerkmalen einher. Frauen wollen derart eher auf die sinnlichen Verwendungsmöglichkeiten des Organs hinweisen (siehe hierzu aber auch den Blasebalg, bei dem mit der Zunge die hole Wange ausgebeult wird); auf Studi-Partys ist die Grimasse auch als Einstein-Fresse bekannt.

Der Gr-Öh!-lian

Das laute Gegröle des Umlauts Ö haben die meisten im Fußballstadion gelernt. Es kommt aus Zeiten, in denen der Mensch sich noch mit Hilfe von Steinen und Keulen den Schädel einschlug. In der Disko steht es für Männlichkeit; auf Kunstvernissagen kennt man eine verfeinerte Form des Gr-Öh!-lians, die Edvard Munchs „Schrei“ zum Vorbild hat. Besondere Vorsicht ist auf Wasabi-Nights geboten. Hier könnte es sich um Teilnehmer eines Schrei-Wettbewerbs handeln.

Der Leckerschmecker


Der Mensch stammt nicht vom Affen sondern vom Chamäleon ab. Entweder reckt er nämlich die Zunge akrobatisch in Richtung der begehrten Beute und sagt: Ich habe Hunger! Oder er startet eine aggressive Leckattacke, die sein Opfer entweder erregt oder anekelt. Appetit kann aber auch durch eine laszive Fahrt der Zunge über die Lippen bezeugt werden. Dem Fotografen hingegen wird oft die neckische Ätschibätsch-Zunge entgegengestreckt.

Knut Schmidt


Knutsch mit! scheint die Aufforderung zu lauten, wenn ein (Un-)Glücklicher, der geradewegs in die Kamera schaut, auf die Wange geküsst wird. Der Traum eines jeden Mannes ist aber unergründlicherweise, einem Bridonna beizuwohnen – zwei ansehnlichen Frauen also, die sich leidenschaftlich auf den Mund küssen. Namensgebend waren dabei Britney Spears und Madonna, die sich durch ihre Schmuserei bei den MTV Video Music Awards 2003 auf ewig ins popkulturelle Gedächtnis knutschten.

Das Duckface


Eingezogene Wangen und geschürzte Lippen sollen ihn ironisch und sie ein paar Kilo leichter wirken lassen. Auf dem Foto sieht das berühmt-berüchtigte Entengesicht dann aber eher dämlich aus, wie das Weblog „Stop Making that Duckface“ beweist. Ähnlich dämlich ist die Hugh-Grant-Schnute, die Jungs zum netten Kerl von nebenan und Mädels zur Unschuld vom Lande macht. Leicht geöffneter Mund, zögerliches Lächeln, unbedarft hochgezogene Augenbrauen und manchmal sogar verschämt geschlossene Augen. Schade, dass so eine Mimik nur in romantischen Komödien funktioniert. Im wirklichen Leben endet sie stets mit dem Satz: „Du bist für mich wie ein Bruder/eine Schwester.“

Die Siamesischen Party-Zwillinge

Mädels, die miteinander durch Dick und Dünn gehen – das heißt: sich gemeinsam durch die Getränkeliste des Clubs trinken – rücken ihre Köpfe auf Fotos ganz besonders nah zusammen. Wenn sie dann noch dieselbe Haarfarbe haben, könnte man meinen, sie seien an den Schläfen zusammengewachsen. Eine schmetterlingsartige Version jenes Duos ist das Doppelte Flittchen, welches im Zweierpack männerverzehrend durchs Nachtleben flattert.

Der Philosuffie


Wir Deutschen sind ein Volk der Dichten und Denker. Damit reihen wir uns in eine lange Tradition ein, denn schon immer erlangten Schamanen und Druiden ihre Weisheit im Vollrausch. Aber auch die griechischen Philosophen wussten zu bechern. Heraklit erkannte, dass alles fließt, Platons Symposien waren ausgelassene Trinkgelage und Sokrates trank sich am Ende ins Grab. Rein oder nicht rein – mit dem Tequila –, das ist hier nur eine rhetorische Frage. Die Hand also ans Kinn und den Blick auf das Jenseits außerhalb des Fotos gerichtet – und fertig ist der Party-Penseur. Weniger tiefgründig feiern der Sausen-Snob und die Dissen-Diva. Der ernste Blick und die verächtlich gerümpfte Nase sollen signalisieren, dass ihnen die Musik zu beliebig, die Drinks zu schal und die Leute zu blass sind. Insgeheim aber wünschen sie sich, einfach nur angenommen zu werden.

Fingeritis

Die Verwendungszusammenhänge menschlicher Handzeichen sind so vielfältig wie der Homo sapiens selbst: Vom christlichen Segnungsgestus über Winnetous „Hau!“ und den pfadfinderischen Wölflingsgruß bis hin zu Stefan Effenbergs Mittelfinger und Mister Spocks Vulkaniergeste.

Auf Partyfotos weiß man daher oft nicht, was ein Handzeichen zu bedeuten hat. Der Däumling, ein nach oben zeigender Daumen, sagt freilich aus, dass die Party, man selbst oder alles zusammen ganz toll ist. Wird dann noch der kleine Finger abgespreizt, bedeutet das Hang Loose und man outet sich als Strand-affiner Wellenreiter. Als Schluckspecht verrät sich, wer nun noch den Kopf in den Nacken legt und den Daumen an den weit geöffneten Mund führt.



Am häufigsten sieht man aber das Victory- oder Peace-Zeichen – Zeige- und Mittelfinger also – das in folgenden Varianten in Erscheinung tritt: Hippie, Nippon, Esel (hinter dem Kopf eines Leidtragenden) und Gangster Typ (schief gehalten mit der Handfläche zum Körper).

Als Schlimmer Finger zeigt der Zeigefinger auf den Feierkomplizen oder in die Kamera – letzteres will sagen: „Obacht! Hier san mia!“ Zeige- und kleiner Finger symbolisieren auf Death-Metal-Konzerten ein herzhaftes „Servus Satan!“, in den USA die I-Love-You-Buchstaben ILY.

Achtung! Im Partydeutschland mit südeuropäischen Migrationshintergrund gebraucht man jenen Fingerzeig, um den Cornuto, den Gehörnten und also vom Partner Betrogenen zu identifizieren.  

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