Totalitäre Küche im Möslestadion

David Weigend

Nachdem die Kulisse für die eigentlich geplante Open-Air Lesung im Stadion dem Wind nicht standgehalten hatte, las Wladimir Kaminer in der Gaststätte des Möslestadions vor circa 120 begeisterten Zuhörern. David Harnasch traf ihn zuvor zum Interview über sein neues "Kochbuch" "Küche totalitär" - und hat von ihm drei Bücher zur fudder-Verlosung ergattert.


Wieso ist die sowjetische Küche so unglaublich vielfältig?

Wladimir Kaminer: Die Sowjetunion war ein totalitärer Staat, der sehr unterschiedliche Traditionen mit Gewalt zusammenbrachte ? auch in der Küche. Das konnte nur im Totalitarismus entstehen, wo den Kulturen ihre besten Rezepte enteignet und zu einer sowjetischen Küche fusioniert wurden.

Aber von dieser Vielfalt hat man in der DDR seltsamerweise nichts mitbekommen ? zumindest nicht die Leute, die ich fragte.

Wladimir Kaminer: Sie haben Recht. Alles kam nach Moskau, wir hatten zu jeder Republik und zu jedem Land ein Restaurant. Prag, Peking ? das war ein Traum. Panasiatische Küche, halb usbekisch, halb japanisch, das gibt es dort alles heute noch. Aus jedem Land gab es etwas gutes: Die Ungarn hatten sehr gute Schulen, aus Jugoslawien kam die Elektronik, Polen hatte gute Schauspieler und Musik. Aber die DDR...

Aus westdeutscher Perspektive war sie der kleine, behinderte Bruder. Wie hat sie den Ostblock kulturell bereichert?

Wladimir Kaminer: Die DDR war im Geiste freier, trotz Stasi. Interessanterweise bekam man in der DDR die sowjetischen Bücher, die bei uns verlegt, aber nicht verkauft wurden. Durch die Intershops war die DDR ein Tunnel in den Westen, aber sonst ist die Rolle der DDR schwer zu beurteilen. Von dort war nichts präsent, wie Kaugummi aus Rumänien, Wein aus Bulgarien, Bier aus Prag... Doch! Kaßler! Die DDR war fürs Kaßler zuständig. Aber das DDR-Kaßler war viel besser als das heutige. Salziger, nicht so nach modernen Gesundheitsbestimmungen gemacht.

Wenn man für die Rezepte im Buch die original sowjetischen Zutaten verwendet, kann man von Schwermetall- und Pestizidrückständen ausgehen, die hierzulande als hochgiftig gelten. Sollte man ohne einheimische Begleitung auf kulinarische Entdeckungsreise in den Ostblock gehen?

Wladimir Kaminer: Das ist kein Problem, ich bin viel unterwegs und gehe oft in Moskau essen. Das ist zwar nicht billiger als in Berlin aber interessanter und spannender. Was die Vorschriften hier erreichen - Nichts ist giftig, alles schmeckt gleich ? ist dort anders. 90 Prozent der Lebensmittel kann man bedenkenlos essen, 10 Prozent töten einen sofort. In der Regel warnen dich gute Menschen, denn Nächstenliebe ist trotz aller wirtschaftlichen Experimente vorhanden. Mir haben in Moskauer Geschäften oft Verkäuferinnen empfohlen, lieber diesen, als jenen Fisch zu kaufen. Damit verstoßen sie zwar gegen ihre Geschäftsinteressen, aber das sagen die auch nicht jedem ? es ist eine Frage der Sympathie. Einfach direkt und nett fragen: “Diese Wurst sieht gut aus, können Sie die empfehlen?” “Na ja. Gestern hat sie jemand gekauft, heute ist er tot.”

Im Buch findet sich nur im Anhang ein Rezept, in dem Wodka eine Rolle spielt...

Wladimir Kaminer: Das ist auch das einzige Rezept, das von mir stammt.

Da es ja zum Beispiel bei Biolek nur darum geht, sich während des Abschmeckens mit Weißwein vollaufen zu lassen, wäre das doch eine Hintertür, um mal harten Stoff in die Sendung zu bringen.

Wladimir Kaminer: Es gibt Tausende Rezepte und Speisen, in denen Wodka eine Rolle spielt. Ein Amerikaner hat zum Beispiel ein Wodka-Kochbuch gemacht, das im Herbst bei einem großen deutschen Verlag erscheinen wird...

