Türsteher-Prozess: Die Details der Verhandlung

Eva Hartmann

Wie bereits letzte Woche kurz berichtet, wird im Amtsgericht Freiburg derzeit wegen Körperverletzung in insgesamt sechs Fällen gegen zwei Türsteher der Freiburger Diskothek Funpark verhandelt. Eva hat den Prozess bislang verfolgt und berichtet, bevor die Verhandlung vermutlich nähste Woche weitergeführt wird, von den wichtigsten Details dieses Falls.



Die Tatvorwürfe

Den beiden Angeklagten wird vorgeworfen, im Rahmen ihrer Tätigkeit als Türsteher der Freiburger Diskothek Funpark in insgesamt sechs Fällen Körperverletzungen verschiedener Schweregrade begangen zu haben. In allen Fällen spielt der sogenannte Notausgang, ein abtrennbarer Raum im Eingangsbereich der Diskothek eine entscheidende Rolle: In diesen Raum sollen die Angeklagten Gäste der Diskothek verbracht haben, um sie dort durch Schläge, Tritte und Würgungen körperlich zu misshandeln. Die Liste der erlittenen Verletzungen umfasst Prellungen, Gehirnerschütterungen, Nasenbeinbrüche, Würgemale und Platzwunden. In einem Fall soll auch die Drohung ausgesprochen worden sein, derGast der Diskothek sei "tot", wenn er es wagen würde, Anzeige zu erstatten.

Die Angeklagten

Jeder der beiden Angeklagten verfügt über eine abgeschlossene Berufsausbildung. Dennoch arbeiten beide hauptberuflich als Türsteher. Während Markus P. (34) als Leiter der Sicherheitsabteilung in der Diskothek festangestellt ist, arbeitet Raphael M. (25) für verschiedene Arbeitgeber. Beide Angeklagten sind vorbestraft; einer in einem, der andere in insgesamt sieben Fällen, die auch bereits Körperverletzungen beinhalten.

Der Eindruck, den man als Zuhörer von den beiden Männern gewinnt, ist ambivalent: Einerseits machen sie einen recht abgebrühten Eindruck, sprechen sich immer wieder mit ihren Anwälten ab, machen häufig Gebrauch von ihrem Recht, selbst Fragen an die Zeugen zu stellen. Hierbei bringen sie immer wieder einzelne Details der Tathergänge zur Sprache, die so in keiner Akte vermerkt sind. So besteht der etwa 1,90 m große und sehr kräftig gebaute Raphael M. immer wieder darauf, von einem der Zeugen, einem körperlich sehr kleinen und zierlichen Italiener, derart mit einem Barhocker in den Rücken geschlagen worden zu sein, dass er sich nicht mehr auf den Füßen halten konnte und zu Boden fiel.

Auch weist M. immer wieder auf eine Narbe an der Innenseite seines rechten Unterarms hin, die er angeblich erlitten haben will, als ihn ein körperlich ebenfalls deutlich unterlegener Zeuge mit einem Bierglas schlug. Als der Fall des lebensgefährlich gewürgten Russen verhandelt wird, behauptet er plötzlich von einem der Beteiligten einen Tritt zwischen die Beide bekommen zu haben, so dass er kampfunfähig und gar nicht mehr in der Lage gewesen sei, den Diskobesucher derart zu misshandeln.

Andererseits lässt sich auch immer wieder erahnen, wie schnell man als Türsteher auch unberechtigterweise Taten bezichtigt wird, die man nicht in diesem Maße oder gar überhaupt nicht begangen hat. Einige sind, wie im Verlauf der Verhandlung deutlich wird, selbst in Gerichtsverfahren verwickelt und scheinen die Lage der Türsteher ausnutzen zu wollen, um sich selbst nicht weiter in Misskredit zu bringen. 

Verdeutlicht wird dies durch die die Worte eines anderen Türstehers, der kurzfristig als Zeuge geladen wird: Er verweigert die Aussage, weil er, wie er sagt, nicht noch einmal die Erfahrung machen möchte, aufgrund von Missverständnissen selbst angeklagt zu werden. "Als Türsteher", sagt er "hängt man ruckzuck irgendwo mit drin, wo man gar nichts gemacht hat. Darauf habe ich keinen Bock mehr".

Die Zeugen

Zu Verhandlungsbeginn sind 27 Zeugen geladen; im Verlauf der Verhandlung werden weitere Zeugen bestellt, so dass sich diese Zahl auf etwa 30 erhöht. Die einzelnen Aussagen der Zeugen fallen sehr unterschiedlich aus: Während einige ohne Weiteres plausibel klingen, werden in anderen deutliche Widersprüche und Unsicherheiten erkennbar. Ein Beispiel hierfür ist die Aussage der Exfrau von Raphael M., die schlicht unglaubwürdig und wie abgesprochen wirkt.

Als hingegen Petra K., eine Freundin eines der am schwersten verletzten Opfer aussagt, stockt einem der Atem: "Er hatte schon abgeschaltet und sich von seiner kleinen Tochter verabschiedet", beschreibt sie den Zustand von Vladimir P., über dessen Verletzungen die Sachverständige des Instituts für Rechtsmedizin später sagen wird, dass sie tatsächlich lebensgefährlich gewesen seien.

Unterhaltsam wird die Verhandlung bei der Vernehmung eines italienischen Zeugen, der einen Teil des Geschehens theatralisch vor dem Richterpult in Szene setzt, während eine Dolmetscherin Mühe hat, seine aufgebrachten Schilderungen zu übersetzen.

