Trauer nach der Loveparade

Marc Schätzle, Fabian, Carolin Buchheim & Mikey

19 Frauen und Männer sind am Samstag bei der Massenpanik bei der Loveparade in Duisburg gestorben; Hunderte wurden verletzt. Und obwohl wir alle weit weg waren, und niemand von uns zum Glück direkt betroffen ist, beschäftigt das schreckliche Unglück uns hier in der Redaktion und dominiert unsere Gespräche. Marc, Fabian, Caro und fudder-User Mikey haben aufgeschrieben, was sie beschäftigt.





Fabian

"Wer in diesem Jahr das Ruhrgebiet besucht hat, der hat erlebt wie diese Region aufblüht, wie sie seit dem Ende der Bergbau-Ära wieder etwas hat, auf das sie stolz sein kann. RUHR.2010 war ein Erfolg, nicht für die Veranstalter, sondern für die Menschen.

Ich selbst war vorletztes Wochenende auf der A40 und ich werde mich sehr lange an diesen Tag erinnern, denn das Erlebnis mit 3 Millionen ausgelassenen Menschen auf einer Autobahn zu sein, ist einzigartig. Wer die Leute dort kennt und weiß, wie sie sich freuen, dass sie, das Ruhrgebiet (und nicht Essen oder Bochum oder sonstwas) endlich Kulturhauptstadt sind, nachdem es lange Zeit bergab ging mit der Bergbauregion, der kann das nachvollziehen.

Das Gefühl zu wissen, dass dieses bis dato so fröhliche und erfolgreiche Kulturhauptstadtjahr nun für immer mit diesem Schatten von 19 toten jungen Menschen behaftet sein wird, macht mich betroffener als vieles zuvor. Das hat das Ruhrgebiet einfach nicht verdient. Daran wird die Aufklärung der Ereignisse nichts ändern, auch wenn sie zweifelsohne geschehen muss."

Marc

"Ich habe die Nachricht erst am Samstag Abend erhalten, auf einer Party, wo ich selbst aufgelegt habe. Tags darauf habe ich den ganzen Tag im Internet und im Fernsehen diese schrecklichen Szenen verfolgt. Ich war selbst schon öfters auf Partys, wo das Gedränge extrem war, es zeitweise nicht mehr vorwärts und rückwärts ging, mag mir aber gar nicht vorstellen, wie es gewesen sein muss, in diesem Hexenkessel gestanden zu haben. Ich selbst habe bisher nur die Street Parade in Zürich besucht, fühle mich aber allgemein auf solchen Massenveranstaltungen nicht wirklich wohl.

Was mich wirklich ärgert ist, dass doch schon im Vorfeld klar war, dass das Gelände, sogar für die laut Veranstalter erwartete Menschenmenge von 500.000 Besuchern, zu klein gewesen wäre. Hält man sich die Besucherzahlen jenseits der Millionengrenze aus den Vorjahren vor Augen und ein Gelände, das nur über einen einzigen Zugangsweg, einen Tunnel, zu erreichen ist, kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Haben die Veranstalter einfach spekuliert: „Wird schon passen?“

Nun warten alle auf  Antworten, doch selbst wenn die Schuldfrage geklärt ist: 21 Menschen sind tot, Hunderte verletzt und traumatisiert, die letzte Loveparade geht als Stichwort für Massenpanik mit Todesfolge in die Geschichte ein. Meine Gedanken sind bei den Familien, Angehörigen und denen, die diese schrecklichen Momente miterlebt haben."

Caro

"Die Loveparade war nie mein Ding. Wenn meine beste Freundin in den 90ern nach dem wochenendlichen Loveparadeausflug übernächtigt und überdreht montags wieder in der Schule neben mir saß, konnte ich ihre Begeisterung nie so richtig nachvollziehen. Meine Kultur war das nicht, ich hörte andere Musik. Und trotzdem machte die Loveparade mich auf eine ganz seltsame Weise stolz, wenn ich in Australien vor dem Fernseher saß, und in den Nachrichten halbnackte, höchstwahrscheinlich bewusstseinserweitere Tanzende auf LKWs um die Siegessäule fahren sah, und Freunden und Kollegen mir erklärten, dass das nirgendwo sonst auf der Welt möglich wäre.

Den Niedergang der Parade in den vergangenen Jahren, die Kommerzialisierung, die Umzüge, die fand ich traurig. "Besser keine Loveparade, als eine Loveparade in Bochum", dachte ich mir, denn manche Sachen gehören einfach an bestimmte Orte, und die Loveparade, sie gehörte nach Berlin.

