Tocotronic im Haus der Jugend: "Ich bin jetzt alt, hey, bald bin ich kalt"

Alexander Ochs & Florian Forsbach

Was sagt die historisch-kritische Rezension zum Tocotronic-Gig am Sonntagabend? Ü40-Party im Haus der Jugend? Klassentreffen der Hamburger Schule, Außenstelle Freiburg? Und vor allem: Haben Sie diesmal den Klassiker ‚Freiburg‘ aus der Schublade geholt? Die Antworten:



Punktgenau ist die Ansage des Tocotronic-Sängers Dirk von Lowtzow: „Wir freuen uns sehr, heute Abend im Haus der Jugend zu spielen“, Betonung auf dem Wörtchen „Jugend“. Alle vier Bandmitglieder der Hamburg/Berliner Indierock-Institution sind mit reichlich Haupthaar gesegnet, haben aber die 40 überschritten, und so entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass sie nach ihrem umjubelten Auftritt im E-Werk vor genau drei Jahren nun im Bau mit der Aula-Aura spielen.

Das knackig-verhallte „Hey!“ eröffnet nicht nur das aktuelle Album ‚Wie wir leben wollen’, sondern auch den Abend. Und gleich zu Beginn heißt es: „Ich bin jetzt alt, hey, bald bin ich kalt“.

Innehalten, älter werden, vor- und zurückschauen: Nach zehn Alben und zwanzig Bandjahren wird das ausverkaufte Konzert auch zu einem Parcours durch den umfangreichen Song-Fundus der Band, der um die 150 Titel umfasst. Auch wenn der Hauptteil der Stücke von der im Februar erschienen CD stammt – Tocotronic schaffen es, auch zu ihren Anfängen spielend leicht zurückzukehren, so zum Beispiel mit dem ganz frühen Song „Meine Freundin und ihr Freund“ von 1993; diesmal in einer krachigen, um Keyboard-Parts angereicherten Version.

Ihr Gesamtwerk kann sich sehen und hören lassen: Auch wenn die Lieder der Combo nie im öffentlichen Radio laufen und ihre beste Platzierung in den Single-Charts bei Rang 38 liegt – die Alben landen regelmäßig in den Verkaufslisten und erst recht bei Kritikern und Musikmagazinen auf den vordersten Plätzen.

Der intellektuell angehauchte Ton ihres Diskursrocks mit ellenlangen, sloganhaften Titeln, gepaart mit schreddeliger Revoluzzer-Attitüde und dahingerotzten Songs, verschafft der damals noch dreiköpfigen Band in den späten 90er Jahren einen Kultstatus in der deutschsprachigen Musiklandschaft. Entsprechend das Publikum: mitgealterte Ex-Studenten, gesetzte und gestandene Eltern und jüngere Musikfans, die zu Gründungszeiten der Band noch in die Hamburger Grundschule gingen.

Auch wenn ihr unaufgeregter Ruhm auf dieser Strömung gründet: Tocotronic sind gereift und tragen ihr Werk live als druckvolle Rockmusik vor. Dabei fügt sich alles wie geölt ineinander: der lockere Country-Shuffle vom aktuellen „Abschaffen“ harmoniert mit dem krachig-fetzigen „This Boy Is Tocotronic“ von 2002 genau so wie mit „Freiburg“, dem ersten Song ihres Debütalbums, der als erste Zugabe mit viel Jubel gefeiert wird. Hundert spielfreudige Minuten lang durchwühlen die vier ihr Repertoire mit Vollgas. Da fällt es kaum ins Gewicht, dass von Lowtzows Stimme immer wieder an ihre Grenzen stößt und auch die Instrumentalisten keine Alleskönner sind.

Jeder in der Band hat seinen festen Platz, und auch ihr Standort auf der Bühne ist Spiegelbild dessen. Auch die anderen Positionen sind klar vergeben, wie eine der Zugaben untermauert: „Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen“ ist auch eine präzise Beschreibung der Band-Fan-Symbiose. Die letzte Zugabe (‚17’) handelt vom Tod und greift den Anfangsfaden wieder auf. Eine runde Sache. Wie das ganze Konzert. Und Tocotronic bleiben sich treu. Genau wie ihren Fans. Und ‚Freiburg’ auch.



Setlist

 
  • Im Keller (Wie wir leben wollen, 2013)
  • Ich will für dich nüchtern bleiben (Wie wir leben wollen, 2013)
  • Meine Freundin und ihr Freund (Digital ist besser, 1995)
  • Vulgäre Verse (Wie wir leben wollen, 2013)
  • This Boy Is Tocotronic (Tocotronic, 2002)
  • Sag alles ab (Kapitulation, 2007)
  • Aber hier leben, nein danke (Pure Vernunft darf niemals siegen, 2005)
  • Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools (Wie wir leben wollen, 2013)
  • Abschaffen (Wie wir leben wollen, 2013)
  • Alles wird in Flammen stehen (Tocotronic, 2002)
  • Auf dem Pfad der Dämmerung (Wie wir leben wollen, 2013)
  • Die Revolte ist in mir (Wie wir leben wollen, 2013)
  • Exil (Wie wir leben wollen, 2013)
  • Jackpot (K.O.O.K., 1999)
  • Hi Freaks (Tocotronic, 2002)
  • Warm und Grau (Wie wir leben wollen, 2013)
 

Zugaben

  • Freiburg (Digital ist besser, 1995)
  • Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen (Es ist egal, aber, 1997)
  • Wie wir leben wollen (Wie wir leben wollen, 2013)
  • 17 (K.O.O.K., 1999)
 

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Foto-Galerie: Florian Forsbach

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