TV Noir #9: Kashmir und Chapeau Claque im Jazzhaus

Alexander Ochs & Florian Forsbach

Premiere bei TV Noir: Zum ersten Mal schickt das beliebte und gelungene Förderformat für gute Musik nicht in Deutschland beheimatete Künstler auf Tour. Die dänische Indierock-Größe Kashmir neben dem romantischen Chanson-Pop von Chapeau Claque – kann das gutgehen?



Lampe, Landschaftsbild und La-la-la: So der nicht ungewohnte erste Eindruck am Mittwochabend im Jazzhaus. Die spärlichen Retro-Requisiten sind Pflicht, wenn TV Noir irgendwo Station macht. Für den Rest, also das Wesentliche, sorgt die Musik, sorgen die Künstler, sorgen die Zuschauer. Und zwar von A bis Z: von der knisternd-konzentrierten Atmosphäre bis zum eigenwilligen Zauber des Formats.


Stell zwei Bands oder Musiker auf die Bühne, lass sie abwechselnd zwei, drei Songs spielen und vielleicht auch mal einen zusammen. Das war’s. Einfacher geht es im Grunde nicht. Und wie so oft liegt in dieser Schlichtheit das Geniale oder zumindest das Gelungene begründet: weg vom Bombast, vom ganzen Drumherum. Augen & Ohren auf für die Musik.

Die liefern zum einen zwei Bartträger mit Kurzhaarfrisur: Henrik Lindstrand und Kasper Eistrup, das ist die eine Hälfte der dänischen Rockband Kashmir, die bereits seit 20 Jahren existiert und vor allem in der Heimat große Erfolge feiert. Tastenmann Henrik lässt leise die Tonleiter rauf und runter kletternde Klavierläufe in den Gewölbekeller perlen, während die warme Stimme von Frontmann Kasper von „Gasoline“ singt. Es ist nicht nur das erste Mal, dass TV Noir nicht in Deutschland beheimatete Künstler auf Tour schickt, sondern auch das erste Mal, dass die beiden „Rocket Brothers“, so ein Songtitel, in Freiburg auftreten.

„Für uns ist es ungewöhnlich, als Duo auf der Bühne zu stehen“, gesteht Kasper, der auch Gitarre spielt. „Wir treten ja normalerweise mit einem Bassisten und Schlagzeuger auf. Wir haben denen aber gesagt: Ihr seid zu laut, bleibt zuhause.“ Und so überwiegen an diesem Abend die leisen Töne und in den Texten die kleinen Dramen. Herausragendes Highlight ist die Nummer „Peace In The Heart“ vom aktuellen Album, bei der Lindstrand Flügel spielt mit dem Tambourin am Fuß und seiner zitherähnlichen Autoharp irre Sounds entlockt, mal streicherartig, mal frickelig. Und der Sänger? Er packt erst jetzt den vielzitierten Thom Yorke aus. Melodisch. Packend. Intensiv. Ein kleines Duo bietet hier ganz großes Kino.

Eindrucksvoll & ausdrucksstark auch der Auftritt der Popband Chapeau Claque aus Erfurt, die sich für diese Tournee vom Quintett zum Trio geschrumpft hat. Als da wären: der zurückhaltende Peer an den Tasten, die leicht gouvernantenhafte Isabel am Cello sowie die auffällige Bandleaderin, Komponistin und Songschreiberin Maria im kanarienvogelgelben Kleid. Diese Maria ist eine Erscheinung.



Mit einer messerscharfen Artikulation singt sie (meist) über die Flatterhaftigkeit der Liebe und arbeitet die Töne, Laute, Nuancen und Silben dabei fein akkurat heraus. Dazu bewegt die 27-Jährige sich eigenwillig-schräg – als hätte sie unsichtbare Fäden an den Händen, die ihre Bewegungen führen. Puppenhaft und Ballerina-like. Das leichte Tänzeln, die ausgeprägte Körpersprache: ein kleines Ereignis. Die Truppe selbst bezeichnet ihren Stil als „Elektro-Chanson-Pop-Romantik-Musik“. Verträumter Pop, mit einem Hauch von Chanson, manchmal getragen, mit Wortwitz und viel Herzschmerz-Lyrik. Und Marias Stimme erinnert immer wieder an Mias Mieze.

Die Indie-Ikonen Kashmir nähern sich auf dem aktuellen Album „E.A.R.“ mehr dem Dreampop an und sind hier ohnehin akustisch abgespeckt am Start; da passen die beiden eigentlich grundverschiedenen Formationen gar nicht mal übel zusammen. Zwei Bands, eine mit 50, die andere mit 60 Prozent der Besetzung vor Ort. Beide geben 100 Prozent. Und das fast 150 Minuten lang. Das alles kriegt man für 18 Euro. Guter Schnitt.

Bester Satz des Abends: „Mundharmonika is mean to play when you have – Vollbart.” (Kasper Eistrup)

Zweitbester Satz des Abends: „He dresses like a teenager and he sings like a frog.” (Sein Vater, berichtet Kasper Eistrup, habe das nach einem gemeinsamen Bob-Dylan-Konzertbesuch über den Meister gesagt.)

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Fotogalerie: Florian Forsbach

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