Das ist aber nicht derjenige, den Sie im Buch beschreiben? Der nach Rußland ging, um den besten Wodka der Welt zu produzieren und später nach Mexiko, für den besten Tequila?

Wladimir Kaminer: Tatsächlich, so einer kam im Buch vor! Ich muß das überprüfen, ich habe grade eine Einladung zur Buchpräsentation bekommen. Er hat in Russland geforscht und in Amerika war sein Buch ein Riesenerfolg ? kann sein, daß das derselbe Typ ist.Ich hatte mal eine Einladung zu Biolek. Ich hab’s ja nicht in alle Talkshows geschafft, bei ihm war ich zum Beispiel nicht. Zwei Redakteurinnen kamen nach Berlin, interviewten mich stundenlang und flogen mit dem Material zurück nach Köln. Dann hieß es, daraus würde nichts.

Weil Sie nicht ins Format passen?

Wladimir Kaminer: Ja, er hat ein festes Format, wie alles im Fernsehen. Immer wenn ich versuchte, so ein Format umzukippen, gab es viel Zustimmung vom Publikum...

Aber niemals eine Wiederholung durch den Sender?

Wladimir Kaminer: Genau. Kürzlich gab ich einen Kommentar ab, vor dem Brandenburger Tor, wo immer Leute stehen und ablesen, was sie von aktuellen politischen Ereignissen halten. Merkel war bei Putin zu Besuch und ich habe mir irgendeinen lustigen Spruch über die Sauna erlaubt, in die man ja nun nicht mehr zusammen gehen kann. Oh mein Gott, gab das eine Aufregung!

Wurde es gesendet?

Wladimir Kaminer: Ja. Aber sehr spät - so um drei Uhr morgens. (Süffisant): Deutschland ist ja so ein freies Land, in dem jeder jeden karikieren kann...

Kann man schon, es ist nur fraglich, ob es jemals jemandem gezeigt wird.

Wladimir Kaminer: Eben, man hängt hier sehr an seinen festen Formaten. Aber ich bemühe mich. Letzten Monat schrieb ich zum Beispiel journalistisch für die “Konkret” über Diktator Lukaschenko. Das war mir ein wichtiges Anliegen: Die sprachen mich auf ein Interview an, in dem ich sagte: “So diktatorisch ist der Diktator nicht, das hat andere Hintergründe. Weißrußland ist der erfüllte Traum der Sowjetunion.” Das war informativ. Für Park Avenue habe ich hingegen einmal über Reiche in Rußland geschrieben, kein wichtiges, aber auch ein interessantes Thema.

A propos neureich: Sie wiederlegen im Buch das Klischee, daß Russe zu jeder Gelegenheit Kaviar in sich hineinschaufelt.

Wladimir Kaminer: Ja, der war ein reines Exportprodukt.

Man bietet Kaviar an, um anzugeben und man isst ihn, wenn man ihn angeboten bekommt. Aber niemand kauft das Zeug für sich selbst, oder?

Wladimir Kaminer: Eigentlich stimmt das, aber es gibt Ausnahmen: Mich zum Beispiel. Kaviar ist eine normale Speise, man muß vergleichen können, um auf den Geschmack zu kommen. Der Preis ist eine Barriere. Meine Schwiegermutter wohnt in der Nähe eines Schwarzmarktes, wo guter Kaviar vom Kaspischen Meer zu erträglichen Preisen verkauft wird. Aber die Polizei greift immer härter durch, irgendwann werde ich mir den Kaviar abgewöhnen müssen. Außer, mir gelingt ein Bestseller, so wie “Sakrileg”. Gute Bücher stehen zwar auch mal auf der Bestsellerliste, aber am besten verkauft sich leider französischer Schmalz.

Wer denn? Houellebecq? Den finde ich gut.

Wladimir Kaminer: Nein, nein, der ist gut, aber der wird nie 100 Wochen am Stück auf der Liste stehen, so laufen wie der “Alchimist”...

Coelho ist grauenhaft!

Wladimir Kaminer: Ja, furchtbar! Oder “Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück” mit dem Psychiater, irgendwelchen Nutten und dann doch keinem Glück ? da kriegst Du wirklich Gänsehaut!

Wir verlosen drei Mal "Küche totalitär - Das Kochbuch des Sozialismus" von Wladimir Kaminer. Um eines davon zu gewinnen, schickt Ihr einfach eine Mail mit dem Betreff "Kaminer" an info@fudder.de