Treibjagd am Kandel (57)

David Weigend

Seitdem man Fleischpackungen bequem aus dem Kühlregal des Supermarkts abgreifen kann, ist für uns die Vorstellung des ersten Schritts zum Schnitzel eine abstrakte geworden. Wie geht die Jagd vonstatten? Eine Reportage aus dem Glottertal, mit fünf Rehen und Fotogalerie.



Versammlung

Frühnebel hängt an diesem Samstag in den Tannen des Glottertals, als sich 19 Schützen, 11 Treiber und sechs Hunde auf dem Parkplatz des örtlichen Schwimmbads versammeln. Man stellt sich im Kreis auf. Die Glocke im Turm von Sankt Blasius schlägt acht Mal.

Karl-Josef Herbstritt, 44, der die Jagd zusammen mit Norbert Kohler leitet, begrüßt die Anwesenden. Er verliest die Regeln zum Jagdablauf („Anschüsse werden vom Gruppenführer verbrochen“), teilt die Jäger in Gruppen auf und schließt mit der flapsigen Bemerkung: „Bitte keine Patienten erschießen!“ Denn man jagt im Bezirk Glotterbad, am Südausläufer des Kandels, unweit der Schwarzwaldklinik. Der Bezirk ist etwa 200 Hektar groß, gejagt wird auf Schwarzwild, Rehe, Hasen, „Raubwild und Raubzeug“.

Wir steigen ein in Herbstritts Geländewagen. Aika und Cora sitzen hinten, zwei Jagdterrier, die goldig aussehen. Was nicht darüber hinwegtäuschen soll, dass sie alles andere vergessen, wenn sie Witterung aufgenommen haben. Instinkt.

Herbstritt schaltet in den ersten Gang und fährt einen steilen Forstweg hinauf. „Wir jagen hier einmal im Jahr, meist Ende November“, sagt der Landwirt. „Man schießt, lässt das Wild dafür aber auch wieder in Ruhe. Der Wildbestand sollte den landschaftlichen Verhältnissen angepasst sein. Denn wir müssen schauen, dass im Wald die Verbissschäden nicht überhand nehmen.“



Die Jagd ist für die Bauern im Glottertal kein Hemingwaysches Abenteuer, sondern Pflichterfüllung. Sie übernehmen den Part von Wolf, Bär und Luchs, von jenen Tieren also, die es im Schwarzwald nicht mehr gibt. Bevor wir aussteigen, führt Herbstritt den Zeigefinger zum geschlossenen Mund. „Ab jetzt nur noch flüstern“, sagt er.

Wir gehen zum Wildwechsel, eine Stelle an einem felsigen Dobel. Da das Gelände steil und unwegsam ist, gibt es einen schmalen Grat, über den das Wild die andere Seite des Dobels zu erreichen pflegt. Auch eine Dickung mit Jungbaumbeständen liegt nicht weit. Dort halten sich Rehe gern auf. Herbstritt zündet sein Feuerzeug an, beobachtet das Flackern der Flamme. Der Wind geht talwärts. „Das Wild riecht so gut, wie wir sehen“, sagt er. „Die riechen uns auf 100 Meter.“



Die Jagd

Herbstritt klappt den Sitzstock aus, lehnt sich gegen eine Eiche. Wenn Cora aufspringt, zieht er sie mit einem sanften „Sssss“ und einem Ruck am Halsband zurück. Erst um 10 Uhr wird er sie schnallen. Der Jäger trägt olivgrüne Gummistiefel, eine grüne Hose mit großen Seitentaschen, ein grünes Fleece und einen Waidmannshut mit Signalband. Sicherheit ist oberstes Gebot, seitdem im Januar der Hornberger Förster Franz-Josef Mayer bei einer Wildschweinjagd versehentlich von einem Schützen getroffen und tödlich verletzt wurde.

Nachdem Herbstritt seinen Hund losgelassen hat, beginnt die Zeit des Wartens. Herbstritt hat das Gewehr auf die Knie gelegt, Kaliber .30-06, Distanz maximal 80 Meter. Er horcht in den Wald hinein. Das Laub ist trocken, jedes Rascheln ist zu vernehmen. Herbstritts Blick streift den Hang. Man hört in der Ferne einen Schuss, etwas näher das Klingeln einer Halsbandglocke. Zwischen den moosbewachsenen Felsen springt ein Reh vorbei. Herbstritt setzt an, aber das Tier ist zu weit entfernt.



Um 10.35 Uhr hört man das Rufen der Treiber: „Hobobobo…“. Erneut tritt ein Reh ins Sichtfeld. Diesmal nähert es sich langsam dem Jäger. Schritt für Schritt, dem Ende entgegen. Zwei Minuten dauert das. Es fühlt sich länger an. Herbstritt nimmt die Beute ins Visier. Er zielt aufs Schulterblatt, dahinter sitzen Herz und Leber.

