Tuggen = besoffen bloggen

Carolin Buchheim

Man tut es betrunken , und die Chancen stehen gut, dass man sich am nächsten Tag dafür schämt: tuggen. tuggen ist der Fachterminus für das Posten im Gemeinschaftsweblog trunken undb genau (ja, das 'b' muss da sein), dem einzigen deutschsprachigen Weblog ausschließlich für betrunkenes bloggen.



Seit November 2004 (ver)tippen (sich) besoffene Blogger spät Nachts bei tug, schlafen anschließend auf ihren Keyboards ein und können es am nächsten Tag nicht mehr ändern, denn löschen gilt nicht; Im Wein liegt schließlich die Wahrheit. fudder-Autorin Caro, selbst passionierte tuggerin, hat sich mit den Berliner Bloggern und tug-Initatoren Heimchen & Mama per eMail übers Tuggen unterhalten. Hicks!


Erklärt mal, was genau ist tug beziehungsweise tuggen?

Heimchen & Mama: Der Duden wird bald sagen: tug, das (n): Weblog (tug.antville.org), in dem tugger tuggen. tuggen (v): In berauschtem Zustand Weblogeinträge für das Weblog tug erstellen. (siehe Weblog). tugger: jede/r berauschte Weblogger/in, der/die in tug Einträge erstellt.

Wo kam die Idee für ein betrunkenes Weblog her?

Heimchen: Die Idee kam eigentlich von Mama.

Mama: Ja, genau. Die Idee hatte ich schon längere Zeit im Kopf. Als Maloramadann eines Tages einen Beitrag schrieb, dass er Sonntags Morgens immer hoffe, dass auch Leute außer ihm um fünf am Morgen besoffen etwas gebloggt hätte, dachten Heimchen und ich, dass wir das ja echt mal umsetzen könnten. Allerdings dauerte es etwas, weil wir tug ja auch nur betrunken einrichten wollten.

Heimchen: Stimmt. Es ging eigentlich darum, ein Weblog für all die Einträge zu schaffen, die Weblogger in berauschtem Zustand in ihre eigenen Weblogs eintrugen. Diese Einträge waren oft sehr witzig, den Schreibern allerdings bald etwas peinlich, so dass sie sie leider oft wieder löschten. tug sollte eine Möglichkeit bieten, genau solche Einträge zu erhalten.

Mama: Eigentlich wollen wir nur betrunkenes Geschwurbel einfangen.

Heimchen: Haha, oder so.

Was war zuerst da? Der Satz 'trunken und genau' oder war tug.antville gerade noch frei?

Mama: Heimchen hatte das Weblog noch über, da haben wir es einfach in 'trunken undb genau' umbenannt.

Heimchen: Haha, ja, das war, als der Trend zum Zweitblog ging. Ich möchte aber doch darauf hinweisen, dass es 'trunken undb genau' heißt. Da sind wir sehr trunken undb genau.

Mama: Und wie!

Welche Regeln gelten für tug?

Mama & Heimchen: Es gibt eigentlich nur eine ganz strenge Regel: Einträge bei tug dürfen nur vorgenommen werden, wenn der oder die Blogger/in berauscht ist.

Heimchen: Wir überprüfen das allerdings nicht. Wir vertrauen den Schreibern.

Mama: Sollten wir aber eigentlich. Leider sind ja noch keine USB-Alkoholtester auf dem Markt. Bei Kommentaren ist das leider etwas aufgeweicht, die kann man auch nüchtern vornehmen, das sollte man dann aber eigentlich kennzeichnen.

Wie versteht ihr als Initiatoren eure Rolle bei tug?

Heimchen: Unsere Rolle besteht eigentlich lediglich darin, selbst teilzunehmen. Da Einträge bei tug nicht von den Verfassern gelöscht werden können, sind wir allerdings auch diejenigen, die, Einträge löschen, wenn die Verfasser selbst uns wirklich ernsthaft bitten und wir einen Grund für die Löschung sehen. Eigentlich sollte nichts gelöscht werden.

Wieviele Leute benutzen tug ungefähr? Wie hoch ist die tug-Posting Frequenz?

Mama: tug hat 117 Antville-Mitglieder. Die Leserzahlen können wir aber nicht genau abschätzen. tug verzeichnet 1-2 Einträge pro Tag bzw. Nacht, am Wochenende oft mehr. Viele tuggen nur sporadisch, einige aber auch sehr häufig.



