Tinder im Selbstversuch: Liebe auf den ersten Wisch

Marius Buhl

Auf der Straße, im Café, beim Sport: Überall treffen wir Leute, die wir gerne näher kennen lernen würden. Doch jemanden um ein Date zu fragen, braucht ziemlich viel Mut. Leichter geht das mit der Dating-App Tinder. fudder-Redakteur Marius Buhl wagte den Selbstversuch:



Jana ist mir zu dünn. Camille trägt zu viel Pink. Elisa ist mir zu blond. Sie alle wische ich mit dem Daumen vom Bildschirm meines Smartphones, nach links, ins Nirvana. Jetzt wird’s besser: Marie ist ziemlich hübsch und mag Skifahren, genau wie ich. Trotzdem zu wenig: Sorry, Marie! Dann ein Knaller: Emilia hat schulterlange braune Haare, große Kulleraugen und schaut ziemlich süß –  genau mein Typ. Das Problem: Emilia wohnt ziemlich weit weg, 214 Kilometer. Egal, Emilia bekommt ein Herz.


Was ich hier mache, hat einen Zweck: Ich will ein Date finden, und Tinder soll mir dabei helfen. Tinder (auf Deutsch: Zunder) ist eine Dating-App, die zum ersten Mal 2012 von Studenten der University of Southern Carolina in Los Angeles verwendet wurde und seitdem um die Welt geht. Im Februar hatte die App laut einem Bericht der „Zeit“ rund 600 Millionen registrierter Nutzer. Tinder gibt es für Android und iOS, die Anwendung ist kostenlos. Das Prinzip ist zudem ziemlich einfach: User melden sich über Facebook an, die App zieht dann die wichtigsten Infos daraus: Freunde, Alter, Gefällt-mir-Klicks. Welche seiner Facebook-Fotos man im Profil haben möchte, kann man auswählen. Zusätzlich ermittelt Tinder den Standort seiner User und fragt nach dem gesuchten Geschlecht sowie dem Umkreis, in dem man Dates suchen möchte. Basierend auf diesen Angaben schlägt die App dann potentielle Partner vor. Findet man einen anderen Nutzer uninteressant, wischt man ihn nach links – er erscheint nie wieder. Findet man einen anderen Nutzer attraktiv, wischt man ihn nach rechts –  die App merkt sich ein virtuelles Herz.

Bei Emilia habe ich Glück. Auch sie mag mein Profil, sie hat mein Bild nach rechts gewischt –  zu den potentiellen Dates. Was dann passiert, ist ein wahrer Glücksmoment. Da wir uns gegenseitig mögen, erscheint auf unseren Bildschirmen die Nachricht: „You’ve got a match.“ Als nächsten Schritt können wir nun miteinander in  der App Nachrichten schreiben und herausfinden, ob der erste Eindruck gestimmt hat und wir uns mögen.
Früher war Online-Dating komplizierter: Auf  Partnerportalen wie Friendscout24 oder Match.com müssen Nutzer Fragen zu Leben, Lifestyle und Liebesbedürfnis beantworten –  ein Algorithmus errechnet dann eine Übereinstimmungsquote mit einem potentiellen Partner oder einer Partnerin.  Bei Tinder gibt es das nicht. Nur  anhand der gezeigten Bilder kann man entscheiden, ob man jemanden mag oder nicht.
Nie war Dating einfacher, nie war Dating oberflächlicher: Innerhalb weniger Sekunden über Ja oder Nein zu entscheiden,  Charakterfragen spielen keine Rolle, was zählt, ist die Optik. Was für ein T-Shirt trägt der andere? Welche  Haarfarbe? Wie steht’s mit der Figur? Der Tinderer wird so zum Richter; über jedes Bild muss eine Entscheidung getroffen werden. Insbesondere die Nein-Funktion, also die Entscheidung, das Bild eines Anderen nie wieder sehen zu wollen, ist eine Neuheit. Ob bei Facebook, Instagram oder Twitter: Überall gibt es nur den Like-Button, ein Nein sehen diese Medien nicht vor.

Das ist der Reiz an Tinder. Es macht einen unglaublichen Spaß, diese Entscheidungen zu treffen, da sie Entscheidungen über das sind, was dem Menschen am wichtigsten ist: Beziehung zu anderen Menschen, Anerkennung, Sympathie.

Tinder wird dadurch zum Spiel, schnell aber auch zur Sucht. „Schon Facebook-Likes führen bei uns zu einem hohen Dopamin-Ausstoß“, zitiert die Financial Times Kristen Lindquist, Psychologin an der University of North Carolina in Chapel Hill. Was solle da erst ein Tinder-Like auslösen, der sich ja nicht nur auf den neuesten Status oder einen Link bezieht, sondern auf die ganze Persönlichkeit?

Das Tinder immer beliebter wird, ist an den ständig wachsenden Mitgliederzahlen zu beobachten.  Rund 20000 mal wird die App in den USA täglich herunter geladen, viele Nutzer klicken Tinder fünf- bis sechsmal täglich an. Aber auch andere Dating-Apps profitieren vom wachsenden Interesse der Gesellschaft an Online-Dating. Die deutsche App Lovoo zählt rund zwei Millionen Mitglieder, auch die Mitgliederzahlen von OKCupid und Blinq wachsen. Für Homosexuelle gibt es die Apps Grindr und GayRomeo –  auch diese mit wachsenden Nutzerzahlen.

Mit Emilia verstehe ich mich auch beim Chatten, sie schreibt mir, dass sie eine richtig gute Snowboarderin ist, dass sie Hiphop mag und als Journalistin gearbeitet hat –  und dass sie in Zürich wohnt. Ich schreibe, dass ich sehr gerne Kendrick Lamar und Kid Ink höre, dass ich Skifahren mag und Journalist bin –  und dass das ganz gut zu passen scheint. Sie schreibt, dass ich sie gerne besuchen darf, wenn ich mich traue. Ich frage, wann ich losfahren kann.

Noch mehr Dating-Apps:

Blinq ist ein Tinder-Klon aus der Schweiz. Das Prinzip ist dasselbe; statt „Like“ oder „Nope“ sagt man hier  „Hi“ und „Bye“.

Lovoo
ist der Allrounder unter den Liebes-Apps: Ein Live-Radar ermittelt mögliche Dates in der Nähe, mit Bildern und persönlichen Angaben erstellt man einen Steckbrief. Im Vergleich zu Tinder kann man hier jedem  Nutzer Nachrichten schreiben –  und nicht nur den Matches.

Auch bei GayRomeo, Deutschlands beliebtester App für Schwule, gibt’s einen Live-Radar; für viele Nutzer geht’s aber wohl eher um Sex als um  Dates.  Ähnlich funktioniert Grindr, das von sechs Millionen  Männern in 192 Ländern genutzt wird.

„Springst Du gerne in Pfützen?“ Das Herzstück von OKCupid sind zum Teil absurde Fragen, die die Nutzer beantworten können. Schon das Durchklicken hat Suchtpotenzial! Anhand der Antworten berechnet OKCupid die Kompatibilität und gibt eine Prozentzahl an.

Jaumo wurde von zwei Stuttgartern erfunden und bietet Profile und unbegrenzt Nachrichten zwischen Nutzern. In Deutschland wurde die App bisher eine Million Mal heruntergeladen.

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