Tommy Bechmann: Nirvana auf dem Wackelbrett

David Weigend

Just in dem Moment, als dieses Foto entsteht, steckt Heiko Butscher seinen Kopf durch die Haupttribünentür und prolt grinsend: "Ey! Könnt ihr den Vogel da nicht noch ein wenig aufhübschen?" Sorry, Herr Butscher, unsere Stylisten sind heute verhindert. Aber dafür haben wir uns ein paar nette Fragen überlegt.



Tommy, als du neulich mit dem SC in Duisburg gespielt hast, hat dich der MSV-Trainer Peter Neururer "Kurt" genannt. Warum?

Das ist mein Spitzname aus der Bochumer Zeit. Damals war dort Neururer Trainer. Als ich nach Bochum kam, hatte ich schulterlange Haare. Die Spielerkollegen meinten, ich würde so aussehen wie Kurt Cobain. Ich hörte damals gern Nirvana, auch heute noch.

Ist Cobain dein Idol?

Nun ja, seine Lebenseinstellung war ja nicht gerade überragend oder zumindest, ähm, außergewöhnlich. Aber die Musik finde ich super. Geile Platten.

Glückwunsch zu deinem Treffer beim Trainingsspiel gegen Winterthur. Wie kam das Tor zustande?

Heiko Butscher flankte durch die gegnerische Abwehr, ich stand dann allein hinter der Abwehr und musste einfach reinschieben. Nichts Spektakuläres. Aber es ist auch in Freundschaftsspielen wichtig, zu treffen – fürs Selbstvertrauen.



Abgesehen von diesem Freundschaftsspiel hattet ihr jetzt zwei Wochen frei. Wie hast du diese Zeit genutzt?

Ich habe versucht, den Kopf frei zu kriegen und auch mal an was anderes zu denken, als nur an Fußball. Ich war viel mit meiner Familie zusammen, mein Sohn Oliver wurde vier.

Ist er dein einziges Kind?

Nein, ich habe noch eine Tochter. Sie heißt Julia-Philippa und wird bald zwei.

Sprichst du mit deinen Kindern Deutsch oder Dänisch?

Dänisch. Aber sie sind beide in einem deutschen Kindergarten. Mein Sohn spricht perfekt Deutsch, meine Tochter sagt noch kaum was.

Interessiert sich Oliver schon für Fußball?

Hm, er kommt zwar gern mal mit ins Stadion. Aber zu Hause unterhalte ich mich mit ihm nie über Fußball. Das interessiert ihn weniger. Für ihn bedeutet Fußball: ,Papa geht arbeiten.’ Und dann bin ich halt weg. Manchmal zwei Tage lang. Deshalb verbindet er das nicht unbedingt mit etwas Positivem.



Du kommst aus Aarhus. Vermisst du nicht das Wasser?

Nein, dafür gibt es hier ja auch die Berge. Ich war früher sehr oft am Meer. Meine Eltern wohnen immer noch hundert Meter vom Meer entfernt. Als Kind war ich oft angeln.

Welchen Fisch isst du am liebsten?

Scholle. Am liebsten ganz frisch. In Aarhus fahre ich dann zum Hafen und kaufe sie lebend. Wenn du das mal probiert hast, ist es schwierig, den Fisch, den du in Freiburg bekommst, noch wertzuschätzen. Toller Geschmack. Deshalb hole ich jedes Mal Fisch, wenn ich in Dänemark bin, stecke den in die Gefrierbox und nehme ihn mit runter.

Was heißt Scholle auf Dänisch?

Rødspætte. Das ist für Deutsche schwer auszusprechen. Man isst Rødspætte im Ganzen und gebraten. Dazu Kartoffeln und Sauce.

Warum können Dänen eigentlich immer so gut Deutsch und wir Deutschen kein Dänisch?

Deutsch wird in fast jeder dänischen Schule unterrichtet. Wir lernen Deutsch nach Englisch als zweite Fremdsprache. Als ich nach Bochum kam, sprach ich allerdings noch nicht so gut Deutsch. Dänisch und Deutsch sind ähnlich. Das hört sich zwar für einen Deutschen nicht so an, wenn er zwei Dänen bei der Konversation hört. Wenn ein Däne zwei Deutsche sprechen hört, versteht er hingegen immer ein bisschen was.

