Traumjob Tätowiererin

Joshua Kocher

Es ist eine Arbeit hautnah am Menschen: Die 22-jährige Alina Füchter ist Tätowier-Lehrling in einem Studio in Freiburg. Seit zwei Jahren lernt sie das alte Handwerk mit moderner Technik.

Bzzzzzzzzzzzzzzz. Leise surrt die Tattoomaschine, als Alina ansetzt, um die Konturen eines Adlers auf Andreas rechten Oberarm zu bringen. Sauber zieht sie die erste Linien des Motivs, die für immer bleiben werden. Andreas sitzt ihr seelenruhig gegenüber; dafür, dass gerade ein Greifvogel auf seiner Haut verewigt wird, ist er absolut cool. "Es ist nie zu spät für ein Tattoo", sagt er. "Selbst mit 49 Jahren nicht." Interessiert schaut er Alina bei der Arbeit zu. Ihre rotblonden Haare schimmern im Neonröhrenlicht, als sie an ihrer Arbeitsstation mehr Farbe nachfüllt.


Tätowier-Lehrling? Ist man ganz schön lange

Seit fast zwei Jahren absolviert die 22-Jährige eine Ausbildung als Tätowiererin. Sich selbst als solche zu bezeichnen, würde Alina aber nicht einfallen: "Leute, die kürzer als sechs Jahre stechen, haben noch Lehrlingsstatus", sagt sie, das sei Ehrensache gegenüber den Älteren.

Tätowiererin zu werden war schon immer Alinas Traum. Der Beruf des Tätowierers ist in Deutschland nicht geschützt, die Ausbildung nicht geregelt. Es gibt zwar Tätowierkurse, bei denen man Zertifikate erwerben kann, allgemein anerkannt sind diese jedoch nicht. Der Großteil des Tätowier-Nachwuchses lässt sich daher von einem erfahrenen Tätowierer ausbilden.

Um im Tätowierbusiness erfolgreich zu sein, muss man vor allem eins können: hervorragend zeichnen. "Das ist die Grundvoraussetzung", sagt Alina. Um sich dann aus der Masse abzuheben, braucht es außerdem gutes Handwerk und ein Gefühl für Haut als Arbeitsfläche. Im Berufsprofil einer Ausbildungswebsite heißt es: "Ein guter Tätowierer ist Künstler, Kaufmann und Mediziner in einem. Er muss zum einen sauber und steril arbeiten, muss Talent zum Zeichnen mitbringen und sollte wissen, wie man einen Betrieb führt." Ein kundiger Mentor in der Ausbildung ist da unabdingbar. Nach einem ersten Praktikum fand Alina in Tony Anker ihren Ausbilder; er betreibt in der Freiburger Innenstadt unweit des Martinstor sein Studio Anker Tattoo.

"Man sollte sich unbedingt jemanden suchen, von dem man glaubt, dass er hilft, die richtigen Werte und Stilrichtungen zu vermitteln", sagt Alina. Sie hat sich dem "Neo-Traditional"-Stil verschrieben. Ausdrucksstarke Linien und klassische Motive aus dem "Oldschool"-Stil werden dabei mit realistischen Elementen verbunden. Auch der prächtige Adler, der auf Andreas Schulter zum Zugriff ansetzt, hat Oldschool-Charakter. Für Andreas steht der Vogel für das Gefühl von Freiheit. "Man könnte dem Alltag ganz einfach entfliehen, wenn man durch die Lüfte gleiten könnte", sagt er. Das Grundmotiv hatte er schon lange im Kopf, gemeinsam mit Alina ist daraus die Vorlage geworden, die sie nun auf seine Haut bringt.

Zur Absicherung erst eine andere Ausbildung, das wollte Alina nicht

Viele Berufseinsteiger wollen sich vor der Tattoo-Ausbildung durch eine kaufmännische Ausbildung oder gar ein Studium absichern. "Ich habe aber einfach alles auf eine Karte gesetzt und wollte meine Leidenschaft zum Beruf machen", sagt Alina. Ihre Eltern waren über ihren Berufswunsch anfangs nicht ganz so begeistert. Gerade auf dem Dorf – Alina stammt aus Elzach – gibt es noch immer Vorurteile gegenüber der Szene, es dominiert das Knast- und Matrosen-Image. "Ich bin schon immer etwas aus der Reihe getanzt", sagt Alina. Inzwischen sind auch ihre Eltern beide tätowiert. Tatsächlich sind Tattoos Mainstream: 15 Prozent aller Deutschen sind laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov tätowiert, mit 28 Prozent ist der Anteil bei den 25- bis 34-Jährigen besonders hoch.

Zu Beginn ihrer Ausbildung übte Alina auf Kunsthaut oder an sich selbst. Bis sie sich an ihre Freunde herantraute, dauerte es eine Weile. "Man muss sich am Anfang selbst gut einschätzen können", sagt sie. "Die Leute haben das ihr Leben lang und ich wollte ihnen etwas Ordentliches stechen." Das erste komplette Tattoo an ihrer besten Freundin waren die Umrisse eines Regenschirms, unter dem ein Gewitter tobte, natürlich von Alina gezeichnet. Zeichnen ist ein fester Bestandteil von Alinas Arbeitsalltag – auch losgelöst von konkreten Aufträgen ihrer Kunden. In einer Mappe sammelt sie all ihre "Wanna-dos" – Motive, die sie irgendwann mal stechen möchte und die ihren individuellen Tätowierstil widerspiegeln.

Das Tattoobusiness verändert sich – auch durch das Internet

Individualität ist überraschenderweise für viele Kunden gar nicht so wichtig. Im Trend sind Standardmotive, die oft aus dem Netz kopiert werden. "Ich weiß gar nicht, wie viele Unendlichkeits-Zeichen ich bisher gestochen habe", sagt Alina und seufzt.

Ein Tattoo zu haben würde immer normaler, Motiv und kunstfertige Ausfertigung den Kundinnen und Kunden paradoxerweise egal, viel liefe über den Preis. Außerdem erwecke moderne Lasertechnik den Eindruck, jedes Tattoo könne auch wieder entfernt werden. Das habe die Szene schnelllebiger und die Kunden ein wenig desinteressierter gemacht. Alina stimmt das traurig. "Eigentlich sind wir Künstler, die Motive aus den Köpfen der Kunden kreativ umsetzen möchten." Für Körperschmuck solle man sich bewusst entscheiden. "Tattoos sollten etwas besonderes sein, nicht einfach nur Teil der Wegwerfgesellschaft."

Ist das der Fall, ist Alina in ihrem Beruf besonders glücklich. Vor einigen Wochen hat sie die Arbeit an ihrem ersten kompletten Arm angefangen – ein beruflicher Meilenstein. "Man muss sich das mal vorstellen! Da gibt mir jemand einfach seinen ganzen Arm und vertraut mir, dass ich den schön verziere." Auch Andreas Vertrauen hat sich ausgezahlt – nach etwas mehr als zwei Stunden ist sein Adler fertig. Für immer.