Trance im Unterricht (6)

Müslüm Erikci

Mit welchem Ritual beginnt eine Schulstunde in Malaysia? Wie fühlt man sich darin als Europäer? Müslüm berichtet einmal mehr von seinem in europäischen Augen kurios erscheinenden Schulalltag.



Der erste Schultag in meiner neuen Schule: Ich zog meine Uniform an, band mir die Krawatte und schulterte meine Schultasche. Auf der Fahrt konnte ich nicht still sitzen und zehn Meter vor dem Schuleingang fing mein Herz an zu rasen. Es kam mir vor, als hätte jemand die Zeit zurückgedreht. Da war das gleiche Gefühl, das ich als Fünftklässler hatte, wie ich mit zitternden Knien vor dem Schongauergymnasium stand.


Mein Vater führte mich zum Sekretariat, wobei ich merkte, dass mehrere Paar Schuhe herrenlos vor dem Eingang lagen. Wir zogen unsere Schuhe aus und gingen zu meiner Bezugsperson Puan Ros. Puan heißt "Frau". Sie war zugleich die stellvertretende Direktorin und erklärte uns, dass heute kein regulärer Unterricht stattfände und dass wir morgen wieder kommen sollten. Als ich mich auf dem Rückweg umschaute, bemerkte ich, dass ich der einzige in Uniform und nicht in Sportklammotten war, was dafür sorgte, das ich nur noch mehr auffiel.



Am Dienstag füllte mein Vater den nötigen Papierkram für meine Anmeldung aus. Daraufhin führte mich Puan Ros in der Schule herum. Wir hatten einen Chemie-, einen Physik- und einen Biologieraum, eine eigene Caféteria, ein Gebetshaus und ein eigenes Schreibwarengeschäft.

Als ich das Klassenzimmer betrat , fingen alle an, zu tuscheln und zu kichern. Ab und zu war einer dabei, der mit dem Finger auf mich zeigte. Bevor Puan Ros die Klasse begrüßte, stand die Klasse schon auf den Beinen und wartete auf den Gruß von ihr, um im Chor zurückzugrüßen. Dann wendete sich Puan Ros zu mir und meinte, dass ich mich vorstellen sollte.

Als ich die Klasse auf malaiisch begrüßte und fragte, wie es ihnen denn geht, um die Stimmung ein wenig aufzulockern, wartete ich vergeblich auf eine Antwort.

Die erste Schulstunde begann und ich wusste nicht, was vor sich ging. Doch die Jungs in den Reihen hinter mir meinten, dass ich aufstehen sollte. Die Lehrerin kam rein und begrüßte uns, wir grüßten zurück, warteten, bis sie saß und uns erlaubte, uns zu setzen. Plötzlich fing einer der Jungs an, das Gebet „El-ham“ laut aufzusagen.

Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie bekloppt ich wohl ausgesehen haben muss. Dann spürte ich, wie mich jemand am Hemd zupfte. Ich drehte mich um und sah die Klasse auf ihren Stühlen sitzen; mit Ausnahme von mir, der nun aus seiner Trance aufwachte.



Ich bemerkte, dass der Unterrichtsstoff dem deutschen stark ähnelte. Da ich aber zwei Stufen niedriger und den naturwissenschaftlichen Zweig gewählt hatte, fiel es mir nicht sehr schwer, dem Unterricht zu folgen.

Mit Englisch kommt man hier sehr weit, selbst in der Schule. Mehr als die Hälfte meiner Schulfächer sind auf Englisch. Nächste Woche ist das chinesische Neujahr und hoffentlich fange ich mit den Schulaktivitäten an.

Am meisten bin ich an Silat und Sepak Takraw interessiert. Silat ist eine malaiische Kampfsportart und Sepak Takraw ist eine Art Fußballtennis, das man mit einem kleinen Bambusball spielt.

MfG Müslüm