Turnschuh-Junkies: Von der Leidenschaft, Sneakers zu tragen

Manuel Lorenz

Christian Kopsch hat circa 80 Stück von ihnen, Felix Günther trägt sie, seitdem er denken kann und Chris Gersch hat das Paar nachgekauft, das die Sportlehrerin anhatte, die er in der Grundschule anhimmelte: Turnschuhe. Uns haben die drei Freiburger von ihrer Leidenschaft für Sneakers erzählt.

Christian Kopsch (32)


Gründer der Internetplattform Hiphopfreiburg.de



„Es gibt verschiedene Arten von Turnschuhsammlern: Die einen kaufen nur Limited Editions, egal, ob ihnen die Schuhe passen oder nicht. Andere kaufen nur günstige Schuhe und achten weniger darauf, ob ein Modell ultra rar ist. Ich persönlich kaufe nur Schuhe, die mir gefallen, passen, und die ich irgendwann mal tragen werde. Fünf bis zehn Paar meiner Sneakers hatte ich noch nie an, da warte ich noch auf den richtigen Moment. Die „Sneakerness“ letzten März in Zürich war so ein Moment. Da hab’ ich meine Ronny-Fieg-Schuhe eingeweiht und bin prompt von irgendwelchen Kids angesprochen worden: Ach, krass! Was hast ’n du für geile Schuhe an?


Die Ronny-Fieg-Schuhe sind meine Lieblingssneaker: 1300er New Balance „Salmon Sole“, die der New Yorker Designer Ronny Fieg entworfen hat. Sie sind dunkel- und hellblau und haben eine lachsfarbene Außen- sowie Innensohle. New Balance hat sie zuerst nur in den USA verkauft; ein paar von ihnen gab’s anschließend in einschlägigen Sneakerläden in Europa. Ich hab’ sie einem Sammler aus Holland abgekauft. Es sind wahrscheinlich meine teuersten Schuhe. Sie haben mich knapp 300 Euro gekostet.



Zurzeit besitze ich circa 80 Paar Sneakers. Das variiert ein bisschen, weil ich ständig neue Schuhe kaufe und alte, die mir nicht mehr gefallen, verkaufe, tausche oder verschenke. Etwa die Hälfte davon sind von New Balance, vor allem die Modelle 576, 1300 und 1400. Das hat bei mir Tradition. Mein erstes Paar New Balance habe ich Mitte der 90er gekauft. Da war ich 15 oder 16 Jahre alt, fand die Turnschuhe super bequem, hatte aber noch kein tiefergehendes Interesse für Sneakers oder gar ein Bewusstsein fürs Sammeln.

Vor drei, vier Jahren hab’ ich dann angefangen, Limited Editions zu sammeln, aufzupassen, dass die Schuhe sauber bleiben und keine weißen Exemplare anzuziehen, wenn ich auf Konzerte gehe. Heute steht ein Großteil meiner Schuhe in einer Schuhwand, die ich mir für sie extra in den Flur gebaut habe.“

Felix Günther (27)


Student



„Ich trage Sneakers, seit ich denken kann. Das rührt vielleicht daher, dass mein Vater ein entschiedener Turnschuhträger ist – und das mit 70! Auch ich selbst werde bis ans Ende meiner Tage Sneakers tragen, selbst wenn ich mal einen Bürojob haben sollte. Letztens hab’ ich mir für 15 Euro ein paar Herrenschuhe gekauft. Die gingen gar nicht. Dann lieber ein Paar schöne Sneakers, die zum Anzug passen.

Zurzeit habe ich 16 Paare, die ich immer durchwechsle. Ich bin kein Sammler, der seine Schuhe nur zu Hause rumstehen hat. Für mich ist ein Schuh ein Gebrauchsgegenstand. Er ist hergestellt worden, um in ihm zu laufen. Ihn zum Sammelobjekt zu machen, wertet ihn ab. Im Schrank lasse ich nur Schuhe, die richtig im Arsch sind – so wie jene Air Force 1, die ich eine Zeit lang als Festivalschuhe benutzt habe. Obwohl sie richtig durchgerockt sind, würde ich sie niemals wegschmeißen. Da hängen zu viele Erinnerungen dran, an zig Festivals und alles, wo es schmutzig zur Sache ging.



Bis vor drei Jahren habe ich nur Air Force 1 getragen. Dann bin ich auf den Trichter gekommen, dass es auch andere geile Nikes gibt – vor allem die Modelle Court Force und Dunk. Ich mag eher dezente Farben und versuche, höchstens 50 Euro auszugeben. Meine Lieblingssneakers habe ich für 30 Euro auf Ebay gefunden: Limited Edition Court Force 1 aus dunkelbraunem Wildleder, genau meine Größe und original verpackt. Meine teuersten Sneakers haben 150 Euro gekostet und waren ein Geschenk für meine Freundin: mausgraue Nike Dunk, komplett aus einem Stück gefertigt, auch Limited Edition.

