Tok Tok Tok: Seelige Unbeschwertheit im Spiegelzelt

Bernhard Amelung & Friederike Grasshoff

Schlagende, zupfende Klänge, wie sie nur einem Banjo entlockt werden können, erfüllen das Spiegelzelt. Sie werden begleitet von weinerlichen Streichersounds und einer garstig quäkenden Südstaatenstimme, die – wer hat etwas anderes erwartet? – vom Unglück einer unerfüllt gebliebenen Liebe zu einer Frau namens Linda singt. Dieser Song US-amerikanischer Traditionsmusik droht in den hin- und herflirrenden Gesprächs- und Lachfetzen unterzugehen. Fehlt nur noch der leicht rauchig scharfe Geruch von auf Hickoryholz gegrilltem Fleisch, und das freitagabendliche Country-Stelldichein wäre perfekt.



Es ist Pause. Tok Tok Tok, das sind die Sängerin Tokunbo Akinro und der Saxophonist, vielmehr der „Saxophonistgitarristdrummer“ (O-Ton Tokunbo Akinro) Morten Klein, haben soeben die erste Hälfte ihres Sets beendet und gönnen sich gemeinsam mit ihren instrumentalen Begleitern, Jens Gebel am Fender Rhodes Piano sowie Christian Flohr am Kontrabass, einen Moment der Ruhe.

Noch hallen die Verszeilen ihres zuletzt aufgeführten Stückes im Ohr nach. Es ist der Beatles-Song „Help“ vom gleichnamigen Album aus dem Jahre 1965. John Lennons Schrei der Verzweiflung aus tiefer persönlicher Not heraus. „Help, I need somebody, help, not just anybody, help, you know I need somebody, help.” Diese Zeilen möchte man in diesem Augenblick anstimmen. Man möchte sie in die Pausenstimmung hineinschreien, in der Hoffnung, Tok Tok Tok oder irgendwer anders besteigen die Bühne des Spiegelzelts und beenden den Gitarrenschrammel. Unterirdisch schlecht und ohne musikalisches Feingefühl ausgesucht, ist die Einspielmusik zwischen den beiden Sethälften. Sie vermag es, innert Sekunden die dichte, gefühlvolle Atmosphäre zu zerstören, welche Tokunbo Akinro mit ihrer Crew bis dahin aufgebaut hat.

Endlich.
Eine gefühlte Unendlichkeit später erfüllen die Scheinwerfer den Innenraum des Spiegelzelts mit zartem Purpurlicht. Die Band kehrt zurück. Ein amethystfarbener Nebel umhüllt Tokunbo Akinro, die langsam und mit bedächtigen Schritten an den Bühnenrand tritt. Sie wirkt schüchtern, wie ein leicht zu verunsicherndes Schulmädchen. Ihre Stimme ist zu einem Flüstern gedämpft, als die den ersten Song des zweiten Sets ankündigt. „You Drive Me Crazy“ von ihrem Album „Ruby Soul“ aus dem Jahre 2003. Morten Klein baut mit präzise gegriffenen Gitarrenakkorden einen Groove auf, der von fern an einen leichtfüßig tänzelnden Bossa Nova erinnert.

Eine selige Unbeschwertheit wohnt Tokunbo Akinros Stimme inne, was gerade in diesem Augenblick nicht so recht passen mag. An diesem Abend gewidmet ist dieser Song den um das Westjordanland sich streitenden Parteien. Israelis und Palästinensern gleichermaßen. „Ganz tolle Menschen“, schwärmt die Sängerin, noch tief beseelt von ihrem Urlaubsaufenthalt in dieser Region. „Liebe soll sich zwischen ihnen entwickeln“, fügt sie etwas pathetisch hinzu. Vielleicht wäre zur Untermauerung ihres Wunsches eine melancholietrunkene Schwermutsballade angebrachter gewesen.

Grossen Gefühlen, ohne dabei die eigene Seele nach außen zu kehren, geben sich Tok Tok Tok mit einer Interpretation eines weiteren Beatles-Klassikers hin, „I’ll Follow The Sun“, erschienen 1964 auf dem Album „Beatles For Sale“. Morten Klein entlockt mit großem Fingerspitzengefühl seinem Saxophon zart hauchende Klänge, welche die wehmütig klagende Stimmung des Originals mit sehr viel Feingefühl wiedergeben. Für seine technische Brillanz und den Klangfarbenreichtum, den er aus seinem Instrument holt, möchte man ihm insbesondere nach seinen Soli Beifall spenden. Doch szenischen Applaus erhalten er sowie Christian Flohr und Jens Gebel – leider! – nur verhalten.

Die beiden, Christian Flohr am Kontrabass und Jens Gebel am Fender Rhodes Piano, bekommen ein ums andere Mal die Gelegenheit, ihr Können in Szene zu setzen. Auf „Invitation“, einem Song, den die Jazzband vor zwölf Jahren für ein Demo-Tape eingespielt hat und der bisher noch unveröffentlicht geblieben, zupft Christian Flohr einen dynamischen Walking-Bass, ganz nach dem Vorbild des berühmten Jazz-Kontrabassisten der 50er und 60er Jahre Charles Mingus. Ein atemberaubendes Workout.



Nicht weniger ergreifend das Intro von Jens Gebel zu einer weiteren Beatles-Interpretation, „Dear Prudence“, erschienen 1968 auf dem sogenannten „Weißen Album“. Zu seinen harmonischen, warmen Akkorden möchte man die Augen schließen und sich gedanklich zurückversetzen in die Zeit der Entstehung dieses Albums. Dass solche sphärisch-entrückten Momente nur von kurzer Dauer sind, mag – unter anderem – auch auf das Publikum zurückzuführen sein. Es scheint vielmehr nach Entertainment-Szenen zu verlangen, Lieder zum Mitklatschen und Mitwippen.

Kurz vor Ende des Konzertes ist es eine A-Clap-Ella-Einlage des Michael Jackson-Klassikers „Working Day And Night“, welche die Augen der Gäste vor Freude glänzen lässt. Nachvollziehbar, dass ein Grossteil des Publikums nur wenig Respekt und Einfühlungsvermögen aufzubringen vermag, der allerletzte Zugabe in Ruhe beizuwohnen. Ein dichtes Klanggewebe aus zarten Bassfiguren, zarten Becken- und Hi-Hat-Shuffles sowie perlend klaren Akkordläufen. Ihnen zu lauschen ist ein Hochgenuss.

Danach nur noch Stille.

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Foto-Galerie: Friederike Grasshoff

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