Tobias Siebert von Klez.e im Interview: "Düstere Musik gibt mir Energie"

Bernhard Amelung

Post-Punk und New Wave der 80er Jahre: Mit dem Sound ihres neuen Albums "Desintegration" kommen Tobias Siebert und seine Band Klez.e am Freitag ins Swamp. Bernhard Amelung hat mit Siebert über deutsch-deutsche Geschichte, das Superwahljahr 2017 und die Band The Cure gesprochen.

Tobias, 2017 hat gerade begonnen. Wie ist deine Grundstimmung?
Siebert: Bisher sehr gut. Ich bekomme von vielen Seiten gute Kritiken zu unserem aktuellen Album. Davon konnte ich nicht ausgehen, denn mit "Desintegration" haben wir ein anstrengendes Musik- und Textwerk abgeliefert.


Warum ist "Desintegration" anstrengend?
Siebert: Es ist musikalisch düster und kalt. Wir bedienen damit nicht die einfache Radiowelt. Man muss außerdem aufmerksam zuhören und sich mit den Texten auseinandersetzen, denn es ist ein sehr politisches Album.

Du sprichst darin das Erstarken rechtsextremer Kräfte und die Flüchtlingspolitik an. Ist es Dein Soundtrack zum Superwahljahr 2017?
Siebert: 2017 wird auf jeden Fall ein sehr spannendes, sehr politisches Jahr. Ich hoffe, dass sich unsere Gesellschaft nicht noch stärker auf den rechten Rand zubewegt. Genau da möchte "Desintegration" ansetzen und den Menschen einen Spiegel vorhalten.

Was bedeutet vor diesem Hintergrund der Titel des Albums?
Siebert: Desintegration bedeutet übersetzt der Zerfall des Sozialen. Ich habe den Eindruck, dass unsere Gesellschaft an diesem Punkt angekommen ist. Der Titel soll aber auch eine Brücke schlagen zu der historischen Veränderung, die Deutschland im Jahr 1989 mit dem Mauerfall erlebt hat. Ich bin im Osten Berlins aufgewachsen und habe erlebt, wie sich unsere Gesellschaft verändert hat. Ich hatte den Eindruck, dass wir in der DDR ein sehr enges soziales Netzwerk hatten.

Kannst du das genauer erklären?
Siebert: Wir hatten alle wenig und haben uns gegenseitig geholfen. Vieles lief über Tauschgeschäfte. Gefühle wie Neid gab es deshalb nicht wirklich. Das hat sich nach dem Mauerfall stark verschoben. Der eine hatte mehr, der andere weniger Auch innerhalb der Familie. Außerdem waren wir nach der Maueröffnung auch so etwas wie Flüchtlinge. Deshalb sollten die Menschen gerade im Osten des Landes sehr vorsichtig sein mit ihrer Einstellung zu Menschen, die aus Kriegsgebieten zu uns kommen.

Müssen wir nun Angst vor dem Jahr 2017 haben?
Siebert: Angst lähmt und setzt negative Energie frei. Insofern wünsche ich mir, dass die Angst nicht im Vordergrund steht, sondern dass wir Angst in Auseinandersetzung umwandeln. Nur eine Auseinandersetzung mit heiklen Themen kann positive Veränderung schaffen.

1989 haben auch The Cure ihr Album "Desintegration" veröffentlicht. Inwieweit stand es Pate für dein eigenes künstlerisches Schaffen?
Siebert: Das hat verschiedene Parallelen. 1989 fiel die Mauer und bei mir vollzog sich der Bruch vom Kind zum Teenager. In den folgenden zwei Jahren habe ich mich intensiv mit dieser Art von Musik beschäftigt. Als ich "Desintegration" von The Cure zum ersten Mal gehört habe, konnte ich mir erstmals vorstellen, mein Leben der Musik zu widmen. Das hat keine andere Band davor und danach geschafft. Wenn ich diese Alben heute höre, verspüre ich den gleichen Zauber und habe immer noch das gleiche Gefühl wie damals.

Kannst du dieses Gefühl näher beschreiben?
Siebert: Stehe ich im Proberaum oder auf der Bühne, habe ich permanent Gänsehaut. Mit diesem unterkühlten Sound hole ich die Erinnerungen zurück und erlebe die Teenagerzeit noch einmal. Wir spielen eine Musik fernab von jeglicher Dienstleistung und Radiowünschen. Das erlebe ich als befreiend und finde, es ist das Beste, was man als Band schaffen kann.

The Cure als Initialzündung für ein Leben als Musiker…
Siebert:...aber auch als Initialzündung für Musik bewusst hören und verstehen können. Ich habe mich davor noch nie so sehr auf einen Sound eingelassen…

...der ja eine sehr düstere und melancholische Grundstimmung hat. Bist du selbst ein melancholischer Mensch?
Siebert: Eigentlich bin ich ein positiver Mensch. Die dunkle, düstere Musik zieht mich nicht runter. Im Gegenteil. Sie gibt mir sehr viel Energie und bereitet mir viel Gutes und Erleuchtendes. Es hat auch als Teenager lange Zeit gebraucht, bis ich meine Mutter davon überzeugen konnte, dass es in Ordnung ist, wenn ich schwarz gekleidet zur Schule gehe.

Düstere Musik gibt dir Energie. Woraus ziehst du noch Kraft?
Siebert: Ich habe erst spät erfahren, dass mir das Reisen Kraft gibt. Ich habe das lange Zeit vor mir her geschoben, weil ich in den vergangenen zwanzig Jahren fast ununterbrochen gearbeitet habe. Im Studio, auf der Bühne. Ich bin erst vor rund drei Jahren zum Reisen gekommen und habe gemerkt, dass ich darin eine Energie verspüre, die ich so noch nicht kannte. Sonst ist es aber auch der tägliche Umgang mit Musik, sei es, dass ich sie höre, Texte schreibe oder nur ein Video anschaue. Das ist immer wieder sehr belebend.
Was: Klez.e
Wann: Freitag, 13. Januar 2017, 21 Uhr
Wo: Swamp, Freiburg

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