Als das Tier knapp zehn Meter vor ihm steht, drückt er ab. Es knallt. Kammerschuss. Das Reh erstarrt in der Laufbewegung und stirbt im selben Moment. Dann fällt es, sich überschlagend, zwölf Meter den Hang hinab. Herbstritt hebt leicht die Schultern. Sein Gesichtsausdruck sagt: „Es musste eben sein.“

Fünf Minuten später ruft ein Treiber: „Achtung, Sau!“ Stattdessen wieder ein Reh. Es bewegt sich rasch zwischen den Birkenstämmen. Herbstritt will nicht das Risiko eingehen, es zu verschießen, lässt das Gewehr wieder sinken. Dann passiert lange Zeit nichts.

Man hört den Specht, das Singen des Rotkehlchens. Den Blättern kann man beim Fallen zuschauen, Käfer beim Krabbeln inspizieren. Ein Esoteriker würde das vielleicht als „Forstrale Meditation“ ansehen. Herbstritt gähnt. Jagen heißt Ausharren. Gegen Mittag wird es stiller im Glotterbad. Kein Wind, kein Wild. „Säue sind schlau“, hatte Herbstritt gesagt. Scheint was dran zu sein.



Um 13 Uhr ist die Jagd vorbei. Wir gehen zur Beute. Herbstritt schaut sie sich an, ein Schmalreh. "Eine Geiß schießt man nicht." Er zeigt aufs Einschussloch: „Wir benutzen Deformationspatronen. Das Projektil hat eine Bleispitze und zerlegt sich beim Aufprall in viele Teile, wie ein Pilz, um den sofortigen Tod des Tiers zu erreichen.“ Wir packen an, einer nimmt die Vorderbeine, der andere die Hinterbeine. Knapp 20 Kilo wiegt das Reh. Das Fleisch will Herbstritt an den Sonnenwirt verkaufen, etwa 6,50 € das Kilo.

Oben, am Forstweg, trifft er die anderen. Unter ihnen Tobias, 28. Er ist Doktorand bei den Forstwissenschaftlern an der Freiburger Uni und hatte heute kein Glück. „Es war zu trocken, die Hunde haben schlecht gejagt“, sagt er. Die Hunde haben bei trockener Witterung Probleme, eine Fährte aufzunehmen. Und überhaupt, wo ist Cora? Später stellt sich heraus, dass sie sich nach Wegelbach verirrt hat. Ein anderer Jäger findet sie und ruft Herbstritts Nummer an, die Cora um den Hals trägt. „Kasperletheater“, sagt Herbstritt, als er von diesem Umweg zurückkommt, Cora im Kofferraum.

Zur Strecke gebracht

Jäger und Treiber treffen sich wieder am Scharbachhof, auf dem Herbstritt mit Frau und fünf Töchtern wohnt. Sein Vater war früher Bürgermeister von Glottertal und nahm seinen Sohn Karl-Josef zur Jagd mit, als dieser 16 Jahre alt war.



Herbstritt Senior lebt nicht mehr, aber es sind nun einige seiner Generation zugegen. Die älteren Jäger fachsimpeln über ihre Büchsen: „Ich hab e Suhler, siebedriissig Johr alt, aber schießt wie Gift.“ Währenddessen bricht Hermann Reichenbach in der Kühlkammer das erlegte Wild auf. Er trennt den guten vom ungenießbaren Inhalt. Das ist nichts für schwache Nasen: Der grüne Panseninhalt ist das Halbverdaute vom Reh und riecht auch so. Das kleine Jagdrecht hingegen ist begehrt. Es besteht aus Leber, Herz und Nieren des Tieres, der Erleger erhält es zum Verzehr. Der Rest gehört dem Revierinhaber.



Mit der Qualität der Beute ist man zufrieden: Fünf Rehe und ein Fuchs, sauber geschossen. Bevor Herr Reichenbach die Rehe für zwei Tage in die Kühlkammer hängt (so wird das Fleisch zarter), erweisen ihnen die Jäger die letzte Ehre.

Sie bringen die Rehe zur Strecke, das heißt, sie betten die Tiere auf Tannenzweige. Alle stehen jetzt in einem großen Kreis um die Beute. Ein feierlicher Moment. Jagdleiter Norbert Kohler ehrt die Schützen: Mit einem Fichtenzweig berührt er die Wunde des zugehörigen Rehs und gibt diesen Schützenbruch dem Erleger. Der wiederum steckt sich den Bruch an die rechte Hutseite. „Waidmannsheil“, sagt Kohler, „Waidmannsdank“, antwortet der Schütze.



Dann verblasen Herbstritt und ein Kollege die Strecke. Auf dem Horn spielen sie für jede erlegte Wildart ein Jagdsignal. Die Hunde winseln. „Wie ging noch gleich der Fuchstod?“, fragt Herbstritt, aber rasch fällt ihm die Tonfolge wieder ein. Das letzte Signal gilt den knurrenden Bäuchen: Schüsseltreiben. Die Rindfleischsuppe von Frau Herbstritt dampft schon.

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Foto-Galerie: David Weigend