Twitter.com: SMS an die Welt

Carolin Buchheim

Jeden Tag starten unzählige Web 2.0 Services. Ab und an probiert man mal ein paar dieser Services aus. Manchmal benutzt man einen dann auch regelmäßig, meistens aber nicht. Nur ganz selten begegnet einem ein neuer Web 2.0 Service, der einen wirklich begeistert, nein, richtiggehend umhaut. Und vielleicht sogar ein bisschen süchtig macht. Twitter ist einer dieser absolut seltenen, süchtigmachenden Services. Twitter: Alle Geeks tun es, und ihr solltet es auch.



Vor ein paar Monaten schickte mein Kumpel Garrett mir eine dieser automatisch generierten Web-Service-Einladungen: Try Twitter, it's cool!

Ich schaute mir den Service kurz an, besuchte Garretts Seite dort und kapierte nicht unbedingt, worum es ging.

"Ein weiteres Blog von Garrett? Warum? Er hat doch schon eins!" dachte ich, "Warum nur so kurze Einträge?" Schnell klickte ich mein Browser-Fenster wieder zu. So viel zu meiner Neugier und meinem Early Adopter-Sein.

Ein paar Wochen später checkte ich eins meiner Lieblings-Blogs, dessen Autorin seit ein paar Tagen auf das Einsetzen der Wehen zur Geburt ihres ersten Kindes wartete, und in ihrer Sidebar entdeckte ich eine Box. 'Twitter' stand darüber, und darin: "In labour! Do something, Internet!" Darunter: "15 minutes ago". Und ein Link zu ihrer Twitter-Seite. Dort stand die gleiche Nachricht. und "Send via txt". Via txt? Wie Text-Message? SMS? Toll! Sie lag jetzt gerade in den Wehen? Und meldete das per SMS ans Internet? Total durchgeknallt, ja, aber irgendwie auch toll.

"Twitter ist also gar kein Mini-Blog-Service, sondern ein Service mit dem man Kurznachrichten an sein Blog schicken kann?" dachte ich. "Aber warum braucht man sowas in Zeiten, in denen man eh' mit seinem Handy ins Internet geht?"

Ich hatte Twitter immer noch nicht wirklich verstanden.

Das tut man erst so richtig, wenn man anfängt, Twitter zu benutzen, und genau dass habe ich vor ein paar Tagen gemacht, und eins kann ich schon jetzt sagen: Twitter ist toll. Und fragt seine User: What are you doing?

Twitter ist alles und kann alles sein.  Ein Mini-Blogging-Service. Ein großes öffentliches Blog. Ein SMS-Dienstleister. Eine Social-Networking-Site. Ein riesengroßer Chat.

Online-Guru Robert Scoblemeinte gestern, in seinem Twitter-Stream natürlich, "The rule for Twitter? You can do anything you want in 140 characters."
Recht  hat er.

Twitter funktioniert so:
  • Man erstellt einen Account und somit sein eigenes kleines Twitter-Mini-Blog;
  • Man nennt Twitter seine Handynummer oder seinen IM-Chat-Client Login;
  • Man erhält man über das gewählte Medium eine Bestätigung, auf die man antworten muss; Für deutsche User, die ihr Handy anmelden, beinhaltet dass das Senden einer SMS an eine englische Telefonnummer;
  • Danach kann man Twitter per Handy beziehungsweise IM-Chat-Client ansteuern und so Nachrichten an Twitter senden. Nachrichten mit 140 Zeichen.
Soweit, so Mobile Blogging, so gut. Weil das ganze Web 2.0 ist, kann man sich natürlich mit Menschen 'befreunden'. Befreunden sie Dich zurück, sind sie 'Friends'. Verfolgen sie nur Deine Nachrichten, sind sie 'Follower'. 'Favourites' gibt es auch.

Der eigentliche Clou von Twitter: Alle eingehenden Nachrichten sind, sofern man sie nicht auf 'Privat/Friends Only' stellt, öffentlich. Es gibt also ein großes offenes Twitter-Blog, die Public Timeline, in der man alle Nachrichten sehen kann, die Twitter-User weltweit an Twitter schicken.

Weil Twitter-User ihre Nachrichten ganz leicht Geo-Taggen können, können alle Twitter-Nachrichten auf Twittervision, einem API-Mashup, auf einer Weltkarte in Echtzeit dargestellt werden. Dank Twittermap kann man in GoogleMaps sehen, wer so in der Umgebung ebenfalls Twitter-Nachrichten verschickt.



