Tumulte beim Schwenningen-Derby: Was Vereine, Fans und Polizei jetzt sagen

Daniel Laufer

Nach Spielende stürmte der Schwenninger Spieler Sean O'Connor die Nordkurve, im Stadion brachen Tumulte aus, die Polizei griff ein und versprühte Pfefferspray – beim Eishockey-Derby zwischen Freiburg und Schwenningen ist viel schiefgelaufen:



Seit 24 Jahren geht Stefan Ruh zu den Spielen des EHC Freiburg, auch am Samstag war er wieder da, als der Verein gegen den Erzrivalen Schwenningen spielte und gleichzeitig sein 30-jähriges Bestehen feierte. "Wir hatten schon Derbys, aber solche Probleme noch nie", sagt Ruh.


Die Bilanz des Freundschaftsspiels: zwei leicht verletzte Fans, eine leicht verletzte Polizistin und ein Ordner mit gebrochenem Zeh, dem ein Spieler, mit dem Schlittschuh auf den Fuß getreten war – wohl ohne Vorsatz. 60 bis 70 Personen waren insgesamt an den Tumulten beteiligt, sagt Polizeisprecherin Jenny Jahnz – manche Augenzeugen bezweifeln, dass es so viele waren. Nun ermittelt die Polizei in sieben Fällen – wegen Körperverletzung, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Sachbeschädigung und eines Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz – bei einem Schwenninger Fan hatten Ordner noch beim Einlass Pyrotechnik gefunden. Alle sieben Tatverdächtige habe die Polizei bereits ausfindig gemacht.

Die Polizei erwartete Schwenninger Ultras

Dass es ein hitziges Derby werden könnte, war schon im Vorfeld ersichtlich: Eine Ultragruppe aus Schwenningen hatte sich angekündigt, bestätigt die Polizei. "Aufgrund der ewigen Rivalität der Vereine und deren Fangruppen war eine erhöhte Polizeipräsenz erforderlich", sagt Jahnz. Schon vor Spielbeginn standen an der Ensisheimerstraße ein Dutzend Mannschaftswagen, wie üblich macht die Polizei aber keine Angaben zur Personenstärke. Ruh sagt allerdings, er habe in der Franz-Siegel-Halle noch nie Beamte der Bereitschaftspolizei gesehen – wie eben am Samstag. Manche Fans halten die hohe Polizeipräsenz für übertrieben, Jahnz stellt jedoch klar: "Dass die Polizei die Parteien trennen konnte, ohne dass Schlimmeres passiert ist, zeigt, dass die Stärke gut gewählt war."

Eine Stellungnahme des Vereins zu den Geschehnissen gibt es noch nicht. "Ich bewerte und verurteile etwas, wenn ich weiß, was war – und im Moment weiß ich das noch nicht gesichert", sagt der EHC-Vorsitzende Werner Karlin. Inwiefern die Vorfälle Folgen wie ein mögliches Stadionverbot für Einzelne haben werden, könne er noch nicht sagen. "Wir warten jetzt, bis die Polizei die Ermittlungen abgeschlossen hat und arbeiten das mit ihr dann auf."

Während ein Teil der 3000 Zuschauer nach Spielende bereits auf dem Stadionfest hinter der Haupttribüne friedlich feierte, kam es in der Halle zu Tumulten. Als gesichert gilt: Schwenninger Spieler fuhren nach ihrem Sieg eine Ehrenrunde, einer hielt dabei eine Württemberg-Fahne in den Händen. Als er die Nordkurve erreichte, in der die Freiburger Fans stehen, fühlten sich diese durch die Fahne provoziert. Manche von ihnen warfen mit Plastikbechern und Feuerzeugen, während die Schwenninger das Eis verließen.

Sean O'Connor stürmte die Nordkurve

Statt in den Kabinengang zu gehen, stürmte dann ein Spieler, der selbst gar nicht mitgespielt hatte, auf die Tribüne zu. "Er ist über die Absperrung geklettert und so in den Bereich der Besucher gekommen", sagt Jahnz. Foto- und Filmaufnahmen zeigen deutlich, dass es sich bei besagtem Spieler um den Schwenninger Stürmer Sean O'Connor handelt. Der Deutsch-Kanadier genießt einen zweifelhaften Ruf als Raufbold: Als er noch für Augsburg spielte, tauften ihn die Fans "Hooligan". Bevor er nach Schwenningen kam, spielte er in München, bis der Klub ihn wegen Streitigkeiten suspendierte.

