Tun dürfen, was man mag: Wie Jakob Häglsperger alias Kalipo seine Arbeit als Musiker sieht

Bernhard Amelung

Mit der Band Frittenbude macht Jakob Häglsperger harten Elektropunk. Unter dem Alias Kalipo produziert er elektronische Clubmusik. Am Samstag spielt er in der Passage46. Wie der Alltag seine Musik beeinflusst, erzählt er im Interview.

Was war deine längste Wanderung?

Häglsperger: Vor einem Jahr habe ich Viva con Agua nach Nepal begleitet. Wir haben dort ein Projekt besucht, das wir unterstützen. Viva con Agua haben in einer abgelegenen Region des Himalaya-Gebirges Brunnen gegraben. Diese Region ist so abgelegen, dass selten fremde Menschen den Weg dorthin finden.

Wie hast du dich darauf vorbereitet?

Hägslperger: Eigentlich gar nicht. Unsere Motivation war, dass wir quasi das Auge des Zuschauers sind. Wir haben uns reingestürzt in das Abenteuer und sehr unbedarft für das Magazin Puls dokumentiert, was mit dem Projekt vor Ort passiert. Wir waren in den Schulen, für die Viva con Agua eine Wasserversorgung aufgebaut hat. Die Kids dort haben zum ersten Mal in ihrem Leben Europäer gesehen. Da sind abgefahrene Sachen passiert.

Welche denn?

Häglsperger: Wir hatten Polaroid-Kameras dabei. Die haben wir den Kindern in die Hand gedrückt, um Fotos von sich zu machen. Aber die kannten so etwas nicht. Die waren zuerst superschüchtern und hatten eher Angst vor dem Kasten. Ihre Schüchternheit haben sie allerdings schnell abgelegt und zunächst nur Fotos von uns gemacht. Vor allem von mir, weil ich so ein baumlanger Kerl bin, der schwitzend die Berge hoch geklettert ist.

Was hast du auf dieser Wanderung über dich selbst erfahren?

Häglsperger: Der Aufstieg war heavy. Ich bin ja überhaupt nicht sportlich. Mir wurde auch erst vor Ort so richtig klar, dass es in den Himalaya geht und die Ausgangshöhe 4.000 Meter über Meer lag. Zunächst ging es auch nur um mich, dass ich den Aufstieg körperlich überhaupt schaffen werde. Als wir in den Dörfern ankamen, habe ich jedoch gemerkt, dass es auf dieser Reise überhaupt nicht um mich ging, sondern um die Menschen in einer der abgelegensten Regionen der Erde.

Kannst du das näher beschreiben?

Häglsperger: Bevor Viva con Agua dort Brunnen gebaut hat, mussten die Menschen durch krassestes Gebirge wandern, um an Wasser zu kommen. Sie müssen unzählige Strapazen auf sich nehmen, und das in einer landschaftlich eigentlich paradiesischen Gegend. Im Detail steckt da unendlich viel Leid. Auch als wir uns auf den Weg dorthin machten, rutschte die Erde unmittelbar vor uns ins Tal. Da haben wir deutlich erfahren, dass das Leben in dieser Region nicht ganz ohne ist. Ich kann bis heute schwer reflektieren, was ich da erlebt habe, weil es so beeindruckend war.



Dein 2016 veröffentlichtes Album heißt "Wanderer". Was für einen Hintergrund hat der Titel?

Häglsperger: Während ich an diesem Album gearbeitet habe, war ich ganz oft auf Tour. Viele Songskizzen sind unterwegs entstanden. Manche habe ich für einen ganz bestimmten Anlass geschrieben. "Good Morning Lärz" zum Beispiel hat einen unmittelbaren Bezug zu meinem Auftritt auf dem Fusion-Festival.



Welche Geschichte steckt in "Donau Sunrise"?

Häglsperger: Ich habe in Wien eine Show gespielt. Danach sind wir mit Freunden an die Donau gegangen und haben gebadet. Das war einer der geilsten Morgende, die ich auf Tour hatte. Auch, weil da noch der Nebel über der Stadt hing und die Stimmung sehr magisch war.



Inwieweit beeinflussen dich solche Erlebnisse im Studio?