Und das Allerbeste: Man kann alle Nachrichten seiner Freunde ebenfalls auf dem Handy empfangen, aus dem Internet heraus; Selbst dann, wenn man weit weg von seinem Computer ist. Antworten kann man ihnen natürlich auch, und zwar entweder allen Freunden, oder nur einem einzigen Freund. Dazu steuert man Twitter per SMS mit einfachen Befehlen.

Das alles kostet, von der SMS an die englische Twitter-Telefonnummer abgesehen, nichts. Benutzt man Twitter über das Internet beziehungsweise über seinen IM-Chat-Client, treten überhaupt keine zusätzlichen Kosten auf.

Nettes Detail: gibt man in Twitter eine URL ein, verkürzt der Service sie automatisch per TinyURL, damit die 140 Zeichen die man versenden kann, nicht durch die URL aufgebraucht werden.

Hört sich ja alles nett an, aber wozu kann man Twitter denn jetzt benutzen? Ein paar mögliche Beispiele:

  • Blogging. Man kann seine Twitters per JavaScript als Mini-Blog in ein bestehendes Blog oder jede andere Website integrieren und von überall auf der Welt schnell per SMS updaten.
  • Kontaktpflege. Was machen meine Freunde? Guck' einfach in ihre Twitter-Streams. Der US-PräsidentschaftskandidatJohn Edwards benutzt Twitter, um seine Anhänger über seine Kampagne auf dem Laufenden zu halten.
  • Events. Festival- oder Konferenzveranstalter können mit einer einzigen SMS Updates an alle Teilnehmer schicken. Und die Teilnehmer können sich untereinander austauschen. Beim Musik & Online-Kultur-Festival SXSW in Austin, Texas, wurde Twitter genau so genutzt. [Das SXSW-Twitter-Blog sieht so leer aus, weil es nur für Freunde sichtbar ist.]
  • Local Knowledge. Dank Twitter kann man an einem fremden Ort schnell Informationen bekommen oder Kontakte schließen. Mein Kumpel Ben reist beruflich viel, und geht gerne joggen. Da er viele Kontakte bei Twitter hat, kann er, an einem neuen Ort angekommen, einfach eine Twitter-Nachricht schicken, um allen Bekannten (und den Rest der Welt) zu fragen, ob jemand ebenfalls vor Ort ist und nicht mit ihm joggen gehen will oder zumindest eine Strecke empfehlen kann. Egal, ob er in Kapstadt, New York oder Berlin ist.
  • Skills. Du suchst jemanden, der etwas besonderes kann? Egal ob das ein Webdesigner ist, jemand, der Dir einen Bezug für dein IKEA-Sofa näht, oder einen Iraq-Kriegs-Veteran für ein Interview für Deine Oral History-Hausarbeit: Bei Twitter kannst Du ihn vielleicht finden, denn Du fragst die ganze Twitter-Welt.
  • Fragen & Antworten. Du hast eine konkrete Frage? Frag Twitter. Letztens habe ich gegen jemandem gewettet, der behauptet hat, Sarah Kuttner habe sich für den Playboy ausgezogen. Wir waren in einem Club und haben zur Auswertung haben einen Freund angerufen. Nachts um eins. Wir hätten das auch Twittern können, und vielleicht auch eine Antwort erhalten. [Ich habe übrigens verloren, sie hat sich tatsächlich mal für den Playboy ausgezogen.]



Twitter ist im Moment, angefeuert durch SXSW, der absolute Hype und wächst rasant; Man munkelt von bestängiden User-Zahlen-Verdopplungen alle paar Tage. Der recht ungenaue Page-Rank-Service Alexa.com nennt für Twitter zumindest eine Traffic-Steigerung um +292% innerhalb der letzten drei Monate.

Genau dieses rasante Wachstum ist die größte Schwierigkeit, mit der die Twitter-Macher umgehen müssen: Wie behält man die Funktionalität des Service bei? Wie bewahrt man das einigermaßen kuschelige-Community-Gefühl, das Twitter gerade noch hat? Wie verhindert man Spam und den Mißbrauch von Twitter für Werbung? Wie ermöglicht man es den Usern, genauer zu bestimmen, wer welche Nachricht bekommt? Wie können User sicherstellen, dass ihre privaten Konversationen wirklich privat bleiben?

Die Twitter-Macher haben all' diese Probleme sicher auf dem Plan, denn sie sind alte Hasen im Web 2.0-Ding: Mit an Bord von Obvious Inc., der Firma hinter Twitter, ist Evan Williams, Gründer von Pyra Labs, der Firma, die Blogger.com entwickelte und die später an Google verkauft wurde.

Twitter ist Hype. Schauen wir mal, was passiert. Am besten auf Twittervision.

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