Timm: Schwules Fernsehen ohne "Uiuiui!"

Tom Lissy

Timm, Deutschlands erster Fernsehsender für Schwule, ist seit dem ersten November auf Sendung. Einer der Moderatoren ist Armin Ceric, 32 Jahre alt, und gebürtiger Südbadener. Wie kommt ein Winzersohn aus Leiselheim am Kaiserstuhl zu einem Job bei Timm? Braucht es schwules Fernsehen überhaupt und ist das auch für Heteros interessant?



Hallo Armin. Wobei störe ich dich gerade?


Armin Ceric:
Ich bin in Hamburg und warte auf mein Sushi. Ich muss gleich noch ein halbes Buch lesen und dann habe ich zwei Interviewtermine, einen davon mit Marcus Urban, einem schwulen Fußballer, der gerade seine Biografie „Versteckspieler“ veröffentlicht hat.

Klingt aufregend. Wie bist du zu einem solchen Leben gekommen?

Ich habe in München Zivildienst gemacht und danach in Karlsruhe Kunst studiert. 1998 bin ich nach Berlin gezogen. Und habe ein Programm mit aufgebaut, das Xenon Television Campus hieß. Das war ein gefördertes Projekt, das Leuten ermöglichen sollte, Fernsehen mal anders zu machen. Ich war Chefredakteur und Moderator. Zu Timm bin ich schlichtweg gekommen, indem ich mich beworben habe, mit einem Video.

Was fehlt dir aus deiner Heimat?

Jetzt gerade aktuell den Zwiebelkuchen bei uns im Dorf. Da gibt es den besten Zwiebelkuchen der Welt. Dann ist ja auch Weinlese – ich bin ja Winzersohn. Nicht dass ich mich je darum geprügelt hätte in den Reben zu arbeiten. Aber wenn man im Herbst nach Hause kommt, fehlt einem das manchmal schon. Es ist halt einfach schön da.

Woher kommt deine Faszination für das Medium Fernsehen?

Ich weiß es nicht – es macht mir einfach wahnsinnig Spaß. Der Job, den ich jetzt mache, fühlt sich gar nicht an, als wäre es Arbeit. Ich treffe durch diesen Beruf relativ viele Leute und spreche mit ihnen. Dass ich damit und mit meinem Schwulsein Geld verdienen kann, ist fantastisch. Natürlich steckt auch ein bisschen Eitelkeit dahinter. Das geht nicht anders. Wobei ich das gerade noch lerne – man sagt mir immer, ich wäre nicht eitel genug. Ich werde zum Beispiel immer nachgepudert – offenbar reicht meine Puderdosis nicht. Ich habe meine erste Sendung gesehen und da ist mir aufgefallen, wie sehr man auf den Moderator guckt. Was hat der an? Ist der gut geschminkt? Wie steht der im Bild? Wie bewegt der sich? Zappelt er? Da muss ich ein bisschen mehr drauf achten, mir bewusster werden, was ich da mache. Ich bin da eher unbedarft rangegangen.

Wer arbeitet bei Timm? Ein rein schwules Team?

Nein. Ein Großteil ist schwul, aber wir sind auch Heteros, Frauen und Lesben im Team.

Und was ist deine Aufgabe?

Ich arbeite für Timm Today, das ist ein tägliches Magazin, das wir selbst produzieren. In meiner Rubrik brause ich durch die Republik und treffe spannende Leute zum Gespräch. Ich habe zum Beispiel Lilo Wanders und Ralf König getroffen oder Emiliana Torrini – aber auch nicht prominente Leute mit spannenden Geschichten. Freitags mache ich noch eine andere Sendung, Timmousine. Da fahre ich abends mit einem Auto durch verschiedene Großstädte in Deutschland. Schließlich geht meine Autotüre auf und es steigen Leute ein. Du weißt als Moderator vorher nicht, wer dir begegnet. Wir waren zum Beispiel am Hustler Ball und hatten dann Pornodarsteller und deren Produzenten im Auto. Oder wir fahren ganz normale Leute von Party zu Party und sprechen mit ihnen.

