Top Ten: Fußball und Religion

Christoph Müller-Stoffels

Religion ist Opium für das Volk, wissen wir seit Karl Marx. Fußball ist Religion und ohne Zweifel ebenso potent wie Opium. Was aber passiert, wenn Religion und Fußball Hand in Hand daher kommen? Wir haben uns in der Welt umgeschaut, welche Blüten diese Kombination zur Weltmeisterschaft treibt. Hier geht's zur Top Ten:



01. Danke für den Fußball

Die chilenische Bischofskonferenz hat auf ihrer Website eine Kampagne gestartet, die unter dem Motto „Danke, Gott, für den Fußball“ steht. Eine (erstaunlich schlechte) Animation zeigt Nationalspieler Fabian Orellana, wie er einen Ball in den Himmel schießt, der in den Händen von Jesus Christus landet. Die Kampagne will auf die Gemeinsamkeiten von Fußball und Katholischer Kirche hinweisen und bietet unter anderem auch ein Gebet für den Fußball und den Sport.  

02. Dem Fußball drei Halleluja

Der englische Bischof von Cloydon, Nick Baynes, hat gleich drei Gebete erdacht, die Gott als Fußballer porträtieren, der den Kosmos erspielt hat. Baynes glaubt, dass mehr Menschen zur Kirche als zu Fußballspielen gehen. Allerdings seien Fußballspiele eine der wenigen Gelegenheiten, wo Menschen ein gemeinsames Erlebnis zur gleichen Zeit am gleichen Ort hätten. Er hat auch ein Gebet für Nicht-Gläubige beigefügt. „Über die Hälfte der Bevölkerung betet und jeder ist auf die eine oder andere Art von der WM betroffen. Also ist es sinnvoll, ein paar Gebete für die zu haben, die sie nutzen wollen.“

03. Bibelforschung zum Fußball

Bibelforschung der anderen Art hat ein Blog betrieben und ist fündig geworden: Fußball kommt schon in der Bibel vor. Zwar funktionieren manche Wortspiele nur im Englischen, wo sich „penalty“ nicht nur mit „Bestrafung“, sondern auch mit „Elfmeter“ übersetzen lässt oder „goal“ ebenso „Ziel“ wie „Tor“ bedeuten kann , wie etwa in Philipper 3:14: "I press on toward the goal to win the prize for which God has called me..." (dt. zu verstehen etwa als „Ich strebe dem Tor entgegen, um den Preis zu gewinnen, für den Gott mich gerufen hat“) . Trotzdem sind auch im Deutschen Traineranweisungen deutlich herauszulesen, wie etwa im 2. Buch Könige, 13:17: „Und Elisa sprach: Schieß! Und er schoss.“

04. Wayne interessiert es, wer Sie bedient?

Dass Fußball Religion ist, zeigt Chris Hilditch, ein Wirt aus Manchester, auf ganz andere Weise. Er hat sein Thekenpersonal dazu überredet, ihre Namen bis zum Ende der WM auf den Namen des englischen Stürmerstars und Hoffnungsträgers Wayne Rooney ändern zu lassen – offiziell, versteht sich. Alle sieben Angestellten haben mitgemacht, auch die drei Frauen. Er selbst hat den Namen des Teammanagers Fabio Capello angenommen. Viel wichtiger kann man Fußball nicht mehr nehmen.

05. Glaube, Liebe, Fußball

Auch die deutschen Kirchengemeinden wollen bei all diesen Versuchen, über den Fußball etwas Aufmerksamkeit abzubekommen, nicht zurückstecken. Die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Bargteheide zwischen Lübeck und Hamburg lädt zum Public Viewing für das Auftaktspiel der deutschen Mannschaft. Erst wird Pfarrer Jan Roßmanek einen Bildervortrag zum Thema „Glaube, Liebe, Fußball, diese drei. Über das Religiöse im Sport“ halten. Danach sollen auf Großleinwänden im und vor dem Martin-Luther-Haus die Vorberichte und das Spiel gezeigt werden.

