Tratschtante und Schönling - eine Bürotypologie

Meike Riebau

Mit unseren lieben Kollegen verbringen wir mehr Zeit als mit unserem Liebsten - leider. Denn den hat man sich wenigstens selbst ausgesucht. Wie in allen Extremsituationen (Höhö) zeigen sich auch bei der Arbeit Charakterzüge, die die Beteiligten sonst gut zu verbergen wissen. Und die man selbst eigentlich auch nie kennenlernen wollte.



Die Bürotratschtante

Auf Kindergeburtstagen war ihr Lieblingsspiel Flüsterpost. Heute ist es das immer noch, aber mit verfeinerten Methoden: Dank Intranet, Zigarettenpäuschen und Haustelefon sind die Möglichkeiten nahezu unbegrenzt! Ob Ehekrise vom Chef, die Gehaltserhöhung vom Kollegen oder die Äffare zwischen Frau Schulz und Herrn Matuschek aus dem Vetrtrieb -– sie weiß alles garantiert als Erste. Ihre notorische Neugier kann hilfreich oder nervig sein, je nach Stimmungslage. Bös wird's, wenn sich die Gute als ein Zwitter herausstellt: -> Giftnatter + Tratschtante = ganz schlechte Kombination. Dann sollte man sich ganz schnell ein Repertoire an unverfänglichen, gleichbleibend freundlichen Antworten zurecht legen, und nie, nie aus dem Konzept bringen lassen.

Die Giftnatter

Trägt man das jetzt so?“, fragt sie mit einem seidenweichen Stimme und zartem Lächeln, wenn du dir in der Mittagspause einen Fleck auf der Bluse eingefangen hat. Wenn es hoch hergeht, ist sie garantiert diejenige, die dich noch eben bittet "„Das hier zu kopieren, ja?“", oder kurz vor Feierabend reinmarschiert und dir mitteilt, dass das Projekt, an dem du seit zwei Tagen sitzt, und die damit einhergehende Präsentation auf sie übertragen wurden. „Aber vielen Dank für die Vorarbeit, und es tut mir auch echt leid für dich.“ Das sind die Momente, in denen man nicht weiß, ob man weinen, mit den Fäusten auf sie eintrommeln oder in hysterisches Kichern ausbrechen soll.



Der Büroschönling

„Na, was haben wir denn da Schönes?,“ ist der Standardspruch für „seine Mädels“. Ob damit die Präsentation oder die Kollegin gemeint ist, bleibt unklar. Tänzelnden Schrittes bewegt er sich die Flure hinunter, sich permanent der (tatsächlichen oder eingebildeten) bewundernden Blicke seiner Mitarbeiterinnen bewusst. Die Abteilung wartet atemlos seinen nächsten modischen Ausbruch ab (Krawatte mit Flugzeugen? Knallenge Leinenhose?) ab, aber süffisante Bemerkungen prallen an ihm ab wie nichts, denn schließlich weiß er: Die sind alle nur neidisch, schließlich kann nicht jeder SO ETWAS tragen. Lackschwarze Haare à la Mooshammer und tief gebräunte Haut kennzeichnen den Schönling jenseits der 45.

Der rettende Engel

„Kann ich dir irgendwie helfen?“, ist ihre Lieblingsfrage. Böse Stimmen sagen, die Gute sei nicht ausgelastet. Aber für ihr Helfersyndrom kann sie ja nichts, und sie meint es ja auch nur gut. Ehrlich. Nur manchmal muss man sie halt ein wenig in ihre Schranken weisen, auch wenn man sich dabei herzlos vorkommt. Meistens reagiert der Engel zunächst ein bisschen geknickt, und kommt nach einer Weile zu dem Schluss, dir gütig zu verzeihen für deine ruppige Art. Aber wenigstens hält sie sich dann mit Hilfsangeboten zurück.

Die Chefs:

a) Il Duce„Bis fünf möchte ich das fertig haben, Frau Schröder“. Er nutzt immer noch gerne Formulierungen wie „Zack,zack“ oder „Dalli-Dalli“, sämtliche Mitarbeitercoachings haben an seinem herrischen Ton nichts ändern können. Hinter seinem Rücken machen sich die Mitarbeiter über ihren kleinen Imperator lustig und karikieren seine Macken wie früher den Mathelehrer –- aber eins muss man ihm lassen: Termine werden eingehalten, und er verhält sich korrekt. Und alle Jubeljahre mal überkommt auch die Feierlaune, und auf der jährlichen Weihnachtsfeier spielt er mit Hingabe den Nikolaus. Anfangs schwer zu knacken, werden sie im Laufe der Zeit immer liebenswerter.b) Der leutselige Chef„Wir duzen uns alle“, strahlt er dich am ersten Arbeitstag an. Von der Putzfrau bis hin zum Vorstandsvorsitzenden –- das sind Gaby, Christine und Horst. Der leutselige Chef hat auch gerne ein kleines Spielzeug in seinem Büro stehen wie Kicker oder Billardtisch, und schmeißt ab und zu spontane Sektrunden, die er im Firmenverteiler ankündigt - –denn wie stand es in der letzten Trendstudie zu Mitarbeitermotivation: „Die Work-Life-Balance muss stimmen“. Stimmt, nach zwei Gläsern Sekt und verkrampfter Unterhaltung über die neuesten Trends bei Kindernamen sind alle viel motivierter.c) Das personifizierte ChaosPlanen ist ein Fremdwort für ihn, zerstreut verteilt er Aufträge und erinnert sich in der nächsten Minute schon nicht mehr daran, dass und wem er sie verteilt hat. Oder, noch schlimmer, er hat fest vor, eine Aufgabe zu übertragen, und meint auch, er hätte das getan – nur leider weiß der betreffende Mitarbeiter davon nichts. Das ist ungefähr die schlimmste Chef-Variante die es gibt, auch wenn er eine Art Zerstreuter-Professor-Charme ausstrahlt. Denn nicht nur er, sondern auch seine Untergebenen irren orientierungslos umher, und meistens wird alles auf den letzten Drücker und irgendwie erledigt und mit deutlich mehr Stress als nötig. Dagegen hilft nur eins: Charmant lächeln, und eigene Wege gehen. Oder selbst Chef werden.