Tim Hirtle, Slackliner

Martina Proprenter

Tim Hirtle, 21, aus Rheinfelden gehört in der Trendsportart Slacklining zu den 20 Besten weltweit – nach nur vier Jahren Training.


Tim Hirtle kommt auf einer mintgrünen Vespa angerollt –  ein wenig zu spät, die letzte Vorlesung in Basel ging länger als gedacht. In nur zehn Minuten hat er seine Slackline ausgepackt, die Enden um zwei Bäume im Herbert King Park in Rheinfelden gespannt und mit einer Ratsche festgezogen. Das regelmäßige Training merkt man ihm an, seine Bewegungen auf der Slackline sind sicher und ausdrucksstark. Mühelos zeigt er den Buttbounce, federt mit dem Gesäß ab, dreht sich in der Luft einmal um die eigene Achse und landet bäuchlings auf der Slackline. In nur vier Jahren hat es der Rheinfelder unter die 20 Besten der neuen Trendsportart Slacklining geschafft.


Vor vier Jahren hat der 21-Jährige seine Leidenschaft für die noch junge Sportart entdeckt. Beim Campingausflug mit der Skizunft am Tunisee hat er das erste Mal Slackliner in Aktion gesehen. Die Leichtigkeit, mit der diese über die gespannte Leine liefen und Tricks machten, faszinierte ihn auf Anhieb. „Ich hab’s gesehen, bin das erste Mal drauf und nichts ging“, lacht er, wenn er an seine Anfänge zurückdenkt. Doch sein Ehrgeiz ist geweckt. Zuhause bestellt er sich im Internet eine Anfängerausrüstung und trainiert täglich. Gemeinsam mit seinen Freunden verbringt er seine gesamten Sommerferien im Freien, von morgens bis abends versucht er, auf dem Seil zu balancieren.

Wie schwierig es sein kann, geradeaus zu laufen, konnte er sich vorher nicht vorstellen. „Du spürst das zitternde Seil und wunderst dich“, grinst er. „Da werden ganz neue Muskelgruppen gefordert, die erst mal aufgebaut werden müssen.“ Bereits die ersten Versuche filmte er mit seiner Kamera und stellte sie auf Youtube.

„Das Video war drei Stunden online, dann kam eine Mail von Robert Käding“, sagt Hirtle stolz. Dass Käding der Chef des Unternehmens Gibbon Slackline ist, wusste er damals noch nicht. Es folgte eine Einladung nach Stuttgart, wo er sein Können unter Beweis stellen konnte. Dann ging alles ganz schnell. Er wurde in das Juniorenteam aufgenommen, in dem fünf Jugendliche aus Europa waren, und bekam einen Sponsorenvertrag.

Während seine Kommilitonen sich mit klassischen Studierendenjobs quälen müssen, verdient Tim Hirtle mit seinem Hobby bereits Geld. Regelmäßig wird er von Gibbon eingeladen oder von Firmen gebucht, die an Jahresfeiern oder verkaufsoffenen Sonntagen ihren Gästen etwas Besonderes zeigen möchten. Anfang Februar konnte er sich zum dritten Mal mit den besten Slacklinern der Welt bei der Internationalen Sportartikelmesse ISPO in München messen. Die von Gibbon ausgerichtete Weltmeisterschaft lockte mehr als 150 Sportlerinnen und Sportler aus der ganzen Welt nach München, zur ersten von vier Runden. Für Tim Hirtle war die Weltmeisterschaft diesmal frühzeitig gelaufen, wegen einer Knöchelverletzung musste er aufgeben. „Für mich zählt nur das Dabeisein“, sagt Hirtle bescheiden. Er genießt die Chance, sich mit anderen Slacklinern messen zu können, ein Teil der neuen  Community zu sein.

„Slackliner haben einen eigenen Style“, sagt Hirtle. Er erkennt sie an den aufgenähten Slackline-Labels, den zurechtgeschnittenen Slacklines, die Taschenschlaufen ersetzten, oder auch, wie bei ihm selbst, am Sponsoren-Schriftzug auf den Flip-Flops, aber vor allem an den „Spuren“, die sie am Trainingsort hinterlassen. An seinem Lieblingsübungsplatz im Herbert King-Park zeigt Tim Hirtle die parallelen Linien im Rasen, die von ihm und seinen Freunden stammen. Beim sogenannten Buttbounce streifen die Füße über den Boden, pflügen dadurch den Rasen um. „Wir Slackliner zerstören keine Bäume, wie oft befürchtet wird, sondern die Wiese.“ Die Bäume umwickelt er mit Treeware, einem grünen Spezialfilz, bevor er die Slackline daran bindet. So wird die Baumrinde durch die hohe Spannung beim Slacklinen nicht abgerieben und – was für alle ohne Sponsorenvertrag wichtiger ist –  die Slackline selbst nutzt sich nicht so schnell ab.

Bei der ersten ISPO 2010 unterlag Hirtle im K.O.-System Andy Lewis, dem späteren Weltmeister. „Bisher können höchstens fünf Slackliner von ihrem  Sport Leben“, sagt Hirtle, „Andy ist einer davon.“ Dessen Auftritt mit Madonna beim Superbowl hat er gespannt verfolgt, aber Neid kommt keiner auf. Nach dem Bachelor Profi zu werden und nur von dem Sport zu Leben, wäre für ihn eine Möglichkeit, aber nicht sein erklärtes Ziel. „Ich möchte als Bauingenieur arbeiten. Oder etwas erfinden.“ Beispielsweise mobile Musikanlagen. Seine persönliche hat er sich schon in einem Bierkasten zusammengebaut: Slacklinen mit Musik macht mehr Spaß und lockt Zaungäste an. Aber die Gruppe lachender Mädchen, die ihn anhimmeln, bemerkt er gar nicht: Beim Slacklinen ist volle Konzentration gefordert.

Auf die Unterstützung seiner Eltern kann er sich verlassen, „solange die Uni nicht darunter leidet“. Beide sind seit Jahren in der Skizunft aktiv, und auch Tim hat vor Kurzem seinen Schein als Skilehrer gemacht. „Im Winter kann man nicht Slacklinen“, sagt er, „außer bei festem Neuschnee.“ Daher überwintert er in seinen Stammsportarten Skifahren und Snowboarden. Sogar seinen Opa hat er schon auf die Slackline bekommen. „Er wollte sehen, wie leicht das geht“, sagt Tim und muss bei der Erinnerung grinsen, wie sein Opa mit der Schaufel in der Hand – eigentlich war er gerade mit Gartenarbeiten beschäftigt – erstmals auf der Slackline stand. „Das ist doch das Schöne an diesem Sport, jeder kann ihn machen.“

Slackline 2011 Tim

Quelle: Vimeo


Slacklining

Der Begriff Slackline kommt aus dem Englischen und bedeutet „lockeres Band“. 1980 spannten die Kletterer Jeff Ellington und Adam Grosowsky erstmalös ein Schlauchband zum Balancieren in Olympia/Washington – ein neuer Sport war geboren.

Es gibt verschiedene Arten von Slacklines. Tricklines sind bis zu 15 Meter lang und werden knie- bis hüfthoch gespannt, auf ihnen macht man Kunststücke.Longline nennt man Lines ab 40 Meter Länge, der Rekord liegt bei 400 Metern. Longlines sind dünner als normale Slacklines. Highlines nennt man Slacklines, die höher als 10 Meter gespannt sind, auf ihnen balanciert man mit einer Sicherungsleine. Über Wasser genannte Slacklines nennt man Waterlines.

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