Turbo-Abi: Zwei Brüder machen zusammen Abitur

Heike Spannagel

Sie sind Brüder und machen jetzt gleichzeitig Abitur. Eigentlich geht das nur bei Zwillingen oder wenn der Ältere sitzengeblieben ist. Das trifft bei Markus (19) und Heiko Hogenmüller (17) aber nicht zu. Die beiden besuchen das Freiburger Rotteck-Gymnasium: Markus hat neun Jahre bis zum Abi gebraucht, wie das in Baden-Württemberg bislang üblich war. Heiko aber gehört zu den ersten Turbo-Abiturienten am Rotteck, denn er hat nur acht Jahre Gymnasium hinter sich.



Zum Abi in acht Jahren

Gute Schüler sind beide. „Aber ich bin besser“, sagt Heiko und grinst. Die Brüder sitzen am runden Esstisch zu Hause in der Wiehre. Dass Heiko jünger ist, sieht man auf den ersten Blick. Aber er hat es, zumindest in der Schule, gleich weit gebracht. Sein Abi-Ziel ist ein  Notenschnitt von 1,5, was seinen Leistungen in der Kursstufe entspricht: „Das Lernen fällt mir leicht.“

Vor acht Jahren wollte Heiko aufs Rotteck, weil sein Bruder auch schon dort war. Dass man dort als G8er etwas Besonderes war, „hat man halt so mitbekommen“. Auch weil den Turbo-Abiturienten die besten Bedingungen geboten wurden: „Wir hatten die neuesten Bücher und die besten Lehrer“, erinnert er sich.  „Von den G9ern gab es uns gegenüber schon so einen kleinen Hass.“  Der hätte sich aber spätestens in der Kursstufe gelegt, als die beiden Stufen zusammen kamen.

Das fehlende Jahr mussten die Jüngeren vorher aufholen. Sie hatten von Anfang an Nachmittagsunterricht. „Und wir hatten  weniger Zeit zum Wiederholen und Üben“, weiß Heiko. Wer zum Beispiel  Mathe nicht auf Anhieb kapierte, musste sich zu Hause hinsetzen. In seiner Stufe habe auch keiner ein Auslandsjahr gemacht.

Freizeit hatte er aber genug, vor allem für Fußball: Drei Mal die Woche trainiert Heiko bei Blau-Weiß Wiehre, hinzu kommen die Spiele am Wochenende. Die Hausaufgaben habe er meist abends erledigt, etwa eine Stunde täglich. Aber stressig fand er seine Schulzeit nicht. „Jetzt zum Ende wird einem bewusst, wie entspannt es war, morgens in die Schule zu radeln und in den Pausen Spaß mit den Freunden zu haben“, sagt Heiko. Nach dem Abi steht für ihn der Zivildienst an. Danach will er studieren, „wahrscheinlich BWL oder Jura“.

Bei der Deutschprüfung am Donnerstag hat er sich – wie sein Bruder – für Thema Nummer eins entschieden, den Vergleich einer Textstelle von Kleists „Michael Kohlhaas“ mit Kafkas „Prozess“. „Ist  gut gelaufen“, berichtet er, bis auf die Druckstellen an den Fingern vom vielen Schreiben.

Zum Abi in neun Jahren

Ein kleiner Bruder, der schneller Abi macht, noch dazu womöglich mit besseren Noten? Als Rivalen sieht Markus seinen jüngeren Bruder nicht. Dafür  erstehen sich die beiden zu gut. Das sieht auch ihre Mutter, Susanne Hogenmüller, so: „Dass der eine G9 und der andere G8 macht, hat sich halt so ergeben. Aber der Markus hätte das G8 genauso geschafft.“

Seit zwei Jahren haben die Jungs  quasi eine eigene Wohnung im Haus der Eltern. Sie radeln zusammen zur Schule, wo sie allerdings nur den Sportkurs gemeinsam besuchen. Durch die Schule und den  Fußball haben sie einen ähnlichen Freundeskreis.

Als Markus vor neun Jahren ins Gymnasium startete, gab es am Rotteck noch gar kein G8. Von der fünften Klasse an hatte er Englisch, ab der siebten Französisch und in der Neunten wählte er zudem Italienisch – bei seinem Bruder kamen die zweite und dritte Fremdsprache jeweils ein Jahr früher. „Aber das hat für uns keine große Rolle gespielt“, sagt der 19-Jährige.

Die Schule war eben auch für ihn kein Problem. Seine Hausaufgaben habe er immer brav erledigt, und vor den Arbeiten gelernt – aber ohne Druck oder gar Angst. Entsprechend locker geht er jetzt auch in die Prüfungen. Angenehm seien die vergangenen neun Jahre gewesen, nur selten anstrengend.

„Anfangs war für mich an der Schule der Spaßfaktor wichtig, das hört sich jetzt doof an, aber inzwischen weiß ich, dass ich von dort auch Sachen fürs Leben mitnehmen werde“, erzählt Markus. Zum Beispiel in seinem Lieblingsfach Deutsch, wo er gelernt hat, mit Texten umzugehen, sie zu interpretieren: „Das Lernverhalten, das man sich da angeeignet hat, braucht man sicher später auch im Beruf.“ Genauso wie die rhethorischen Fähigkeiten, die er in verschiedenen Referaten erproben konnte. Zuletzt hat er in Physik einen Powerpoint-Vortrag über die Relativitätstheorie gehalten: „Da ist man mal gezwungen, vor der Klasse zu stehen.“

Nein, er hätte nicht lieber  G8 machen wollen. Das Jahr, das er im Vergleich zu seinem Bruder länger gebraucht  hat, bekommt er jetzt sozusagen geschenkt: Wegen einem Kreuzbandriss wurde Markus von der Bundeswehr ausgemustert und erspart sich somit den Zivildienst.  Nach dem Abi will er auf jeden Fall studieren, „vielleicht was mit BWL, Management oder auch Sport“.  Dass die Schulzeit jetzt bald zu Ende ist, weckt in Markus zwispältige Gefühle: „Es war schon schön, aber man will ja auch ins Berufsleben einsteigen und Geld verdienen.“

[Dieser Text erschien auch auf der Frisch Gepresst-Seite in der Freiburger Lokalausgabe der Badischen Zeitung.]