In Freiburg folgten O'Connor vier weitere Schwenninger Spieler Richtung Zuschauerraum, noch in voller Eishockey-Montur. Es kam zu einem Gerangel, etwa 20 Personen waren darin verwickelt, schätzt Ruh, der die Szene von der Gegengerade beobachtete. Er behauptet: "Eine Massenschlägerei war das nicht."

Sofort gingen Polizisten in die Nordkurve, um die beiden Gruppen zu trennen. Sie setzten  Pfefferspray ein. Auch Knüppel hätten sie benutzt, berichtet Bastian Sausner vom EHC-Förderverein Wolfsrudel. Er selbst war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr in der Halle, habe aber mit vielen Fans über die Vorkommnisse gesprochen. Um in der Nordkurve für Ordnung zu sorgen, habe die Polizei ihre Kette zwischen den beiden Fanblöcken aufgelöst, sagt Sausner. Schwenninger Fans hätten darauf versucht, den Freiburger Block zu stürmen. Ruh sagt: "Fans in der Ecke neben der Nordkurve mussten sich bereits verteidigen."  

Handy-Video


Unter anderem wurde ein unbeteiligtes Mädchen im Teenager-Alter von Pfefferspray getroffen worden, behauptet Ruh. Zum konkreten Fall des Mädchens könne Polizeisprecherin Jahnz nichts sagen – dass Unbeteiligte Reizungen durch das Pfefferspray erlitten haben, hält sie zwar für möglich, wenn auch unwahrscheinlich. Der Block E war Schauplatz eines weiteren Tumults. Er grenzt an den Nord-Teil der Tribüne an, ist von diesem aber durch einen Zaun getrennt.

Während Sausner von keinen direkten Auseinandersetzungen zwischen Freiburger und Schwenninger Fans gehört haben will, behauptet Ruh, ein Schwenninger Fan habe ihn umgeschlagen. Draußen vor der Halle lieferten sich die beiden Lager zumindest Wortgefechte, die Polizei überwachte die Abreise eines Fanbusses der Gäste.

Schwenningens Pressesprecher Oliver Bauer sprach am Sonntag von "einer unschönen Situation nach dem Spiel". Ob der Klub Konsequenzen aus dem Verhalten von Fans und Spielern, allen voran Sean O'Connor, ziehen wird, das wolle man intern abwägen. Augenzeugen berichten, die Polizei habe mit ihm noch vor Ort gesprochen – Jahnz will das aber nicht bestätigen. Bauer weist darauf hin, dass es Provokationen von Freiburger Fans gegeben hat, sagt aber auch: Als Profi müsse man da anders reagieren. Darüber hinaus sei jetzt "zu der Geschichte alles gesagt."

War das Badnerlied Schuld?

Immerhin der Rest des Samstagabends verlief ruhig: Die beiden Mannschaften aßen zusammen zu Abend, die Fans feierten das Jubiläum, bis spät in die Nacht. "Die haben uns alles weggesoffen", erzählt Sausner, der beim Stadionfest mitgeholfen hat. Klar, aus sportlicher Sicht war auch nichts zu beanstanden: Zwei Drittel lang hatte der Drittligist Freiburg dem Erstligisten Schwenningen das Leben schwer gemacht, erst im Schlussdrittel die Partie aus der Hand gegeben.

Die meiste Zeit war es ein ganz normales Eishockey-Derby: EHC-Fans hielten ein Spruchband hoch, auf dem sie Schwenningen "110 Jahre Lug und Betrug" vorwarfen. Und ein Verantwortlicher der Schwenninger, sagt Ruh, habe sich über das Badnerlied beschwert, das vor Spielbeginn lief. Zumindest habe er das so gehört.

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[Foto: Martin Ullrich, Video: Daniel Laufer]