Tim Bendzko im Interview: "Die Welt retten, das war schon vor sechs Jahren nicht mein Plan"

Joshua Kocher

Vor sechs Jahren wollte er "Nur mal kurz die Welt retten." Warum sich der Musiker Tim Bendzko auf sein Konzert in Freiburg freut und warum er nicht gerne telefoniert, hat er Joshua Kocher im Interview verraten.

Du hasst es, zu telefonieren und fremde Menschen anzurufen, woher kommt das?

Das war tatsächlich mal der Fall, hat sich inzwischen aber gelegt. Männer mögen Telefonieren ja grundsätzlich nicht besonders. Aber zudem habe ich vor meiner Musikkarriere als Auktionator in einem Autohaus gearbeitet und musste nervige Gespräche mit verloren gegangenen Kunden führen. Die wussten dann meistens nicht, dass ich mich melde und waren dementsprechend genervt über meinen Anruf.

Wie verbringst du die Zeit, bis deine Tour startet?

Ich bereite mich gerade sowohl körperlich, als auch inhaltlich auf die Tour vor, da wir etwa zweieinhalb Stunden am Stück spielen werden. Vor ein paar Wochen waren wir außerdem in Südafrika um das Video zur zweiten Single "Leichtsinn" zu drehen – das war harte Arbeit, hat sich aber gelohnt.

"Mir ist der Sportclub total sympathisch."

Am 12. Mai kommst Du nach Freiburg. Bleibt auf der Tour überhaupt Zeit, sich eine Stadt mal genauer anzuschauen?

Das hängt tatsächlich immer davon ab, wo man am Tag zuvor spielt. Ich fahre meistens mit dem Auto am Morgen in die nächste Stadt – und wenn die Anfahrt dann endlos lange ist, bleibt nicht mehr viel Zeit. Wenn die Strecke aber mal nicht so lange ist, finde ich das sogar ziemlich schön, wenn ich mal rauskomme und was sehe. Wir spielen die Tour jetzt extra so spät, also nicht schon im Januar oder Februar, damit wir auch mal draußen unterwegs sein können. In Freiburg war es jedes Mal sehr schön und ich kann uneingeschränkt sagen, ich freue mich riesig auf die Stadt.

In Deiner Jugend hast Du bei Union Berlin gekickt, heute bist Du bekennender Bayern-Fan. Beschäftigst Du dich noch intensiv mit Fußball?

Total! Mein Herz schlägt neben den Bayern auch noch für die Union (Anmerkung der Redaktion: Die Bayern sind wieder Deutscher Meister und Union Berlin kämpft noch – entgegen aller Erwartungen – um den Aufstieg in die Bundesliga). Deshalb stehe ich derzeit gar nicht so schlecht da. Ich gehe immer gerne ins Stadion und habe sogar schon Tickets für das DFB-Pokalfinale und bin zuversichtlich, dass das etwas wird.

Was hältst Du von unserem Sportclub?

Ich bin grundsätzlich Fan von Vereinen, die einen Trainer haben, bei dem man sieht, dass er eine Idee hat und diese an die Mannschaft heranbringen kann. Dementsprechend ist mir der Sportclub total sympathisch. Und auch da gibt es Vereine, bei denen das nicht so ist. Wie zum Beispiel Hertha BSC Berlin. Wobei das gerade auch etwas aufweicht mit dem neuen Trainer Pal Dardai, der ein richtig guter zu sein scheint.

"Es wäre erschreckend, wenn ich noch derselbe Mensch von vor sechs Jahren wäre."

Dein Album wurde komplett in Eigenarbeit und in den eigenen vier Wänden produziert. Hattest Du keine Lust mehr auf Studios?

Ich wollte, dass die Produktion eine schöne Sache wird und sich nicht nach Arbeit anfühlt. Die klassische Studiosituation ist doch, dass einem genau dann eine neue Idee kommt, wenn man eigentlich nach Hause gehen mag. Dann stellt sich die Frage: Mach ich das jetzt noch oder fahre ich nach Hause? Das wollte ich vermeiden und meine Ideen, wenn nötig, auch nachts um drei in Boxershorts aufnehmen können. Jetzt habe ich aber total Bock, unterwegs zu sein und die Sachen vor Leuten und mit Leuten zu spielen.

"Immer noch Mensch" ist der Titel der Platte – Würdest Du sagen, Du bist nach sechs erfolgreichen Jahren immer noch derselbe Mensch?

Es wäre erschreckend, wenn ich noch derselbe Mensch von vor sechs Jahren wäre. Es gehört einfach dazu, dass man sich verändert. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich jetzt auf einem anderen Planeten lebe. Wenn man so viel Glück wie ich mit "Nur noch kurz die Welt retten" und meinem ersten Album hat , dann ist man fast zwangsläufig nicht die ganze Zeit total bei sich. Und das ist auch gut so. Ich bin zum Glück immer etwas skeptisch, wenn etwas so gut läuft und das hilft mir dann in den meisten Fällen, um beide Füße auf dem Boden zu behalten.

"Die Welt retten, das war schon vor sechs Jahren nicht mein Plan. Das ist aussichtslos."

Deine Songs handeln ausschließlich von persönlichen Erlebnissen und sind keine Gesellschaftskritiken. Hast Du nicht die Hoffnung, mit deiner Musik etwas verändern zu können?

Es bringt einfach nichts, jemandem mit erhobenem Zeigefinger zu sagen, was er zu tun hat. Vor allem nicht als Mensch, der gerade die 30 überschritten hat. Woher soll ich besser über das Leben Bescheid wissen, als jemand, der bei Aldi an der Kasse sitzt? Das klassische Beispiel ist für mich Madonna. Wenn es heißt, sie habe sich zu einem bestimmten Ereignis geäußert, gibt es einen riesigen Aufruhr. Das verstehe ich nicht, warum sollte sie, bloß weil sie in der Öffentlichkeit steht, mehr Ahnung haben als andere?

Vor sechs Jahren hast Du bereits gesungen, dass Du nur noch kurz die Welt retten musst. Wäre das heute, bei all den Problemen, die inzwischen dazu gekommen sind, überhaupt noch machbar?

Es bewegt mich sehr, was draußen gerade los ist. Ich mache das aber nicht öffentlich zum Thema. Die Welt retten, das war schon vor sechs Jahren nicht mein Plan. Das ist aussichtslos. Die einzige Möglichkeit ist, bei sich selbst anzufangen. Ich versuche mich einfach anständig zu benehmen und mit anderen Menschen so umzugehen, wie ich mir erhoffe, dass sie mit mir umgehen. Das ist am Ende deutlich effektiver, als den großen Weltretter zu spielen.

Etwas Lockeres zum Abschluss. Wie oft wirst Du eigentlich mit Matthias Schweighöfer verwechselt?

Lustigerweise bin ich noch nie mit ihm verwechselt worden. Ich finde sogar, dass wir uns gar nicht so ähnlich sehen. Ich habe keine Sommersprossen und keine roten Haare und bin größer als 1,70 Meter groß – wobei das gemein ist, er ist bestimmt etwas größer. Aber mit dem Mythos muss ich wohl leben.
  • Was: Tim Bendzko und Band – Immer noch Mensch Tour 2017
  • Wann: Freitag, 12. Mai, 20 Uhr
  • Wo: Sick Arena Freiburg

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