Und jetzt war die Loveparade nach Duisburg gezogen, meine Heimatstadt. Am vorvergangenen Wochenende war ich zuletzt dort, und bin beim Stillleben Ruhr mit dem Fahrrad über die A40 gefahren, zusammen mit 3 Millionen anderen. Das Stillleben war ein entspanntes Volksfest mit einigen Planungsfehler, über die ich und meine Begleitung im Nachhinein immer wieder geredet haben: auf der Strecke gab es immer wieder Engpässe, die durch Verpflegungstrucks verursacht wurden, die Beschilderung war schlecht, der Informationsfluß vor Ort auch. Wir waren uns danach einig: wer eine Großveranstaltung plant, der trägt die Verantwortung für die Sicherheit der Besucher.

Wer daran schuld ist, das am Samstag in Duisburg so viele Menschen gestorben und verletzt wurden, so viele weitere traumatisiert, das kann ich trotzdem nicht beurteilen. Ich kenne die Einsatzpläne nicht, bin keine Fachfrau für Crowd Management, für Polizeieinsätze, für Großveranstaltungen. Aber bei einer Sache bin ich mir ziemlich sicher: "Individuelles Fehlverhalten", so der O-Ton des Duisburger Oberbürgermeister am Sonntag, kann man den Opfern nicht vorwerfen. Niemand klettert in einer solchen Albtraumsituation aus wirklich freien Willen auf Masten oder Treppen. Die Opfer trifft meiner Meinung nach keine Schuld, auch nicht, wenn sie in Panik verfallen sein sollten und sich falsch verhalten haben. In einer Menschenmenge, in der man kaum atmen kann, kann man nicht mehr rational denken und handeln. Das weiß jeder, schon einmal in einer wirklich großen Menschenmenge gestanden und urplötzlich Angst hatte, obwohl er doch einfach nur einen schönen Tag mit guter Musik erleben und feiern wollte. Am Samstag sind Menschen, die einen schönen Tag mit guter Musik erleben, die feiern wollten, gestorben. Und das geht mir nah.

Beim dänischen Roskilde-Festival, das total mein Ding ist, sind vor genau zehn Jahren 9 Menschen während eines Pearl Jam-Gigs gestorben. Heute stehen zur Erinnerung an sie neun Birken unweit der Hauptbühne im Kreis, in ihrer Mitte liegt ein Stein. "How fragile we are" steht darauf. Und über diesen Satz denke ich nach, seit Samstag.

How fragile we are."

Mikey

"Als ich vergangenen Samstag gegen 16 Uhr die Live-Übertragung der Loveparade im WDR einschaltete freute ich mich eine Party zu sehen wie ich sie selbst schon viele Male in Zürich mit der Streetparade hautnah erleben durfte und wie jedes Jahr, wenn ich diese Bilder sehe, überkam mich auch ein bisschen Sehnsucht obwohl ich mit derartigen Großveranstaltungen abgeschlossen habe..

Als gegen 17 Uhr die Berichterstattung plötzlich mit Gerüchten über ein Unglück begann, wurde deutlich dass diese Veranstaltung eine entsetzliche Wendung genommen hatte und ich begann systematisch zu recherchieren um zu erfahren was da passiert war. Je länger ich Nachrichtenseiten, Bloggeinträge und Internetvideos sichtete umso mehr drängte die Frage nach der Ursache in den Vordergrund, denn plötzlich las ich Artikel und Kommentare von ortskundigen Menschen die Tage zuvor schon vor solch einer Katastrophe gewarnt hatten.

In mein Entsetzen über den Tod von 19 Menschen, die eigentlich nur auf eine Party wollten, mischte sich langsam Fassungslosigkeit als mir immer mehr klar wurde, dass da nicht nur einfach was schief gelaufen war sondern das es unter Umständen vermeidbar gewesen wäre. Als ich am Tag nach dem Unglück eine Pressekonferenz mit Veranstalter des Events, Verantwortlichen der Stadt Duisburg und einem Sicherheitsexperten verfolgte wurde ich zornig, denn spätestens da wurde klar, dass sehenden Auges Fehler gemacht wurden, vor denen im vorhinein von Experten und Laien gewarnt wurde. Und ich erlebte Verantwortliche die durch Schweigen versuchen sich aus der Schusslinie zu nehmen.

Ich kann nach meinen bisherigen Recherchen nicht beurteilen wer welchen Fehler machte aber ich bin mir mittlerweile sicher das welche gemacht wurden und ich möchte dass diejenigen die den Tod von 19 Menschen mit zu verantworten haben dafür auch zur Rechenschaft gezogen werden. Gerade weil bisher niemand bereit war überhaupt Fehler zuzugeben, obwohl weil man es den Hinterbliebenen und Betroffenen schuldet, schaue ich ganz genau hin.

Und Du?

Beschäftigt Dich das Loveparade-Unglück auch so? Warum? Wie geht es Dir bei Großveranstaltungen und in Menschenmengen? Wie findest Du die Berichterstattung über das Unglück, und das, was währenddessen im Web 2.0 passiert ist?

Du bist gefragt!

 

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