Was macht Eurer Meinung nach den Charme des betrunkenen bloggen aus?

Mama: 'Betrunken bloggen' gibt es schon mal gar nicht. Es gibt nur tuggen!

Heimchen: Naja, das gibt es schon, wenn Leute in ihrem eigenen Weblogbetrunken bloggen. Aber die sollten eigentlich alle tuggen.

Okay, ihr habt Recht. Ich korrigier mich: Was macht also den Charme des tuggen aus?

Mama: Der Charme liegt natürlich darin, dass Leute normalerweise versuchen, geschliffen zu formulieren. Wenn sie betrunken sind, werden Sachen manchmal einfach nur so 'hingerotzt'. So sind es oft Sachen, die tatsächlich nüchtern nie geschrieben würden. Aber sie sind direkter. Und kryptischer.

Heimchen: tug bietet sozusagen eine Plattform für das Verschwommene, Verschwurbelte der letzten Nacht.

Mama: Oder der gleichen Nacht.



tugger schreiben also betrunken und zum Teil ja auch anonym anders, als 'bei sich zu Hause' im eigenen Blog?

Mama: Ein Unterschied ist sicher dadurch gegeben, dass Leute bei tug ein bisschen die Kontrolle über ihre Texte abgeben.

Heimchen: Genau, da die Einträge hier, nicht wie in ihrem eigenen Weblog gelöscht werden können. Auch zu dieser Kontrollaufgabe ist man berrauscht leichter fähig. Das Schöne ist außerdem, dass inzwischen eine ganze Menge Leute bei tug schreiben, die gar kein eigenes Weblog haben. Anfangs kannten wir eigentlich alle, die bei tug schrieben. Inzwischen sind viele Schreiber dazugekommen, von denen wir keine oder nur wenig Ahnung haben, die zum Teil aber ganz fantastisch schreiben.

Mama: Und das wahrscheinlich nur betrunken.

Gibt es schlimme oder besonders schöne Geschichten um und über tug zu erzählen?

Heimchen: Ach, wie in jedem weblog gibt es schöne und weniger spannende Einträge. Da wird natürlich auch mal nur getuggt: "Mannomann, bin ich betrunken", aber es gibt eben auch Einträge, die stilistisch und inhaltlich fast poetisch sind, da wird gereimt, gedichtet, Frust losgelassen und Alltägliches ungeklärt erzählt. Und über solche Geschichten freut man sich immer besonders.

Mama: tug-Topics sind super. Eigentlich ein tug-Nebenprodukt, aber die sind super. Eine schlimme Geschichte ist, dass sich bisher noch kein Sponsor bei uns gemeldet hat, der unsere tug-Events finanzieren wollte. Dabei sind wir auch offen für Warentests alkoholischer Konsumgüter. Wir sind doch attraktive Opinionleader und damit eigentlich perfekte Zielgruppe für den Einsatz von Marketingbudgets.

Heimchen: Attraktiv, das stimmt.

Erzählt mal was von den tug-Events!

Heimchen: Da sitzen wir da, trinken und tuggen. Nein ernsthaft, wir hatten eigentlich erst ein Event: Den ersten tug-Geburtstag. Jeder, der wollte, konnte kommen. Und es kamen auch einige tugger, die wir bis dahin noch nicht kannten.

Mama: Ja, ein sehr schöner Abend, mit vielen Geschichten, der dieses Jahr auch wiederholt werden wird. Ansonsten treffen wir uns natürlich oft mit anderen Bloggern. Da wird dann auch getrunken und oftmals auch getuggt. Aber diese Gelegenheiten kann man nicht wirklich als tug-Events nennen.

Heimchen: Wir hoffen, dass dieses Jahr der tug-Geburtstag nicht nur in Berlin gefeiert wird.

Heimchen & Mama (im Chor): Denn es muss ein tug durch Deutschland gehen.

Welche Funktion hat tug Eurer Meinung nach für die deutsche Blogosphähre? Bitte entschuldigt, dass ich das böse Wort benutzt habe.

Heimchen : Wie Maloramamal sagte: "tug, die Huffington Postder deutschen Weblog-Extravaganza"



tug : Weblog