06. Abartige Heuchler

Gar nicht angetan von der Weltmeisterschaft ist dagegen der islamistische Fundamentalist Omar Bakri Mohammed. Er hat alle britischen Muslime dazu aufgerufen, die WM mit Nichtachtung zu strafen, fördere sie doch den Nationalismus und sei somit „böse“. Für den 52-Jährigen sind Muslime, die England trotz der offensichtlichen Bösartigkeit des Turniers unterstützen, „abartig“ und „Heuchler“. Allerdings gibt sich Omar Bakri auch generös. „Wir haben nichts dagegen, wenn Fußball zum Spaß gespielt wird.“ Wir auch nicht.

07. Fußball für Krieg und Frieden

Eine Verbindung zwischen Fußball und Nationalismus findet auch Ian Buruma in einem Kommentar für die englische Zeitung „The Guardian“. Wettbewerbe wie die Weltmeisterschaft würden keineswegs zu Brüderlichkeit inspirieren. „Sie sind ein Ventil für primitive Emotionen.“ Schon Rinus Michels habe erkannt, dass Fußball Krieg sei, ein Fußballspiel zwischen Honduras und El Salvador habe zum Krieg geführt, und die Gewaltbereitschaft britischer Hooligans würde eine sonderbare Kriegsnostalgie widerspiegeln.

Es komme vor, dass Religionszugehörigkeit das Fan-Sein bestimme wie in Glasgow, wo Celtic für die Katholiken und die Rangers für die Protestanten stehe. Allerdings sei der Fußball in anderen Gegenden der einzige Anlass dafür, dass sich verfeindete Gruppen näher kämen, wie etwa Shiiten and Sunniten im Irak oder Muslime und Christen im Sudan. Krieg und Frieden eben.



08. Die muslimische Elf

Das britische Magazin „The Revival“ hat sich die Mühe gemacht, eine rein muslimische Fußballmannschaft aufzustellen. Natürlich bildet Bayern-Star Franck Ribéry das Herzstück dieser Auswahl, neben Khalid Boulahrouz vom VFB Stuttgart der einzige Bundesligaspieler in der Elf. Ein Algerier, die Touré-Brüder von der Elfenbeinküste sowie fünf weitere Franzosen werden von „der Stimme der muslimischen Jugend“ aufgestellt. Der elfte Mann ist der Holländer Robin van Persie von Arsenal London. Auch wenn sich viele Spieler nicht öffentlich zu ihrer Religion bekennen würden, so hoffen die Autoren, sollen sie doch mit ihrem fußballerischen Talent die Religion in ein strahlenderes Licht rücken, als dass die Schlachtfelder von Kandahar und Peshawar tun.

09. Schreib doch mal eine gelbe Karte!

Fußball ist für manche Menschen schlicht unverständlich. Auf Muslim-Religion.net tut das ein US-amerikanischer Muslim kund und führt in acht Punkten aus, warum er nichts für den Sport mit dem runden Leder übrig hat. Nicht ganz ernst gemeint versucht er hinterher, seine Ausführungen mit seiner Religion zusammen zu bringen. Seine Argumente sind überzeugend. Die Top 3: Der Torwart trägt ein anderes Hemd als die übrigen Spieler. Stimmt. Das Spiel kann drei Stunden dauern und trotzdem 0:0 enden. Stimmt auch. Am schlagkräftigsten ist allerdings sein Argument gegen die Karten. Eine Karte sollte man schreiben, so meint er, wenn man sich um jemanden sorgt, nicht wenn er etwas falsch gemacht hat.

10. Versuchte Heimkehr ins Paradies

Die Katholische Kirche in Deutschland widmet auf ihrer Internetpräsenz gleich ein ganzes Dossier der Weltmeisterschaft. Artikel zu Südafrika, Entwicklungshilfe und den weltmeisterlichen Ungerechtigkeiten in Afrika reihen sich aneinander. Interessant ist auch ein Blick des Papstes auf den Fußball im Allgemeinen und die WM im Speziellen. Zwar sei Benedikt kein so großer Fußballfreund, wie sein polnischer Vorgänger. Aber er habe auch schon eine Annäherung an den Fußball gewagt, wenn auch eher intellektuell. „Im Heraustreten aus dem versklavenden Ernst des Alltags handele es sich um eine 'versuchte Heimkehr ins Paradies'“.

[Fotos: dpa]

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