Die Sache mit den Videobändern

Auch der Betriebsleiter der Diskothek wird als Zeuge vorgeladen. Er ist auch für die Aufzeichnung des Geschehens in der Diskothek durch insgesamt 16 Videokameras, sowie für die Archivierung der Bänder zuständig. Auch in besagtem Notausgang ist eine Kamera installiert, auf die Rechtsanwalt Hirsch, der Verteidiger von Raphael M., immer wieder hinweist. Von keinem der sechs verhandelten Fälle existiert jedoch eine Videoaufzeichnung; der Betriebsleiter erklärt dies damit, dass die Bänder mehrfach benutzt und deshalb einfach irgendwann überspielt werden.

Aus dem Protkoll seiner Aussage bei der Polizei hingegen geht hervor, dass seitens der Diskothek scheinbar grundätzlich keine Bereitschaft besteht, in Sachen Videobändern mit der Polizei zu kooperieren: Die Aufzeichnungen, die kurz nach den jeweiligen Vorfällen noch existierten, wurden dementsprechend wohl einfach nicht herausgegeben.



Die Sachverständige

An beiden Verhandlungstagen ist eine Sachverständige des Instituts für Rechtsmedizin anwesend. Gewissenhaft befragt sie zahlreiche der Zeugen nach Details der Tathergänge und erkundigt sich nach Einzelheiten der erlittenen Verletzungen. Am zweiten Prozesstag gibt sie ihre Einschätzung der Schwere der jeweiligen Verletzungen ab: In einigen Fällen relativiert sie die Aussagen mancher Zeugen, erklärt auf fundierte Art und Weise, weshalb diese oder jene Verletzung so nicht zustande gekommen sein kann und stellt so die Schilderungen einiger Zeugen in Frage

Die Schnittwunde, die Raphael M. im Handgemenge mit einem der Zeugen am Unterarm erlitten haben will, beeindruckt die Sachverständige nur mäßig: "Es ist wahrscheinlicher, dass sie sich diese Verletzung bei einem Sturz auf eine Glsscherbe zugezogen haben, als dass jemand sie ihnen mit einem Glas zugefügt haben könnte", sagt sie. Und setzt, beinahe mit dem Tonfall einer tadelnden Mutter, hinzu "Naja, verblutet sind Sie dabei ja wohl nicht".

Zwei Verletzungen stuft sie als an der Grenze zur Lebensgefahr befindlich ein; im Falle eines jungen Russen, der während einer Würgung bewusstlos wurde und bereits einnässte - ihren Erläuterungen nach ein eindeutiges Zeichen für den Verlust der Kontrolle über körperfunktionen, kurz bevor der Tod eintritt - stellt sie Lebensgefahr als eindeutig gegeben heraus. In einem Nebensatz weist sie auf einen Umstand hin, der oft übersehen wird: "Als Türsteher steht man vor der Problematik, dass alkoholisierte Personen oft die sind, die massiv Ärger machen und irgendwie zur Raison gebracht werden müssen; gleichzeitig sind diese Personen aber auch aufgrund ihrer Alkoholisierung körperlich sehr viel verletzungsanfälliger als nüchterne Menschen".

Der Anwalt und die Richterin

Der Verlauf der Verhandlung wird mehrfach deutlich gestört durch das Verhalten des Rechtsanwaltes Hirsch, der den jüngeren der beiden Angeklagten vertritt. Gleich zu Beginn legt dieser sich mit dem Staatsanwalt an, von dem er gebeten wird, die Seitenzahl der Akte zu nennen, aus der er gerade vorliest. Es wird laut im Gerichtssaal; Hirsch droht dem Staatsanwalt mit einem Dienstaufsichtsverfahren.

Dagegen wirkt es geradezu harmlos, dass Hirsch der Richterin des öfteren ins Wort fällt und sie herablassend über die Strafprozessordnung belehrt. Zur ersten lauten Auseinandersetzung zwischen dem Anwalt und der Richterin kommt es, als Hirsch mitten in der Verhandlung aufsteht und seine im Zuschauerraum befindliche Tochter in der Prozessakte herumblättern lässt. Der Anwalt nimmt die deutlichen Ermahnungen der Richterin eher gelangweilt entgegen. Aus einer späteren kurzen Unterbrechung der Verhandlung taucht er erst mit deutlicher Verspätung wieder auf. Die Richterin ist verärgert; es gelingt ihr aber nicht, sich im weiteren Verlauf der Verhandlung gegen den Anwalt durchzusetzen.

Spätestens, als Hirsch der Richterin gegen Ende des zweiten Prozesstages Befangenheit unterstellt und so eine deutliche Hinauszögerng des gesamten Prozesses herbeiführt, gewinnt man den Eindruck, dass dem Verhalten Hirschs eine wohlüberlegte Taktik zugrunde liegt.

Es kommt zu einem verbalen Showdown im Verhandlungssaal, an dessen Ende die Richterin türknallend den Raum verlässt.

Da nun erst über eine eventuelle Befangenheit der Richterin entschieden werden muss, kann mit einer Fortsetzung der Verhandlung frühestens am 5. November gerechnet werden. fudder wird den Fall weiter verfolgen und darüber berichten.

Mehr dazu:

fudder.de: Türsteher-Gerichtsprozess eskaliert
fudder.de: Freispruch für drei Funpark-Türsteher