Tipps für die Bewerbung

Johanna Schoener

Laut der aktuellen NEON ist unser Leben zu einer Dauerbewerbung geworden. Und in der Generation Praktikum genießt die Jobbewerbung quasiwissenschaftlichen Stellenwert. Die dazugehörige Literatur füllt inzwischen Buchhandlungsregale. Wie haben sich die Ansprüche an Bewerber verändert? Johanna Schoener hat Claudia von Schultzendorff gefragt, die seit mehr als zwölf Jahren als Bewerbungscoach arbeitet. Bei fudder verrät sie, wie man aus der Masse der Bewerber heraussticht und dabei authentisch bleibt.



Wenn meine Eltern mir von ihren früheren Bewerbungen erzählen, hört sich das so an: Stellenausschreibung lesen, Bogen in die Schreibmaschine, bisherige Stationen runtertippen und fertig. Wie sieht das heute aus?

Erstmal muss man gucken, wofür man sich eigentlich bewerben will. Früher standen einfach viel weniger Berufe zur Auswahl. Heute haben wir dagegen eine Berufsvielfalt. Da muss man sich selber ganz anders hinterfragen: Was will ich eigentlich? Was passt zu mir? Das gehört zur Vorarbeit. Dann kommt die Frage: Wie bewerbe ich mich? Wir sind aus dem Zeitalter ,ich spann eben den Bogen ein und schreib was’ heraus. Eine nullachtfünfzehn Bewerbung bringt leider gar nichts mehr. Im Moment sieht der Arbeitsmarkt so aus, dass es sehr viel mehr Bewerber gibt als Stellen, das heißt, man muss gucken, dass man sich irgendwie herausstellen kann.

Wie mach ich das?


Erstens sollte die Bewerbung wirklich sehr gut aufgebaut sein. Der Standard ist heute eine Mappe und die muss picobello sein – keine umgeknickten Ecken, keine Flecken und keine Fehler. Das sind Kleinigkeiten, die aber ins Gewicht fallen, wenn man als Personaler nicht 20 Bewerbungen vor sich liegen hat, sondern 200 oder 500. Der zweite Schritt ist der Inhalt. Da gibt es sehr viel Literatur drüber. Die ist gut, um sich grundlegende Ideen zu holen, aber auf keinen Fall, um etwas abzuschreiben. Personaler kennen die Literatur und merken das sofort. Was wirklich zählt, ist das Individuelle. Es ist ein absolutes Muss, über sich selbst und seine Motivation nachzudenken: Warum will ich diesen Job und warum will ich zu dieser Firma? Das muss im Anschreiben drinstehen.

Wie könnte so etwas Individuelles aussehen, mit dem ich zwischen den anderen Bewerbern auffalle?

Sie sollten sich gut über die Firma informieren und das im Anschreiben zeigen. Damit machen Sie es individuell. Beispiel: Das Unternehmen, bei dem Sie sich bewerben, hat einen Innovationspreis gewonnen. Schreiben Sie sowas als Aufhänger in die Bewerbung rein. Das zeigt, dass Sie sich erkundigt haben. Im Zeitalter des Internets gibt es ja die Recherchemöglichkeiten.

Wird heutzutage deshalb mehr Informiertheit erwartet?

Ja, da hat sich der Anspruch geändert. Das weiß ich aus meiner eigenen Erfahrung als Personalerin. Man möchte schon bei der Bewerbung sehen, dass sich der Kandidat für das Unternehmen interessiert und er sich Gedanken darüber gemacht hat. Wenn das aus einer Bewerbung überhaupt nicht hervorgeht, dann muss der Bewerber schon sehr viel zu bieten haben, damit man ihn trotzdem interessant findet. Sie können also nicht mehr ein Anschreiben machen und es an hundert Firmen schicken.

Das bedeutet mehr Arbeit. Wieviel Zeit muss man für eine Bewerbung einplanen?

Das ist schwierig zu sagen. Wenn Sie etwas neu formulieren müssen, dann sind Sie mit einem Wochenende gut dabei. Bis das Anschreiben wirklich sitzt, es flüssig und ansprechend ist und – ganz wichtig – Sie es von jemandem gegengelesen lassen haben, das dauert. Nachher, wenn man das einmal gemacht hat, fängt man an, mit den Bausteinen zu arbeiten und nur das Individuelle, was auf die Firma ausgerichtet ist, neu zu machen. Dazu brauchen Sie dann weniger Zeit.

Angenommen man schafft es und wird zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Wie bereitet man sich darauf vor?


Im Vorstellungsgespräch geht es viel um Ihre Person. Das heißt, Sie sollten sich selber sehr gut kennen. Sie sollten sich wirklich ernsthaft Gedanken über Ihre Stärken und Schwächen gemacht haben. Die Fragen danach sind Standard. Ich habe vor Jahren mal eine Kandidatin nach ihren Stärken gefragt, da ist sie aufgestanden und hat gesagt, das sei ihr zu persönlich. Das geht heute nicht mehr.

Also auch die Schwächen ehrlich nennen?

Ja, alles was man im Vorstellungsgespräch anbringt, sollte echt sein. Das heißt nicht, dass man immer gleich alles auf dem Silbertablett servieren muss und auch nicht, dass man das Innerste nach Außen kehren muss. Man sollte vorher entscheiden, worüber man sprechen kann und worüber nicht. Wichtig bei dieser Entscheidung ist: Das, was man sagt, sollte authentisch sein.

Gibt es Fälle, wo man lügen darf?

Es gibt sensible Fragen, zum Beispiel zum Thema Schwangerschaft und zum Thema Krankheit. Da kommen wir in den rechtlichen Bereich, weil man nicht danach fragen darf – es sei denn, es besteht ein unmittelbarer Zusammenhang zur Stelle. Was Ihre Familienplanung betrifft, dürfen Sie auch mal die Unwahrheit sagen, weil die Frage danach nicht erlaubt ist. Dennoch ist das ein schwieriges Thema. Angenommen, Sie sagen die Unwahrheit und werden gezielt in der Probezeit schwanger: Da gäbe es schon Möglichkeiten, den Arbeitsvertrag zu beenden.

Folglich lieber bei der Wahrheit bleiben?

Ja. Lügen haben kurze Beine und in einem Vorstellungsgespräch geht es darum, bestimmte Bereiche von verschiedenen Seiten her abzufragen. Das ist den Bewerbern nicht immer bewusst und wenn sie einmal die Unwahrheit gesagt haben und es kommt irgendwann eine ähnliche Frage zum gleichen Thema und sie antworten in eine ganz andere Richtung, dann merkt man schon, hier stimmt was nicht.

Also raten Sie dazu, keine Rolle zu spielen?

Ja, das ist ganz wichtig für Ihre eigene Sicherheit. Sie können mit Ihrer Nervosität ganz anders umgehen, wenn Sie wissen, es geht um mich und ich bin authentisch. Ein geschulter Interviewer kriegt es außerdem sehr schnell heraus, wenn Sie eine Rolle spielen. Klar, es gibt Leute, die können das gut. Aber es ist auch immer die Frage, was erzielt man dadurch? Nachher hat man eine Stelle, die man gar nicht will.

Die Erwartungen des Unternehmens knüpfen sich an die Rolle, die man gespielt hat und ob man die tagtäglich ausfüllen will und kann? Natürlich gibt es auch den finanziellen Aspekt. Das muss jeder für sich selber überlegen.

Auch wenn man bei sich selbst bleibt – ist es nicht inzwischen sehr schwer, durch Leistungen aus der Bewerbermasse herauszustechen? Im Ausland war zum Beispiel inzwischen fast jeder.

Ja, das hat sich verändert. Früher war das was Außergewöhnliches. Trotzdem ist immer noch die Frage: Was haben Sie im Ausland gemacht? Sind Sie selbstständig dahin gekommen und haben Sie die Zeit dort genutzt? Es gibt da Differenzen und als Personaler guckt man darauf ganz genau.

Mir persönlich wäre auch wichtig: Haben Sie über den Tellerrand hinausgeguckt? Haben Sie nur möglichst schnell Ihre Ausbildung gemacht oder haben Sie die Gelegenheit genutzt, noch rechts und links etwas mitzunehmen? Meist sind das die interessanteren Leute.

Hier ein Praktikum, da soziales Engagement, nach links und rechts gucken: Leben wir bald nur noch für den Lebenslauf?


Nein, Sie machen das ja für sich selbst, für Ihre Ausbildung, Ihre Bildung und Ihren Wissenshorizont. Was sicherlich stimmt, ist, dass der Anspruch an die Menschen sich geändert hat.

Dann hat die veränderte Form der Bewerbung auch mit veränderten Berufsbildern zu tun?

Ja, ganz bestimmt. Immer weniger Menschen müssen im Unternehmen immer mehr Aufgaben übernehmen. Bewerber müssen heute vielfältiger sein. Es gibt nur noch selten Stellen, wo Sie ausschließlich in dem Bereich tätig sind, für den Sie ausgebildet wurden oder auf den Ihr Studium abzielte.

Was glauben Sie, wie sehen Bewerbungen in zehn Jahren aus?

Es kann sein, dass die Bewerbung per Video vermehrt kommt. Was sich bereits jetzt entwickelt, sind Telefoninterviews, die mit dem Bewerber geführt werden, bevor er zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird. Insgesamt wird glaube ich alles viel technischer. Schon heute nehmen viele Unternehmen nur noch Online-Bewerbungen mit vorgefertigten Formularen an. Das Problem dabei ist, dass diese Form der Bewerbung nicht so viele Möglichkeit bietet, das Individuelle reinzubringen. Ob man Bewerber auf diese Weise als Menschen erfassen kann, ist für mich die ganz große Frage.

Ich habe da einen anderen Stil. Für mich ist der Mensch das Allerwichtigste. Wie ist dieser Mensch? Passt dieser Mensch auch in unser Team hinein, in unsere Unternehmensphilosophie? Einen Menschen nur auf ein paar Daten und Fakten runterzubrechen, reicht meines Erachtens nicht aus.

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