Titanic-Autor: "Ich fand die Zeichnungen nicht besonders komisch"

Adrian Hoffmann

Was darf Satire? Das kann keiner besser beantworten als ein Titanic-Autor ? dachten wir uns. Lino Wirag, 22 Jahre alt, ist ein solcher. Er hat seinen Zivildienst in Freiburg gemacht, zwei Semester lang Germanistik und Anglistik hier studiert und ist Mitbegründer des Live Poetry, das regelmäßig in der Mensbar statt findet. Ein Mail-Interview, das sich auch mit den umstrittenen Mohammed-Karikaturen beschäftigt.



Wie steht man als Satiriker dem Streit um die Mohammed-Karikaturen gegenüber?

Lino: Die Karikaturen waren in diesem Konflikt nur der Auslöser für eine Entwicklung von ganz anderen Dimensionen, als sie ein paar Witzbilder in einer dänischen Provinzzeitung im September letzten (!) Jahres hätten auslösen können. Die Satire steht nur gerade im Brennpunkt einer Aufmerksamkeit, die ihr sonst nicht zuteil wird.

Inwiefern greifst du das Thema in deinen Texten auf?

Lino: Mohammed hat bei mir bislang noch keine Rolle gespielt. Und daran wird sich auch in nächster Zeit nicht viel ändern. Als Satiriker - und hier zitiere ich Robert Gernhardt - darf man sich da zur Wehr setzen, wo man persönlich betroffen wird und sich auskennt.

Kennt deine Satire Grenzen?

Lino: Die Satire ist ihrem Wesen nach eine ungerechte Form. Wenn ich jemandem auf die Füße trete, tut mir das leid.

Was darf Satire zum jetzigen Zeitpunkt?

Lino: Das ist eine Schwammfrage. Es gibt für Satire kein Vorher-Nachher. Als Methode kann sie immer dann eingreifen, wenn ihre Mittel (bestenfalls) dazu dienen, Missstände aufzuzeigen (wie die Tatsache, dass ich gerade drei S in einem Wort benutzen musste!) und ein paar gute Witze unters Volk zu streuen. Aber gut: Die Aufgabe der Satire ist jetzt, auf das Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen; das heißt aufzuzeigen, inwiefern sich Morgen- und Abendland in Widersprüche verwickeln, Machthaber eigenmächtige Interessen verfolgen usw.; und das dann zu kommentieren.

Darf Satire das?

Lino: Was “das”? Den Propheten Mohammed darstellen? Oder ihn lächerlich machen? Die Satire ist legitim in aufgeklärten laizistischen Rechtsstaaten, wo sie als das verstanden wird, was sie ist: Kritik ? in einem Witz verpackt. Der deutsche Pressekodex verbietet allerdings Publikationen, die “das religiöse Empfinden einer Personengruppe” wesentlich verletzen. Für mich können hier nur Einzelentscheidungen getroffen werden.

Gut, Einzelentscheidung: Hättest du als Redakteur der dänischen Zeitung diese Bilder veröffentlicht?

Lino: Ich fand die Zeichnungen nicht besonders komisch. Der Witz mit den Martyrern, die rauchend im Himmel ankommen, aber die Jungfrauen sind gerade aus - das hat mir gefallen, aber der hätte auch ohne Mohammed funktioniert. Den Propheten mit einem Bombenturban darzustellen, kommt einer Verfälschung seiner Person gleich, denn Mohammed selbst hat keinen Hass gepredigt. Man muss aber auf den Widerspruch zwischen religiöser Friedenslehre und terroristischen Gewaltexzessen, die im Namen des Islam begangen werden, aufmerksam machen.

Wie ist die Reaktion bei Titanic?

Lino: Die machen das, was sie am Besten können: Witze. Auf der Internetseite sind zurzeit “Darstellungen des Propheten” bei diversen Tätigkeiten zu sehen, die irgendwelche Nobodys beim Grillen zeigen (“Mohammed mit einem Glas Schweinebraten”) und einen “Mohammed von Baselitz” (auf dem Kopf stehend).

Wie ist deine persönliche Meinung zu den Mohammed-Karikaturen?

Lino: Natürlich soll man religiösen (oder anderen) Gefühlen gegenüber sensibel sein; Angriffe auf die Pressefreiheit, der Einsatz von Gewalt oder die Bedrohung von Personen sind als Reaktion allerdings nicht zu entschuldigen. Wenn Satire nicht sticheln und geißeln darf, hört sie auf, Satire zu sein. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir von einer intellektuell-kommentierenden Form reden. Ich fürchte, vielen orthodoxen Mitgliedern des islamischen Kulturkreises fehlt ein Verständnis für diese Form der Kritik.

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Mehr zu Lino:


  • Wie bist du Mitarbeiter bei Titanic geworden?

    Lino: Spendenbereitschaft.
  • Lino ist geboren in Pforzheim, hat dort Abitur gemacht, nach Zivildienst und zwei Semestern Germanistik und Anglistik in Freiburg ist er jetzt in Hildesheim und studiert “Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus”. Mehr Infos führt seine Homepage.

  • Linos Grenzen: Als Papst Johannes im Sterben lag, hat ier für ein Internetmagazin eine Story namens “Krakau essen Papstherz auf” geschrieben, in der polnische Gläubige dem Papst kannibalisch zu Leibe rücken; woraufhin ein nicht so begeisterter Leser ihm per Posting ankündigte, er werde ihn “auf dem Bordstein zertrampeln”. Weitere Beleidigungen sammelt seine Homepage unter “Leser”.

  • Linos Live Poetry: Zusammen mit seinem Bruder Andi hat er im vergangenen Sommer ein neues Live-Literatur-Format entwickelt, bei dem Poetry Slam und Theatersport zusammen kommen. Bei jeder Show treten drei Autoren gegeneinander an und schreiben in drei Runden (jeweils einer gegen einen) Texte an Laptops, die “in Echtzeit” an die Wand hinter ihnen projiziert werden. Das Publikum darf nach jeweils drei Minuten per Stichworteingabe den Verlauf der Texte weiter beeinflussen. Nach einer Runde (circa 15 Minuten) sind dann zwei Geschichten entstanden, die von unseren “Märchenonkels” (unter anderem der Freiburger Slammaster Thompsen) vorgelesen werden. Das Publikum mit Farbkärtchen ab, welche Geschichte ihm am Besten gefallen hat; und wer am Ende des Abend die meisten Runden für sich entscheidet, darf mit einem großzügigen Büchergutschein von dannen ziehen. Ein befreundeter Berliner Lesebühnenartist hat Lino geschrieben, sie hätten die Idee auch schon in die Hauptstadt exportiert.

  • Termine: Im folgenden Sommersemester werden es zwei sein: am 2.Mai und 11.Juli. Vorher bin ich am 21. März in Freiburg, bei Jess JochimsensSwamp Poetry.