Theater-Premiere im White Rabbit: "Ich träume Wälder" mit Other Group

Anna-Lena Zehendner

Gibt es ein echtes Leben jenseits der Dreißig? Landen wir am Ende alle in einem großen Loch der Depression? Wollen wir noch einen trinken? Das sind nur drei der vielen Fragen, mit denen sich die Theatergruppe "Off the record", kurz "Other Group", in ihrer ersten Produktion "Ich träume Wälder" beschäftigt Heute Abend ist Premiere im White Rabbit. Daniela Nik-Nafs klärt im Gespräch mit fudder unter anderem die Frage, warum nicht nur die Gruppe, sondern auch ihr Stück etwas anders ist als ein gewöhnlicher Besuch im Theater.



Die „Other Group“ hat sich im Sommer 2009 aus anfangs drei Studenten zusammengetan und ist damit quasi noch eine jungfräuliche Erscheinung. Nicht nur das erste Stück hat es vorher noch auf keiner Bühne gegeben,auch die Konstellation der Schauspieler ist neu. Der Impuls, der die Gruppe zusammengeführt hat, ist einfach erklärt: „Drei theaterbegeisterte Menschen treffen aufeinander und schmieden Pläne, zusammen ein Projekt zu starten, um sich kreativ und eigenständig in der Szene auszutoben", sagt Daniela Nik-Nafs, 29 Jahre und Mitglied der „Other group“. „Tobias schrieb schließlich im Herbst 2009 das Stück ‚Ich träume Wälder‘ und prompt wurde die Idee konkret.“


Tobias Ergenzinger, 30 Jahre, ist seither sowohl Autor, als auch Regisseur und Schauspieler der Gruppe. Zuvor war er lange Jahre aktiver Poetryslammer und Mitorganisator des Poetry Slams im Atlantik. Heute arbeitet er neben seinem Studium als Dramaturgie- und Regieassistent am Theater. Auch die anderen Mitglieder der „Other Group“ sind alles andere als jungfräulich auf diesem Gebiet.

Sophia Maier, 25 Jahre, hat bereits in verschiedenen Theater- und Schauspielgruppen gespielt, wie beispielsweise in der Gruppe „Frischfleisch“ und der studentischen Theatergruppe „Zeitgenossen“. Daniela Nik-Nafs spielte als Mitglied der Gruppe „Liverpills“ regelmäßig Theater und arbeitet seit Mai 2008 neben ihrem Studium am Theater Freiburg.

Mit drei Personen war die „Other group“ allerdings zu Beginn noch etwas unterbesetzt. „Wir haben daher einen weiteren Darsteller gesucht und Matthias gefunden,“ erinnert sich Daniela. Matthias Weykamp ist 28 Jahre und hat bereits drei Jahre Theatererfahrung mit den „Immoralisten“. Mit Linus von Poswik, der für Grafikdesign und den Web-Auftritt zuständig ist, ist die Gruppe schließlich komplett.

Nach einem passenden Namen habe man anfangs lange gesucht, doch dann stand er mit „Off the record“ fest. „ ‚Off the record‘ heißt übersetzt so viel wie ‚inoffiziell‘ oder ‚unter der Hand‘, also eine zusätzliche Information, die nicht jeder erhält. Damit wollen wir zum Ausdruck bringen, dass wir anderes Theater machen. Unsere Thematik ist eine andere, als bei gewöhnlichen Theatergruppen – zumindest hier in Freiburg. Alleine schon aus dem Grund, weil unser Stück selbst geschrieben ist,“ erklärt Daniela. „Unsere Gruppe verbindet ein großer Idealismus. Daher machen wir die ganze Sache überhaupt, obwohl wir eigentlich alle schon genug beschäftigt sind. Tobi und ich kennen und lieben das Theater, gerade durch unsere Jobs. Mit unserer Gruppe und unserem ersten Stück möchten wir jedoch mit etwas Eigenem die eigentlichen Grenzen des Theaters ausloten.“

Oberflächlich ist die Geschichte von „Ich träume Wälder“ schnell erzählt: Zwei Freundinnen treffen sich in ihrer Heimatstadt, um einen Abend lang zu reden, zu trinken und das Chaos zu verbreiten, das sie früher in sich gefühlt haben. Mit dabei auf ihrem Nostalgietrip sind ein Bruder, der inzwischen die alten Avantgardeträume wahr gemacht hat und Theaterregisseur geworden ist und ein seltsamer, möglicherweise taubstummer Kellner in einem Molekularrestaurant.



Mit „Ich träume Wälder“ möchte die Gruppe jedoch weit mehr, als eine gewöhnliche Geschichte erzählen. „Es wird versucht eine Stimmung wiederzugeben, in der man sich befindet, wenn man auf die dreißig zugeht und feststellt, dass der eigene Aktionismus zurückgeht, da man inzwischen eine gewisse Routine im Leben hat und schlicht und einfach erwachsen wird oder schon geworden ist,“, erklärt Daniela. „Wir beschäftigen uns daher unter anderem mit dem utopischen Wunschdenken, zurück in seine Kindheit zu wollen, weil damals das Leben noch so schön unbeschwert war.“

Gleichzeitig wird bei dem Stück jedoch auch Kunst- und Kulturkritik geübt. Diese steht hier im Sinne von einem Massenvergnügen, das heutzutage immer weiter vorangetrieben wird und dem man sich kaum noch entziehen kann. „Man wird von der Gesellschaft und ihren Zwängen einfach mitgerissen. Wir versuchen mit unserem Stück für einen Moment die Stopptaste zu drücken, um diese Situation aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Einmal als Teil des Ganzen, also das Verhältnis des Einzelnen zum Gesamten und umgekehrt, dann aus einer Gegenperspektive, bei der Alternativkonzepte geboten werden und schließlich aus der Perspektive des ‚Mitschwimmers‘, der in der Gesellschaft einfach nicht untergehen möchte,“ erzählt die Theaterbegeisterte. „Wir zwingen uns hinzugucken wo es wehtut.“

Es sei daher ein mutiges Stück, das kein Blatt vor den Mund nehme. Bei dem Titel „Ich träume Wälder“, stehen die Wälder als Metapher für Frei- und Zwischenräume, für einen alternativen Weg, den jeder einzelne für sich wählen und entdecken kann, um sich dem Druck und der Angst der Gesellschaft zu entziehen. Heute abend findet die Premiere und gleichzeitige Uraufführung des Stücks im White Rabbit statt. Die Wahl fiel dabei nicht willkürlich auf den Musik-Kellerclub. „Wir sind eben keine gewöhnlich studentische Theatergruppe und wollten daher unser Stück auch nicht in einem Uni-Raum aufführen. Die Räumlichkeiten und das Konzept des White Rabbit schienen uns jedoch dafür perfekt geeignet. Wir erhoffen uns dadurch außerdem nicht nur das typische Freiburger Theaterpublikum, sondern eben auch andere Menschen zu erreichen“, erklärt Daniela, „eben Leute, die ins White Rabbit kommen, um eigentlich Musik zu hören und dann überrascht sind, dort eine Theateraufführung vorzufinden.“

Welche Rolle Elvis und Morrissey bei dem Stück zukommt und ob eine Kopie heutzutage mehr wert ist als das Original, diese Fragen, eventuelle Antworten und einige Überraschungen erwarten das Publikum bei dem Stück „Ich träume Wälder“.



Was: Other group - Ich träume Wälder
Wann:
Freitag, 12. März (Premiere) und Dienstag 16. März 2010, jeweils 20:30 Uhr
Wo:
White Rabbit
Eintritt:
4 Euro


Mehr dazu: