Typologie der Fitnesszentrumsbesucher

Eva Hartmann

Sie muss es wissen: Eva, unsere heroische Gewichtshalbiererin, hält sich zur Zeit öfter im Fitnessstudio auf als ein Arbeitsloser vor der Glotze. Hier ihre Typologie, vom klassischen Pumper bis zum dicken Mädchen.

Das Catwalk-Model



Ist selten unter 1,80 Meter groß und besteht beinahe aus nichts anderem als Beinen und wunderschönen, langen, blonden Haaren Mit ihrer elfenhaften Erscheinung zieht sie ausschließlich bewundernde oder missgünstige Blicke auf sich. Sie weiß um ihre Wirkung, die sie dezent mit einem Trainingsoutfit zu unterstreichen versucht, das zusammengefaltet in eine Streichholzschachtel passen würde. Falls dieses Outfit gerade in der Wäsche ist, wird das hautenge Top des Ersatz-Outfits bis unter die Brust hochgekrempelt. Menschlich kann man nur selten etwas mit ihr anfangen. So hübsch, wie sie ist, so arrogant gibt sie sich auch.


Die Magersüchtige

Ein tapezierter Knochen, dessen Trainingshose nur noch vom Hüftknochen am Rutschen gehindert wird. Sie ist so mager, dass ihr schon das Sprechen schwer fällt. Sportliche Leistung vermag sie nicht zu vollbringen. Sie schafft gerade soviel Bewegung, wie es braucht, um die zwei Pfefferminzbonbons und das Knäckebrot abzutrainieren, das sie am Tag zu sich nimmt. In der Umkleide wird das volle Ausmaß ihrer Magerkeit sichtbar. Jeder einzelne Knochen, selbst das Steißbein, tritt überdeutlich unter der weißen, papierartigen Haut hervor. Ihr Hintern ist so eingefallen, dass man ihre Beckenknochen selbst von hinten erkennen kann und während sie sich anzieht, straft sie alle, die mehr auf den Rippen haben, als sie selbst, mit angewiderten Blicken.

Der klassische Pumper

Hält sich vorwiegend im Freihantelbereich auf, um seinen ohnehin schon aufgebläht wirkenden Körper noch weiter zu stählen. Zwischendurch versichert er sich immer wieder, ob auch ja die Blicke aller Frauen an ihm haften. Ist dies einmal nicht der Fall, lupft er wie zufällig sein Shirt, um den Blick auf seinen perfekt bemuskelten Bauch freizugeben und so zu tun, als hätte er irgendetwas an seinem Hosenbund zurechtzurücken oder an seinem mp3-Player herumzudrücken. Verlässt das Fitnessstudio selten, ohne noch eine Dose Eiweißpulver zu kaufen und die Rezeptionistin erröten zu lassen.

Der Extremsportler

Macht sich mit einem einstündigen Berglauf auf dem Laufband warm, imitiert anschließend am Gerätezirkel die alleinige Bestreitung eines Vier-Zimmer-Küche-Bad-
Umzugs in den fünften Stock einer Altbauwohnung, um zum Schluss noch die halbe Tour de France auf dem Spinning Bike nachzufahren. Fachsimpelt mit den Trainern gerne über den letzten Marathon, den Iron Man von vor zwei Jahren oder die Vor- und Nachteile von Eiweißdiäten.

Das dicke Mädchen

Gibt es in zwei Varianten: Die einen sieht man während der ersten zwei Wochen nach Vertragsabschluss jeden zweiten oder dritten Tag und dann kaum noch. Dass Abnehmen wesentlich anstrengender ist, als Zunehmen, war diesem Exemplar nicht bewusst, weswegen das Training schnell vernachlässigt wird und ein Erfolg leider ausbleibt. Bekommt man die Gelegenheit, Gespräche zwischen ihr und ihrer schlanken Freundin mitzuhören, stellt sich schnell heraus, dass diese Sorte dicke Menschen von so einigen Faktoren determiniert sind: Die böse Zeit, der blöde Heißhunger, die doofen Trainer – irgendwas ist immer Schuld, dass es mit dem Abnehmen nicht so recht klappt. Da es ja sowieso keinen Ausweg gibt, bleiben sie gewissermaßen als Opfer der Umstände gezwungen, weiterhin dick zu bleiben.

Die andere Variante kommt drei- bis viermal pro Woche und strampelt sich fleißig ab. Sie hält durch, egal wie doof es aussieht, wenn der Speckbauch beim Training auf dem Crosstrainer auf- und abschwabbelt oder bei den Dehnungsübungen entblößt wird. An die zweifelnden bis mitleidigen Blicke der anderen hat sie sich besser gewöhnt, als an die Komplimente der Mitsportler. Während ihr erstere egal sind, machen sie letztere noch immer verlegen. Ihr beim Training zuzusehen, kann ungeheuer motivierend sein und es macht Spaß, ihre Erfolge anhand immer weiter werdenden Trainingsklamotten und sich verändernden Proportionen beobachten zu können.

Der ältere Herr

Möchte möglichst professionell rüberkommen und hat sich zu diesem Zweck ein schickes und vor allem knisterndes Ballonseiden-Outfit besorgt. Ganz in schimmerndem Weiß mit lila-türkisfarbenen Seitenstreifen läuft er eine Stunde lang von Station zu Station, um dort nach maximal vier Wiederholungen ein möglichst realistisch wirkendes und äußerst ausführliches Dehnungs-Posing zu betreiben. Fällt die ihm hierfür entgegengebrachte Bewunderung nicht zu seiner Zufriedenheit aus, entledigt er sich - Grundgütiger! – seiner Trainingsjacke und führt sein Imponiergehabe unter Zurschaustellung seiner schwabbeligen, weißen Oberarme und seines beängstigend großen Bierbauchs im khakifarbenen Baumwollunterhemd weiter. Wie er dabei aussieht oder wie es für denjenigen riechen mag, der direkt neben ihm und seinen unrasierten Achseln auf dem Laufband trainiert, interessiert ihn nicht. Der ältere Herr fühlt sich konsequent wunderbar und unwiderstehlich.

Die ältere Dame

Gibt es in zwei Ausführungen: Die erstere ist gertenschlank, perfekt frisiert und übertrieben bunt geschminkt. Ihr Trainingsoutfit enthält oft Zierornamente aus Glitzersteinchen, großflächig aufgestickte Designerlabels, Leopardenfelloptik oder im schlimmsten Falle alles gleichzeitig. Dass sie sich nicht recht mit dem Älterwerden anfreunden mag, wird an den missgünstigen Blicken deutlich. Diese vergleichen ihren Körper mit denen der 17- bis 22jährigen. Sympathisch auch, wie sie in der Umkleidekabine, während jemand wie ich gerade nackt in voller, orangenhäutiger und schwabbeliger Pracht dastehe, wie zufällig ein Gespräch mit ihrer ähnlich gearteten Freundin beginnt: „Die Tochter meiner Nachbarin ist ja auch entsetzlich fett...“ Die zweite Variante älterer Damen ist füllig bis stark übergewichtig und kommt ins Fitnessstudio, weil der Arzt gesagt hat, dass das so sein müsse. Immerhin verfügt das Fitnessstudio über einen tollen Saunabereich, in dem sie sich oft und ausführlich für die anstrengende Strampelei belohnen kann. Sie sucht das Gespräch vorwiegend mit jüngeren Mitstreiterinnen, mit denen sie dann in der Sauna gerne Kochrezepte austauscht oder ihnen aus ihrem langen Leben und dem dementsprechend reichen Erfahrungsschatz berichtet.

Das Powerpaket

Ist in der Regel weiblich, klein und schmal gebaut. Macht einen eher unauffälligen und zerbrechlichen Eindruck und sorgt dann im BodyPUMP!-Kurs gern für großes Erstaunen und reihenweise herunterklappende Unterkiefer, wenn sie sich mir nichts, dir nichts mal eben unter allen Teilnehmern das höchste Gewicht auf die Langhantel packt und sämtliche Übungen damit problemlos durchhält.

Das ältere Ehepaar

Möchte auf seine alten Tage nicht einrosten und hat sich daher für einen Vertrag mit dem Fitnessstudio entschieden. „Heinz“ und „Hilde“ könnten angesichts der eher geringen Anstrengung des rentnergerechten Pensums, das sie hier ein- bis zweimal pro Woche abarbeiten, mit dem gleichen Effekt jeden Tag ein Stündchen spazieren gehen. In der Natur gäbe es immerhin keine komplizierten Fitnessgeräte, die ihnen das Leben schwer machen könnten. Aber weil Fitnessstudios unter älteren Herrschaften gerade so angesagt sind, wurde diese Option verworfen.

Stattdessen treiben Heinz und Hilde jetzt zweimal pro Woche erfolgreich all ihre Mitsportler in den Wahnsinn, indem sie erfolgreich den reibungslosen Ablauf des miha-Zirkels behindern und einander die Welt erklären: „Kuck mal, Heinz! Isch habe schon dreißisch Puls!“ – „Nää, Hilde, dat sin de Umdrehungen, die wo de fahren tus!“ Lieber Heinz: die 30, die da auf dem Display angezeigt wird, ist die Wattzahl. 30 Watt, liebe Hilde, ist ungefähr so, als würdest du mit sehr viel Schwung einen sehr steilen Berg hinunterbrausen. Dabei verbrauchst du in etwa so viele Kalorien, wie dich das Schälen einer Banane kostet.

Dein Besuch in dieser noblen Hütte ist also tendenziell überflüssig. Aber wenn du schon regelmäßig kommst, wäre es nett, wenn du dich für die Zukunft wenigstens so weit in die Bedienung der Geräte einarbeiten würdest, dass deine Mitsportler nicht immer deinetwegen zwei bis vier Runden warten müssen, bevor sie ihre Trainingsrunde fortsetzen können.