Todestanz und Toilettenbesuch

Markus Steidl

Am Samstag spielte die aus Arizona stammende Band Calexico in Strasbourgs Laiterie. Viele Augenzeugen dürften sich inzwischen ernsthaft überlegen, Gitarrenunterricht zu nehmen. Dies geht jedenfalls aus folgendem Konzertbericht hervor.

„Feeling pretty good?“, fragt Joey Burns nach dem Opener ‘Yours And Mine’, einem Song vom aktuellen Album „Garden Ruin“. Eine Französin aus dem Publikum antwortet dem Calexico-Frontmann mit einem herrlich akzentuierten und bohemischen „Excellent!“, woraufhin Burns lacht und „That’s also good...“ murmelt. Dann spielt die Band ein traditionelles, mexikanisches Mariachi-Stück, getragen von zwei Trompeten, schneidend und virtuos. An die Rückseite der Bühne werden Bilder projiziert. Während des Songs „Roka“ gleiten aztekische Totenmasken und Kultstatuen über den Stoffvorhang. Das Lied thematisiert Armut und Elend der mexikanischen Auswanderer und verbindet die Problematik mit dem antiken Kult des „Danza de la muerte“ (Tanz des Todes). Informationen, die Joey Burns zu Beginn des Lieds mitteilt, nicht betroffenheitsschwanger, sondern so, dass man „Erzähl mir mehr“ sagen möchte.

Anders als bei jenem Sermon über die Mutter (oder Schwester, oder Tante) von Maximo Park-Sänger Paul Smith, von dem man sich beim vergangenen Southside an den Rand des Wahnsinns getrieben fühlte. Was Burns sagt, begleitet vom eigenen Saitenzupfen, ist sehr interessant. Ein Saitenzupfen, das den Standard des Rock n’ Roll übertrifft, auf handwerklich überaus professionelle Art.   Obwohl man sich eigentlich nicht mitreißen lassen möchte, wenn jemand, der gerade eine Welttournee bestreitet, die desolaten Zustände in der mexikanischen Bevölkerung anprangert, nimmt man es Burns doch ab: was die Truppe einem nämlich an Musik auf den Teller legt, klingt einfach zu gut, viel zu bombastisch und (Achtung: abgenuffeltes Wort) leidenschaftlich, um unehrlich sein zu können. Man fühlt sich wie im mittelamerikanischen Hochsommer, inmitten des pfeifenden und klatschenden Publikums, wenn die Band um Burns und Convertino die klassische Besetzungsgrenze sprengt. Die Raumtemperatur ergänzt diesen Eindruck.

Da greift die Bläsergruppe zur Gitarre, um sich bei „Sunken Waltz“, nach dem Jubeldezibel das Lieblingslied vieler Anwesenden, ein Akkordeon umzuschnallen. Ein anderer trompetet linkshändig, weil er mit der rechten eine Rassel bedient. Alles entweder in roter oder orangefarbener Beleuchtung. Sehr passend. „All Systems Red“ eröffnet die erste Zugabe und steigert sich sieben Minuten lang in eine Verdichtung von post-rockigen Soundwänden, angesichts derer sich Amusement Parks On Fire und Godspeed You! Black Emperor bestimmt die Ohren zuhalten würden. Sind die mexikanisch angehauchten Songs zwar energetisch, aber immer noch von Melancholie durchsetzt, gibt es in den lauteren Stücken viel mehr Wut zu hören, ohnmächtige und selbstlose Wut. Als Konsequenz oder als Überwindung der Melancholie, weiß man nicht so genau. Jedenfalls steckt es an, man will gar nicht mehr gehen, und als man es doch tut, wäre man nicht überrascht, vor den Saaltüren nicht auf ein leicht zwielichtiges, ostfranzösisches Stadtrandviertel zu stoßen, sondern auf eine Menge weißer, sonnen beschienener Lehmhäuser, die ein paar Palmen umstehen. Stattdessen ist es kalt.

Die Handgreiflichkeiten, die einige Nachbarn kurz vor Einlassbeginn austrugen, sind verebbt.  
Noch ein paar Worte zur Vorband Isaka. Die mit Sicherheit nur existiert, damit man versehentlich überverkaufte Konzerte vor Beginn der eigentlichen Show noch einmal leeren kann, damit es nicht zu Gebäudeüberlastung kommt. Ein Kontrabass, ein Schlagzeug, ein Keyboard und eine Frau, die hinter diesem Keyboard sitzt und „singt“. Man hat sich ja eigentlich auf den großartigen M. Ward gefreut, muss dann aber erstaunt feststellen, dass dessen Platz eine französische Band einnimmt, über deren Namen niemand informiert ist. Das Staunen schlägt rasch in Empörung um, weil die Band nach drei Liedern damit beginnt, die Nerven des Auditoriums zu strapazieren – mit alternativen Theatergruppen-Elementen wie Selbsterfahrungsgekreische und sinnlosem, krankem Gelächter. Zusätzlich ist die Performance unpassend und schlecht. Drei esoterisch versierte, von der eigenen Andersartigkeit überzeugte Musikhochschulabsolventen, die gerne rotweintrunkene Nachtwanderungen veranstalten, sich absonderliche Witzchen erzählen und überzeugend demonstrieren, dass sie an Instrumenten nichts verloren haben. Nein danke. Wer es bis zu Calexico ausgehalten hat (durch einen ausgedehnten Toilettenaufenthalt etwa, oder durch mehrmaliges Getränkeholen), darf behaupten, ein großartiges Konzert gesehen zu haben.