Als Kind hatte ich ein Ritual. Wenn ich neue Turnschuhe bekam, verbrachten sie die erste Nacht neben mir auf dem Nachttisch. Ich packte sie aus und stellte sie auf den Karton. Am nächsten Tag zog ich sie zum ersten Mal an. Heute mache ich das anders: Wenn ich Sneakers anprobiere und sie mir gefallen, lasse ich sie an, bezahle und weihe sie direkt ein.“

Chris Gersch (33)


Veranstalter und Discjockey



„Der Nike Air Max 1 ist ein megaschöner Schuh. Meine Geschwister haben mir davon zu meinem 30. Geburtstag ein individuell gestaltetes Paar geschenkt. Gelb, blau, grün. Hinten ist mein DJ-Name eingestickt. Auf der linken Seite „Funk“, auf der rechten „Messiah“. Leider tragen dieses Modell zurzeit viel zu viele 15-jährige Mädels. Ich meine: Nichts gegen 15-jährige Mädels, aber ich möchte nicht mit demselben Schuh rumlaufen wie die.

Angefangen hat bei mir alles Ende der 80er Jahre. Meine Eltern gingen mit mir in ein Sportgeschäft; zum ersten Mal durfte ich mir meine Schuhe für den Sportunterricht selbst aussuchen. Ich entschied mich für die Adidas Stefan Edberg –  nicht, weil ich Tennis so cool fand, sondern, weil mir die Schuhe so gut gefielen. Weiß mit türkis-gelben Streifen und dem Edberg-Logo.

Mit zwölf kam Basketball, und da war klar: Man brauchte Nike Air Jordans. Das ging halt nicht, weil die schon damals 299 Mark gekostet haben. Ich hab’ mir dann einfach Nikes gekauft, die so ähnlich aussahen, und sie mit einer Sprühdose schwarz angemalt. Das war genau so lange cool, bis  an den Gehfalten der Lack abplatzte.

Im Jahr 2000 kam ich zum Studieren nach Freiburg. Ich lernte jemanden kennen, der mir erzählte: Hey, ich hab’ mir in Portugal die und die Sneakers bestellt, weil’s die da noch in der alten Farbkombi mit dem alten Schnitt gab. Und ich hab’ mir gedacht: Da gibt’s noch jemanden, der genauso bescheuert ist wie ich. Wir haben uns gegenseitig angestachelt, Marken ausgegraben, die nicht jeder kennt –  Saucony oder Karhu zum Beispiel.



Ich trage alle Schuhe, die ich mir kaufe, und hebe alle auf, auch wenn ich sie längst nicht mehr trage, weil ich mir die irgendwann noch mal anschauen will. 15 Paar stehen bei meinen Eltern, 15 bei mir im Keller, und bei mir in der Wohnung stehen auch noch mal zehn. Ich habe hauptsächlich Nikes, ein paar Pumas, Asics und Adidas –  da fand ich die ZX-Serie immer gut. Das sind witzigerweise alles Kindheitsgeschichten. Die Sportlehrerin, die ich in der Grundschule total toll fand, hatte hellblau-gelbe ZX-8000 C. Ich hätte alles dafür gegeben, diesen Schuh zu besitzen. Der hat damals aber 229 Mark gekostet, und meine Eltern haben gesagt, das geht auf gar keinen Fall.

Meine Lieblingssneakers sind zur Zeit Asics Gel Lyte III, Re-Schuhe von 1991. Die hab ich in England bestellt, weil es sie in Deutschland nicht mehr gab. Es war ein sehr schöner Moment, als ich den Karton aufgemacht hab’, sie in echt gesehen und sie angezogen hab’ und sie dann auch noch gepasst haben. Das Besondere an ihnen ist, dass sie keine Zunge haben –  Asics hat damals versucht, diese durch ein Überlappungssystem zu ersetzen. Ob das sinnvoll war, wage ich zu bezweifeln –   sonst hätten sie damit wahrscheinlich weiter gemacht.

Ich gucke ständig, was andere für Sneakers tragen –  wenn ich in einer anderen Stadt bin, durch die Straßen laufe, im Café sitze oder in einen Club gehe. Oft kommen darüber Gespräche zustande.“

Mehr dazu:

[Sneaker-Bilder: Michael Bamberger; Bilder Christian Kopsch und Felix Günther: Florian Forsbach; Bild Chris Gersch: Manuel Lorenz]