Häglsperger: Unterbewusst beeinflusst mich sicher alles. Aber dass ich so ganz bewusst hingehe und zu einem Erlebnis einen Song produziere, kam bisher nur in Form von Soundscapes vor, um die ich das Stück aufbaue. So etwas wird auch auf meinem dritten Album zu hören sein, an dem ich gerade arbeite. Ein Song wird mit dem Klappern meines Geschirrschranks beginnen, während im Hintergrund meine Waschmaschine läuft. Meine unmittelbare Umgebung findet schon statt auf meinen Alben.

Was verbindest du mit Prag? Eines deiner Stücke heißt ja "Memories of Praha".

Hägslperger: Da muss ich etwas ausholen. Ich spiele ja ganz oft in Deutschland, viel auch in Berlin. Die Leute dort kommen mit einem Anspruch in den Club und erwarten, dass etwas passiert. Im Kater Blau oder im Berghain erwarten sie einen ganz bestimmten Sound. In Prag jedoch habe ich nie das Gefühl, dass die Leute mit einer Erwartung in den Club gehen. Ich habe nie das Gefühl, dass ich ihnen gerecht werden muss. Sie sind frei, offen und gehen zu der Musik mit, die man mitbringt. Das alles ist quasi atmosphärisch in dieses Stück eingeflossen. Es ist sehr eigensinnig und hat im Vergleich zu den anderen Stücken auf dem Album einen anderen Rhythmus. Das Stück konnte auch nur zu dem einen Zeitpunkt in Prag im Club funktionieren.



Wie gehst du denn allgemein mit der Erwartung des Publikums um?

Häglsperger: Ich habe härtere und geradere Stücke, die stark Four-to-the-Floor sind. Ich habe ruhigere, experimentellere Stücke. Ich kann mich anpassen, je nachdem, ob ich tagsüber oder nachts, auf einem ruhigeren oder lauteren Floor spiele. Wenn ich morgens um drei Uhr auftrete, brauche ich nicht die superchilligen Stücke spielen. Ich würde also lügen, wenn ich nicht auf mein Publikum einginge. Aber ich bewege mich stets im Rahmen der Möglichkeiten, die mir mein Sound lässt. Das kann Fluch und Segen sein.

Wann ist es Fluch und wann Segen?

Häglsperger: Immer zur gleichen Zeit. Ich habe einmal in einem Club in Rom gespielt und gemerkt, dass dort der größte Teil der Gäste anders tickt als bei uns. Die wollen einen härteren, treibenderen Sound. Das ist Fluch, weil ich mich nicht verbiegen kann. Ich möchte auch, dass mein eigener Sound beim Publikum ankommt. Das ist Segen, weil es gut ist, sich musikalisch treu zu bleiben und die Show für alle spiele, die genau meinen Sound feiern. Wenn’s aber gar nicht klappt, dann muss man es einfach durchziehen.

Was fasziniert dich so am Livespiel?

Häglsperger: Ich bin ja eigentlich ein Studiomensch. Ich bin davon getrieben, Musik zu machen. Allerdings möchte ich auch rausgehen, wenn ich ein Stück fertig habe und es den Leuten zeige. Ich möchte sehen, dass Leute dazu tanzen. Das ist zwar immer auch mit Stress verbunden, sich irgendwo hin zu stellen und abzuliefern. Das muss man, ob man gut oder schlecht drauf ist. Aber ich möchte nicht jammern. Als Künstler ist es eine große Ehre, das tun zu dürfen, was man mag.
Verlosung

Mitglieder in fudders Club der Freunde können 3x2 Gästelistenplätze für den Ahoii Club mit Kalipo am 10. März 2018 um 23 Uhr in der Passage46 gewinnen.

Um teilzunehmen, sende einfach eine E-Mail mit deinem Namen und dem Betreff "Kalipo" an gewinnen@fudder.de.

Sollten keine Club-Mitglieder an der Verlosung teilnehmen, werden die Karten unter den restlichen Einsendungen verlost. Teilnahme ab 18 Jahren, der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Einsendeschluss ist Freitag, 9. März, um 8 Uhr. Die Gewinner werden am selben Tag per E-Mail benachrichtigt.

  • Was: Ahoii Club w/ Kalipo (live)
  • Wann: Samstag, 10. März 2018, 23 Uhr
  • Wo: Passage46, Bertoldstr. 46, 79098 Freiburg

Mehr zum Thema: