Tiny_Tales: Literatur in 140 Zeichen

Minh Duc Nguyen

1,2 Millionen Zeichen. Die braucht Bestseller-Autor Dan Brown, um in seinem frisch erschienenen Thriller "Das verlorene Symbol" eine packende Story über Religion und Verschwörungen zu erzählen. Aber es geht auch kürzer. Sehr viel kürzer sogar. Nämlich in 140 Zeichen: "Der Bombengürtel war schwer. Er flüsterte ein Gebet und trat auf den Balkon. Der Petersplatz war voll. Die 50000 Pilger jubelten ihm zu."



Veröffentlicht wurde diese Ultra-Kurz-Geschichte auf der Kurznachrichten-Plattform Twitter. Dort berichten Menschen sonst in bis zu 140 Zeichen von den kleinen („Ich brauch’ mehr Kaffee“) und großen („Ein Flugzeug ist gerade im Hudson gelandet“) Nachrichten des Lebens.


Seit Anfang Oktober veröffentlicht Florian Meimberg, 31 Jahre alt und selbst diagnostizierter Twitter-Junkie, mehrmals täglich unter dem Benutzernamen Tiny_Tales Geschichten im Twitter-Format.

Meimberg, im Brotberuf keineswegs Autor, sondern Regisseur für Werbe- und Musikvideos („Da muss ich auch sehr verdichten und kurz Geschichten erzählen“), gelingt es, in dem ungewöhnlichen Format fast jedes Genre abzudecken. Und zwar immer mit Mitdenk-Faktor. Beispiele gefällig? Aber gerne doch!
  •  The End. Sein Roman über die WTC-Anschläge war fertig. Er klappte den Laptop zu, sah auf die Uhr. Fast Mitternacht. Es war der 10. 9. 2001.

  • Der Witz ging Lisa nicht mehr aus dem Kopf. Sie musste sich das Lachen verkneifen, versuchte still zu sitzen. Konzentriert malte Da Vinci.

  • Tim keuchte. Er hatte soeben die Urknall-Theorie widerlegt. Zu dumm, dass er es niemandem sagen konnte. Er nuckelte an seinem Schnuller.
Seine Ideen generiert Meimberg aus Filmen, Büchern, aber natürlich vor allem – wie jeder Autor – aus dem Alltag. „Die Geschichten entstehen meist spontan“, sagt der Düsseldorfer. 140 Zeichen sind sehr wenig Platz für Dramaturgie. „Aber genau das ist die Herausforderung.“ Und die braucht Zeit. Bis zu einer Stunde Gedankenarbeit stecken hinter jeder Tiny Tale. Und der Aufwand lohnt. Fast 2000 tägliche Leser haben Meimbergs Mini-Geschichten in den ersten drei Wochen gewonnen.

Gäbe es eine Twitter-Bestseller-Liste, dann wäre er ganz vorne dabei.



Für fudder hat Florian Meimberg eine exklusive Story über Freiburg geschrieben. Natürlich in 140 Zeichen:

  • "Der Dartpfeil blieb in der Deutschlandkarte Stecken. Freiburg. „Nun denn...“ murmelte das außerirdische Wesen und programmierte sein Navi."

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