Ja, das ist mir auch schon aufgefallen, bei Niederländern. Wir dummen Deutschen.

Ach was. Wenn ich dir einen dänischen Zeitungsartikel zum Lesen geben würde, würdest du den größtenteils verstehen. Viele Wörter sind sehr ähnlich, nur die Aussprache ist ein bisschen komisch. Einige Buchstaben werden gar nicht oder anders ausgesprochen.



Sagt man jetzt eigentlich Bechmann oder Beckmann?

Beckmann.

Vorvergangenes Wochenende gab es in der zweiten dänischen Liga eine Partie, bei der ein Spieler wegen eines Ellebogenchecks vom Platz gestellt wurde. Nach nur…

…acht Sekunden! Ich weiß, Heiko (Butscher, fudder) hat mir das erzählt. Hut ab, acht Sekunden sind schon stark.

Kommt das im dänischen Fußball öfters vor?

Nein, das ist untypisch. Man sagt eher den Schweden und Norwegern nach, körperbetontes Tackling zu spielen. Dänemark steht für schöneren Fußball.

Zumindest 1992, als Dänemark Europameister wurde. Hast du dieses Turnier schon verfolgt?

Klar, bei meinen Eltern zu Hause, ich war ja erst zehn Jahre alt. Leider konnte ich da noch nicht so viel feiern. Aber wir sind nach den Spielen abends mit der ganzen Familie in die Stadt gefahren, da war die Hölle los.

Du hast dich im Mai 2006 am linken Knie operieren lassen und seitdem sehr viel Zeit in der Rehabilitation verbracht. Inwiefern hat diese langwierige Verletzung deine Einstellung zum Fußball verändert?

Natürlich ist eine Verletzung immer negativ. Aber manchmal ist sie auch ein Denkanstoß. Man wird sich bewusst, dass man nicht ewig Fußballspielen kann. Und du lernst, deinen Tag auch ohne Fußballtraining sinnvoll zu gestalten.



Musst du dein Knie immer noch stabilisieren?

Ja. Zum Beispiel stelle ich mich mit dem linken Bein auf ein Wackelbrett, die Augen geschlossen. Solche Übungen sind das. Aber seit Jahresbeginn bin ich am Knie eigentlich völlig beschwerdefrei.

Du hast die erste Halbzeit des Nürnbergspiels als Katastrophe eingestuft. Wie wollt ihr die wieder wettmachen?

Wir wissen ja schon, wie wir stehen sollen. Aber wir haben unser Konzept gegen Nürnberg einfach nicht durchgezogen und standen irgendwo in der Gegend rum. In den vergangenen Tagen trainierten wir viel Taktisches, um wieder in die Spur zu kommen: das Verschieben, die Abstände zwischen den Ketten.



Wenn man deinen Auftritt in der Hinrunde mit dem in der Rückrunde vergleicht, hast du dich deutlich gesteigert. Auch deine Körpersprache suggeriert mehr Selbstbewusstsein.

Ja, das stimmt. Meine Vorbereitung in der Winterpause ist optimal gelaufen, seitdem habe ich jedes Spiel gemacht. Natürlich gibt dir das Selbstvertrauen und mehr Ruhe. Ich habe auch nicht mehr diesen Druck, wahnsinnig gut spielen zu müssen, weil ich sonst beim nächsten Spiel wieder auf der Bank sitzen müsste.

Genießt du Sonderrechte beim Trainer?

Nein, so meine ich das nicht. Natürlich ist meine Einstellung nicht: ,Ich geh da jetzt rein und es ist scheißegal, wie ich spiele.' Ich weiß, dass ich Leistung bringen soll. Aber dieser starke Druck, den ich in der Hinrunde gespürt habe, der ist irgendwie von mir gewichen.

Mehr dazu:

Was: SC Freiburg gegen Rot-Weiß Ahlen
Wann: Heute, Montag, 6. April, 20.15 Uhr
Wo: Dreisamstadion

fudder-Interviews mit (ehemaligen) SC-Spielern: