Tim Fischer: Selten war Regen so schön

Carolin Buchheim & Meike Riebau

Es hat sintflutartig geregnet am vorvergangenen Donnerstag Abend; bis viertel vor acht für ganz Freiburg, ab acht für gute zweieinhalb Stunden für die knapp 300 Leute, die sich im Runden Saal des Konzerthaus eingefunden hatten, um mit Chansonnier Tim Fischer durch sein Programm Regen zu spazieren. fudder-Autorinnen Meike & Caro hatten keinen Schirm dabei, und das war genau richtig.



Ein Chansonprogramm unter das Thema 'Regen' zu stellen, ist für sich genommen eine ziemlich absurde Angelegenheit; geradezu An-den-Haaren-herbeigezogen. Aber wenn man dann doch mal genau hinhört, beim Chansons-Hören, dann merkt man allerdings: es regnet dauernd in Schlager, Chanson und Song. Dauernd. Wirklich, andauernd. Unwetter gehen da nieder, und zwar immer und immer und immer wieder.

Verständlich, eigentlich, kann Regen doch sowohl herrlich melancholisch sein und machen, an Tränen, Ende und Vergänglichkeit erinnern, und zum anderen auch Menschen zueinander bringen, unter'm Regenschirm gedrängt, oder, noch besser, im Bett, gemeinsam dem Regen zuhörend.
Tim Fischer zelebrierte Donnerstagabend virtuos all diese Aspekte von Schlechtwetterfronten, zelebrierte die großen Damen und Herren des Chansons, seine Band, und sich selbst gleich auch noch dazu.



Im Sarg von seiner Band auf die Bühne getragen bestritt Tim Fischer den ersten Titel seines Programms, Ludwig Hirschs "I lieg am Rucken", trat alsbald aus dem Sarg hervor und wirbelte Minuten später um sich kreisend über die kleine Bühne des Runden Saals, sein Publikum fest in der Hand, das jeden Song enthusiastischer beklatschte als den vorherigen, und über jede gute und auch jede schlechtere Pointen lauter lachte als über die vorherige. That's Entertainment.

Tim Fischer, in Frack und mit silbernem Regenschirm in der Hand, führte die Zuschauer von Lustigem, zu Bissigem, zu Schmerzhaftem, und zwang das Publikum vor Spannung auf die Kanten ihrer Stühle, als er Daliah Lavi's wunderbaren Chanson der Ehefrau an die Geliebte ihres Mannes, "Mein Mann ist verhindert, er kann sie unmöglich sehn", sang, und Strophe für Strophe klarer wurde, was denn die betrogene Ehefrau da mit ihrem Ehemann angestellt hatte.

Das Programm war liebevoll zusammengestellt, von der deutschen Version von "Singing in the rain" über Dalidas "Am Tag, als der Regen kam" bis hin zum grossartigen "Regen in Berlin" von Thomas Pigor, einer liebevollen Hasstirade auf die Hauptstadt, ihre Touristen und Arschlöcher. Stimmlich zeigte sich Tim Fischer gewohnt stark, klar und ausdruckskräftig, und brillierte mit starker Bühnenpräsenz, die von der ihm typischen inneren Distanz nur profitierte. An seiner Seite hatte er seine gut gelaunte, virtuose, Band, die auch vorzüglich als A-Cappella-Band taugte, erfrischend wie ein Frühlingsregen.



Nach der Pause trat Tim Fischer im Dirndl mit Geranien-Rabatten-Decollété auf, und gab mit Pianist Gerd Thumser ein haarsträubend schönes volkstümelndes Regen-Medley; man stelle sich das Duett "Something stupid" zwischen Robbie Williams und Nicole Kidman vor, nur eben ganz ganz anders, nämlich zwischen einem zarten Mann im Dirndl und eine bulligen, bärigen Mann in trashiger Tracht.
Im Anschluß brillierte Fischer, immer noch im Dirndl, mit einem Loblied auf die Handarbeit . "Wie richtig hat Mama erkannt, das Glück liegt nur in unserer Hand. Ohne Fleiß, keinen Preis. Nur sich regen bringt Segen." sang er, unterbrochen von garstigen kleinen Blockflöte Intermezzi.
Nein, vollkommen richtig erkannt, es ging in diesem Song nicht um Stricken, Klöppeln oder Kreuzstrich, nein, nein.

Schliesslich wechselte Tim Fischer für den Schluss des Programms in ein wahrlich atemberaubendes Nichts von einem bestickten Abendkleid, in dem kaum eine Frau hätte so toll aussehen können, und das dabei so un-tuntig war, wie ein von einem Mann getragenes Abendkleid nur sein kann und das die Autorinnen dieses Artikels alternierend in akute Zustände von Lust und Neid versetzte. Auch das ist eben Entertainment.



Der Abend endete schließlich in einem großen, regenreichen Weltreise-Medley unter Regenbogenfarbenen Perücken, von "Ciao, Ciao Bambina", über ein Sirtaki-getanztes "Laß es Regen, Pan" bis hin zu "Über den Wolken", und -Nein, auch das ist kein Witz- dem grausslichen "Komm in mein Wigwam" von Heino, bei dem nicht nur die Autorinnen lauthals und lächelnd mitsangen.

Ja, so ein Chansonabend war das, einer zum Mitsingen, am Ende, einer, bei dem Mann dem Chansonier auch die schlechteren Witze verzeihen musste, und sich stattdessen einfach über seine stimmliche Kraft und die Vielfalt seines Talents freuen musste und einfach vollkommen gut und rundum unterhalten wurde.

Und so gab es am Ende Standing Ovations, und drei Zugaben, ein durch und durch glückliches Publikum, und einen Sänger, der zugleich gerührt aber auch distanziert den Applaus und die Rosen entgegennahm und Kußhände ins Publikum warf.



Und dann war da noch Antonia. Antonia war uns aufgefallen, weil sie äußerst enthusiastisch die oben erwähnten Kußhände an Tim Fischer zurückwarf. Die 21jährige Schauspielstudentin war in Ballerinaschlappen zu ihrem dritten Tim Fischer-Konzert gekommen; eindeutig das falsche Schuhwerk für den sintflutartigen Regen, der vor dem Konzert niedergegangen war, aber das machte ihr gar nichts aus. Während des Konzerts war Antonia mehrfach von der Security im Saal angeherrscht worden, 'ob sie denn nicht vielleicht leiser klatschen könne'; aber das konnte Antonia nicht - zu überwältigend und schön war der Abend für sie. "Tim Fischer ist so schön, so charismatisch. Es gibt keinen der so ist wie er," sinnierte sie nach dem Konzert. "Als er mit seinem Programm 'Walzerdelirium' beim ZMF war, und sich während des Auftritts auf dem Flügel gewälzt hat, das war einer der schönsten Momente meines Lebens."
Für Antonias Begleitung Raphael, 25 und ebenfalls Schauspielstudent, war es das erste Tim Fischer Konzert. "Ich bereue keine Sekunde. Dieser Mann hat eine Ausstrahlung, die man einfach lieben muss.""Schickt ihr das auch an Tim Fischer?" fragte Antonia, als wir uns zum gehen wandten. "Ich hab da nämlich eine Botschaft an ihn, vielleicht könnt ihr die weiterleiten: Heirate mich!"

Und so ging ein regenreicher Abend zu Ende, der kaum schöner hätte sein können.

Die einzigen Songs, die vielleicht noch nett gewesen wären, wo Tim Fischer in all dem Regen doch schon alle musikalischen Geschmacksgrenzen übertreten hatte, waren "It's raining men" von den Pointers Sisters, das zweifelsohne wunderbar zu den Regenbogen-Perücken gepasst hätte, "Anna" von Freundeskreis und "Weinst Du" von Echt. Aber man will ja auch nicht pingelig sein, denn selten haben wir einen Abend lang so schön im Regen gesessen wie mit Tim Fischer.

MEHR DAZU

Tim Fischer: Website
Am Ende des Abends bat Tim Fischer um Spenden für das Islands AIDS-Hospiz in Zimbabwe.
Charity Organisation 'Songs against AIDS': Website
Island Hospice, Harare, Zimbabwe: Website