Tina Dico: Anmut, Anspruch, Antidepressivum

Alexander Ochs

Kein Mainstream-Geblubber, kein harmloses Gitarrengeplänkel, kein 08/15-Kuschelpop: Die dänische Sängerin Tina Dico hat gestern Abend im Jazzhaus eindrucksvoll ihre musikalischen Qualitäten unter Beweis gestellt. Singer/Songwriter-Pop mit Anspruch – und antidepressiver Wirkung.



Schwarze Stiefel, Marke abgemilderter Cowboy, schwarzes Kleid, rotes Top, schwarzer Seidenschal, blonde Mähne: Tina Dico, eine nordische Schönheit, schreitet grazil auf die Bühne. Applaus brandet auf. Als sie in der Mitte angekommen ist, hebt sie den Zeigefinger und lächelt, wie um anzudeuten, dass sie etwas vergessen habe – und verschwindet wieder. Gelächter, einzelne „Zugabe!“-Rufe und neuer Applaus, bis die Dänin einen Tick später zurückkehrt.


„No time to sleep“ eröffnet den Abend – einen Abend, den man getrost im Bett hätte verbringen können, so trostlos war das Wetter. Wenn man nicht ein Fünkchen Hoffnung gehabt hätte, dass dieses Konzert den Tag noch halbwegs retten würde. Am Ende war es mehr als das.

Ganz ohne Band ist Tina Dico auf ihrer ersten Deutschland-Tour unterwegs. So auch bei ihrer Freiburg-Premiere. „So kann man die Songs genau so anhören, wie ich sie geschrieben habe“, meint Tina. Abwechselnd greift sie zur Westerngitarre und zu ihrer E-Gitarre, einem antiken Stück aus dem Jahre 1966. Mal zupft sie die Saiten ihres Instruments, mal rupft sie sie ruppig und wird lauter, mal streichelt sie sie sanft. Ruhig und souverän, zugleich aber peppig, anmutig und voller Spielfreude, bietet sie ihren Folkpop dar – mit einer tollen Bühnenpräsenz und einer Wahnsinnstimme. Variantenreicher Singer/Songwriter-Folkpop mit Anspruch.

Nie ist ihr Gesang weinerlich, nie streift sie die Kitschgrenze, nur einmal vom Thema her, als sie das Setting ihres Songs „Sacré Cœur“ beschreibt: Sonnenuntergang am Montmartre. Doch außer der Architektur im Zuckerbäckerstil erinnert hier nichts an Zuckerguss.



Höhepunkt des Abends ist der Titelsong ihres aktuellen Albums „Count To Ten“. Mit Halleffekten unterlegt, ist Tina Dico ihre eigene Band. Grandios! In ruhigere Fahrwasser wechselt sie mit dem A-capella-Anfang einer ihrer ersten im Londoner Exil geschriebenen Songs „Room With A View“. Ab und zu ein hingehauchtes Wort, fast schon ironisch gebrochen. Dann wieder singt sie sich um Kopf und Kragen, hat sämtliche Männer und wohl auch die meisten Frauen im Jazzhaus am Kragen gepackt und ihnen den Kopf verdreht. Riesenapplaus.

Ihre netten und stets lächelnd vorgetragenen Ansagen stammen offensichtlich aus dem besten Wie-werde-ich-ein-Star?-Lehrbuch oder -Bilderbuch – jenseits aller Castingformate –, so routiniert, sympathisch und authentisch kommt die Dame rüber. Auch das nötige, vielleicht lästige Gitarrestimmen bringt sie als Geschichten erzählende Pausenüberbrückerin mit dem Unterhaltungsbedürfnis des Publikums, ja, in Einklang. Auch eine gerissene Saite und ein ungläubiges „Ooooh!“ aus vielen der gut 200 Kehlen können Tina Dico nicht aus der Ruhe bringen.

Eine beeindruckende Performance, besser als jede Medizin. Das herrlichste Antidepressivum an diesem scheußlich verregneten Tag.

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