Typologie der Kinogänger

Johanna Schoener

Schlangestehen in der Kälte, Gedränge vor aufpoppenden Maiskörnern und schwitziges Jackengewühl im Foyer, hektischer Klogang, halbtrockengeföhnte Hände und dann sich endlich fallenlassen in rotegepolsterte Entspannung. Ob Berieselung oder Kunstgenuss – das Kino ist ein Ort, an dem man sich selbst vergessen kann. Wären da nur nicht die anderen Kinogänger. Film ab!



Die junge Familie: Allen voran nimmt die Mutter im Stechschritt Kurs auf die beste Sitzreihe, im Schlepptau zwei Kinder, die nicht aussehen, als wären sie schon über zwölf. Papa ist noch draußen, die Utensilien besorgen, die das von langer Hand geplante Familienereignis perfekt machen sollen: Für die Kleinen je eine Schachtel Eiskonfekt, für die Mama Balisto und für sich ein kühles Pils, damit er sich die Komödie schöntrinken kann. Vorsicht, der Platz hinter dem kleinen Jungen ist kein Garant für freie Sicht auf die Leinwand, denn Papi mimt heute ganz den perfekten Versorger. Sobald er die Verpflegung herangeschleift hat, wird er wieder losziehen und dem Sohnemann zwei Kissen besorgen, die ihn zum Sitzriesen mutieren lassen. Ein Trost: ist das Eiskonfekt erstmal leergeraschelt, ist Ruhe im Karton. Die Kinder glotzen gebannt und die gestressten Eltern genießen es, abschalten zu dürfen.


Das Erste-Date-Pärchen dagegen wird erst während des Films aktiv. Das Kino ist und bleibt ganz oben auf der Liste, was beliebte Orte für das erste Treffen zu zweit angeht. Wo sonst kann man so gut zufällige Annäherungsversuche starten, ohne dem anderen in die Augen sehen zu müssen. Das Dunkel des Kinos als Schutz- und Alibiraum zum Abchecken, ob tatsächlich mehr gehen könnte. Falls ja, schön für das turtelnde Paar, schlecht für die Umsitzenden. Denn der Film wird dabei zur Nebensache. Im schlimmsten Fall wird das Getuschel während der nächsten romantischen Szene zum Geschmatze. Und das hat nichts mit Popcorn und Co zu tun… Übrigens, man kann den beiden nicht entgehen, indem man sich von Pärchensitzen fernhält, zwecks Tarnung würde ein Paar in der Anbahnungsphase niemals so einen Platz ansteuern.

Das langjährige Paar dagegen schon. Sie sitzt schon vorfreudig, als er mit zwei Flaschen Bier in der Hand und Lustlosigkeit auf der Stirn geschrieben hinterhergeschlappt kommt. Heute hat also sie den Streifen ausgesucht. Die Anfangseuphorie, in der sie den gleichen Filmgeschmack hatten, ist passé. Während sie – inspiriert von der leidenschaftlichen Knutschszene auf der Leinwand – versucht, den Pärchensitz auszunutzen, kommentiert er spöttisch und lauthals den „platten Plot der blöden Schnulze“. Sie: „Früher gefiel dir sowas doch auch.“ „Pssst!“, zischt es von hinten. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass der Typ sich zusammenreißt und sich darauf besinnt, dass er seine Partnerin nächste Woche mit einem Horrorthriller bestrafen darf.

Die zwei intellektuellen älteren Damen suchen sich in der Regel gezielt aus, welchem Kinoerlebnis sie beiwohnen möchten. Beflissen werden vorher die Feuilletons gewälzt, schließlich guckt man ja nichts X-Beliebiges. Kino, das soll eine ästhetische Unterbrechung des Alltags sein, kein Kommerz. Anstrengend werden die Damen, wenn der Film ihren Ansprüchen nicht genügt und sie schon vor dem ersten Höhepunkt anfangen zu diskutieren, ob man sich noch auf das Urteil der Wochenzeitung „Die Zeit“ verlassen könne. Sie gehören übrigens zu denen, über die man unter strafenden Blicken drübersteigen muss, wenn man sich erdreistet, schon während des Abspanns den Weg Richtung Klo einzuschlagen. Schwierig werden die Damen auch, wenn sich hinter ihnen eine Clique Halbstarker in der Reihe lümmelt.



Die Schulfreunde erregen nämlich nicht nur aufgrund der Lautstärke, in der sie ihre Popcornberge zunichte machen, Anstoß, sondern vor allem, weil die Maiskörner sich auch hervorragend als Munition zum Rumschnippsen eignen. Lauthalses Werbungraten ist ja noch ganz niedlich, aber Kommentare wie „der will die doch eh nur flachlegen“ während des ersten zwischengeschlechtlichen Wortwechsels auf der Leinwand bringen nicht nur die älteren Damen in Rage.

Der Filmfreak ist bei sowas besonders empfindlich. Schließlich muss er sich extrem konzentrieren. Jede Kameraeinstellung, jeder Bildschnitt wird von ihm genau registriert und mit früheren Werken des Regisseurs verglichen. Da stört schon ein läppisches Husten. Der Filmfreak weiß immer genau, wann welcher Streifen anläuft und freut sich wochenlang darauf, ihn endlich im Kino zu sehen. Die schlechte Raubkopie auf seinem Computer hat er sich schließlich bereits fünfmal zu Gemüte geführt. Nüchtern, unter Alkoholeinfluss, nachts um drei und zweimal mit ausgewählten Freunden. „Können Sie vielleicht ein bisschen leiser atmen?“ ist nur eine seiner Überreaktionen im Kinosaal. Eigentlich bräuchte er eine Privatvorstellung, damit ihn das Drumherum nicht ablenken und beeinflussen kann. Überall dieses Popcorngeknabber, diese Bierfahnen, dieses Geflüster und Getuschel… kurz diese Kinogänger!

Tja, in der Regel gilt nun mal – je größer die Leinwand umso mehr Gesellschaft. Aber unter Umständen kriegt man im Zuschauerraum sogar größeres Kino geboten als da vorne...