Tour For Life: Warum Christian mit dem Fahrrad quer durch Europa fahren will

Nicole Schneider

Wie viele Freiburgerinnen und Freiburger ist auch Christian Erhard verdammt viel mit seinem Fahrrad unterwegs. Im nächsten Frühjahr will er mit dem Rad bis nach Istanbul fahren. Doch es geht dem 31-Jährigen um mehr als eine sportliche Herausforderung: mit der "Tour For Life" will er Menschen Hoffnung geben, deren Leben sich durch eine schwere Krankheit verändert hat - so wie sein eigenes.



An dem Tag, an dem alles anders wird, ist Christian Erhard im Westbad. Es ist ein Tag im März 2008 und Christian bei der Prüfung zum DLRG-Rettungsschwimmer. Im Pool hat er einen epileptischen Anfall, wird ohnmächtig, kommt am Beckenrand zu sich, nachdem Rettungsschwimmer ihn vor dem Ertrinken retten konnten. Es ist der erste epileptische Anfall des damals 24-Jährigen aus Freiburg und hier hat Christian wie durch ein Wunder "ein zweites Leben geschenkt bekommen.“


Auf der Suche nach dem Auslöser des einschneidenden Erlebnis, teilt ein Neurologe Christian nach Magnetresonanz- und Computertomographie den Befund mit: „Sie haben da einen Tumor, so groß wie eine Mandarine.“ Weitere Untersuchungen ergeben: in seinem Kopf ist ein Astrozytom dritten Grades.

„Das reißt einen komplett aus der Normalität raus. Das realisiert man aber erst nach und nach.“, sagt Christian heute über die Diagnose Hirntumor. Er ist jetzt 31 und lebt in Riegel; mehr Zeit verbringt er aber auf dem Fahrrad in der Natur. Früher hat er im IT-Bereich gearbeitet, nach der zweiten OP hat er eine Umschulung zum Logopäden absolviert. Heute ist er aufgrund des Tumors krankgeschrieben, arbeitet ehrenamtlich ab und zu im Betrieb eines Freundes mit.

Christian ist ein großgewachsener Mann, immerzu in Bewegung. Stillstehen tut er selten. Er tritt einige Schritte vor und zurück, wenn er mit einem redet, bewegt die Arme, gestikuliert, hat stets ein Lachen im Gesicht. Auch als er den Rest seiner Krankengeschichte erzählt, von den Operationen, den Lähmungserscheinungen, den hochdosierten Medikamenten und den epileptischen Anfällen, die dann doch wiederkamen – wie der Tumor.  Zuletzt wird Christian im Mai diesen Jahres operiert, zwei Wochen lang sitzt er danach im Rollstuhl.  Doch er lässt sich nicht unterkriegen: „Wenn ich das durchstehe, dann mache ich was draus.“

Geheilt ist Christian nicht. Warten auf Heilung will er auch nicht. Also jetzt alles machen, was geht. Schon vor der Diagnose liebt er es zu reisen und Fahrrad zu fahren. „Das sind Dinge, die das Leben lebenswert machen“, sagt er. Zwei Monate nach der dritten OP schwingt er sich auf sein Fahrrad – und fährt von München nach Graz, in zwölf Tagen 815 km. Tut das, was ihm gut tut. Bestimmt, was in seinem Leben passiert, anstatt sich von der Krankheit bestimmen zu lassen.

Fahrradfahren für ein besseres und gesundes Leben

Während er auf dem Rad sitzt, kommt ihm die Idee, sein Schicksal auf dem Fahrrad in die Welt zu tragen – für und mit anderen Menschen, deren Leben sich durch eine Krankheit wie Krebs oder Multipler Sklerose komplett verändert hat. Christian findet einen Namen für sein Vorhaben: Tour For Life - cycling against cancer.  „Vielleicht kann man so anderen Betroffenen Mut  machen, ihnen ein klein wenig Vorbild sein“, sagt er.

Das will er mit einer großen Tour machen, die mehr ist als nur eine Reise, mehr als nur eine sportliche Herausforderung: am 1. April 2015 will Christian mit dem Rad in Berlin losfahren, quer durch Deutschland und Österreich touren und bis nach Istanbul fahren. „Wir radeln für ein besseres und gesundes Leben“, schreibt er auf seiner Website. „Tour For Life – cycling against cancer ist für dich, für mich, für alle da. Jeder kann daran teilnehmen!“

Die genaue Route steht noch nicht fest, klar ist aber, dass es mehr als 4000 Kilometer werden - die schöste Route, nicht die direkte, durch Slowenien, Kroatien, Bosnien, Montenegro, Albanien, Griechenland und Bulgarien. Und Christian will das nicht allein tun: „Ich suche Mitstreiter“, sagt er. „Gerne auch Menschen, die ebenfalls schwerwiegende Krankheiten erlebt haben, aber auch Menschen, die mich technisch unterstützen können, zum Beispiel mit Fahrradteilen oder mit Filmaufnahmen.“Mitfahren kann man auch für kleine Teilstrecken der langen Reise, bei denen Christian bei Institutionen wie der Deutschen Hirntumorhilfe in Leipzig und dem Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg vorbeifahren möchte, um Aufmerksamkeit zu schaffen, sich zu bedanken und Spenden zu sammeln. Außerdem plant er an den einzelnen Etappenzielen der  Tour Kinder in Krankenhäusern zu besuchen, mit ihnen zu malen, zu musizieren, zu basteln und sie zum Lachen zu bringen.

Vor der langen Tour will Christian zunächst noch ein paar kleinere Touren machen – einmal um den Bodensee und von Freiburg nach München – auch da kann mitfahren, wer mag. Doch bevor er sich das nächste Mal aufs Fahrrad setzen kann, lässt sich Christian derzeit in Heidelberg mit einer fünfwöchigen Strahlenbehandlung, der Protonentherapie, behandeln.

Dass es nur gut sein kann, einer Krankheit mit Sport und Lebensfreude entgegenzutreten, davon ist  Christian überzeugt, die Botschaft seiner Tour ist eindeutig: „Ich habe es geschafft und ihr könnt es auch!“ Christians Freunde sind durchweg begeistert von seinen Plänen, warnende Stimmen gibt es aber auch. „Mein Vater  fragt sich, ob das Projekt überhaupt zu realisieren ist“, sagt Christian. „Aber Tour For Life macht mich überhaupt nicht müde, es weckt das Feuer in mir.“

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    [Foto: Marius Buhl]