Was zeichnet Timm aus?

Na, dass wir ein gutes Programm liefern. Von den Serien und Spielfilmen bis zu dem, was wir selber produzieren. Schwule interessieren sich für allerlei Gutes oder Neues. Wir machen kein schwules Fernsehen sondern Fernsehen für vielseitig interessierte Schwule.



Aber warum braucht es überhaupt einen schwulen Fernsehsender?

Wenn es zum Beispiel um Beziehungsprobleme oder Liebesgeschichten geht, interessiert es mich, das in einem schwulen Zusammenhang explizit anzusprechen. Im normalen Fernsehen hört man in der Regel immer die Heterovariante. Das kann bei uns wegfallen. Wir leisten uns auch den Luxus, manche Dinge als gegeben vorauszusetzen anstatt jedes mal wieder zu fragen: „Du bist also schwul – uiuiui!“

Es gibt ja genügend Leute die sagen: „Ja, wir haben doch in jeder Talkshow einen Schwulen, in jeder Soap einen Schwulen…“

Das mag zwar sein, dort wird aber nicht die Realität abgebildet. Zum Beispiel gibt es zwar in der Serie „Verbotene Liebe“ die hübschen Jungs, aber wie die ihre Beziehung leben, ist nicht besonders repräsentativ für den schwulen Alltag, den ich kenne. Das ist schon sehr keusch – aufbereitet für ein heterosexuelles Publikum. Schwule haben in solchen Serien zum Beispiel keinen schwulen Freundeskreis und gehen nicht schwul aus – im wirklichen Leben ist das anders. Gerade bei den Sachen die wir selbst produzieren, haben wir die Möglichkeit das schwule Leben so zu zeigen, wie wir es wahrnehmen.

Ist das auch ein Stück aufklärerische Arbeit für Heteros?

Gerne, gerne – wir freuen uns natürlich, wenn uns Heteros zusehen und sagen: „Aha – so sieht das aus“. Natürlich hat man das mit im Hinterkopf.

Aber wenn schon Aufklärung, gehört diese dann nicht ins Mainstream-Fernsehen?

Es ist leider nicht so einfach, da Sachen unterzukriegen. Da muss man sich nichts vormachen. Solche Sendungen rutschen irgendwann ins Nachtprogramm und verschwinden ganz. Aber generell – warum nicht? Wir verkaufen unsere Beiträge gerne. (lacht)

Hat man in deinem Heimatdorf Timm schon einprogrammiert?

Meine Oma hat es beim durchzappen entdeckt. Sie ist beim Trailer hängen geblieben und hat den Sender gespeichert. Mir haben außerdem auch ehemalige Schulkollegen geschrieben, dass sie mich im Fernsehen gesehen haben. Das freut mich sehr. Die sitzen jetzt zu Hause und schauen schwules Fernsehen. Bisher waren alle Reaktionen positiv.

Hast du keine Angst, dass du zur Homo-Prominenz wirst? Dass quasi jeder, der dich sieht, zuerst denkt: Das ist doch dieser Schwule aus dem Fernsehen…

Ich habe mir darüber ehrlich gesagt noch gar keinen Kopf gemacht. Mir geht es hauptsächlich darum, dass ich einen spannenden Job habe, den ich mit Leidenschaft betreibe. Das hat jetzt erstmal Priorität. Ich bin ja auch im echten leben nicht berufsschwul. Das ist halt einfach nur ein Teil meines Lebens.

Mehr dazu:

Timm ist bundesweit seit dem 1. November 2008 über das digitale Kabelnetz und via Satellit (Astra digital) empfangbar. Eine Auswahl der Sendungen von Timm wird als Livestream auf timm.deübertragen. In Deutschland ist das komplette Programm über die kostenlose Software Zattooim Internet verfügbar.