The Wave Pictures im Swamp: Seele auf Handteller

Alexander Ochs

Was die Wave Pictures zusammen mit zwei Überraschungsgästen im rappelvollen Swamp servierten, war allererste Sahne. Eines der besten Konzerte des Jahres, meint Alex.



Obwohl die Wave Pictures aus England bereits seit vielen Jahren zusammen Musik machen und eine ganze Reihe von Alben veröffentlicht haben, hat sie der Guardian kurioserweise für die Wahl zum besten Debütalbum des Jahres nominiert. Muss man das verstehen? Genau so gut könnte man ihnen eine Grammy-Nominierung für das ungefährste Best-Of-Album einer weitgehend unbekannten Band unterjubeln.




Noch unbekannter dürfte die Vorband sein – sie trägt noch nicht mal einen Namen. Auf der Bühne stehen drei junge Kerle mit Gitarre, Bass und Schlagzeug, eine schüchterne Sängerin mit nichts weiter sowie ein Mann mit lichtem Haarschopf, großer Sehhilfe und einem Sopransaxofon. Es sind die Wave Pictures, verstärkt durch Clémence Freschard und André Hermann Düne alias Stanley Brinks alias Ben Dope alias Ben Haschisch alias Klaus Bong alias John Trawling alias John Andreas alias Lord Stanislas… Das sieht man auch nicht alle Tage: Die Vorband ist die Hauptband plus Verstärkung!



Jonny Helm an den Drums rührt sein aufgeräumtes und überschaubares Set mit dem Besen an, Stanley Brinks setzt traumwandlerisch irrlichternd schön-melancholische Sax-Akzente, Clémence singt dezent dazu, alles sehr entspannt und lo-fi, auch mal countryesk, einen Tick jazzig, dann wieder rockig angehaucht.

Auch Stanley übernimmt den Gesangspart und zieht einen vollkommen in den Bann. Textzeilen in hypnotischer Endlosschleife: „Come a little closer, come a little closer, come a little closer – closer to me“ – mit A-cappella-Ausklang als Sahnehäubchen. Große Kunst!

Come a little closer, so hätte man den ganzen Abend übertiteln können. Das Swamp – sternhagelvoll bis obenhin. Überall kauern und lauern Leute, allein drei machen es sich unter der Box bequem, auf Tischen und Stühlen stehen sie wie die Erdmännchen und das einzig Überraschende ist, dass keine Zuschauer auf den unter der Decke angebrachten Lüftungsrohren liegen. „I never expected so many people! It’s pretty crowded“, entfährt es denn auch Sänger Dave Tattersall mit seiner nasalen und brüchigen Stimme.



Die Brit/Indie-Pop/Rock-Songs der Wave Pictures, jetzt ohne die beiden Franzosen, sind schlicht und melodiös, aber unglaublich berührend. Tolle Texte haben sie auch. Mit herzzerreißender Hingabe bringt Dave Tattersall sie rüber, trägt seine Seele auf dem Handteller spazieren. Mit „Leave the scene behind“, dem kraftvollen Opener ihres aktuellen Albums, legen sie eine flottere Gangart ein, drücken aufs Tempo – um es dann wieder gekonnt rauszunehmen.

Irgendwo aus dem Nebenraum erklingen Saxofontöne, Stanley bringt’s mal wieder. Immer wieder lauert er, mit Bier und Kippe in der Hand, auf Interventionsmöglichkeiten. Das wirkt superimprovisiert – aber alles sitzt.



Selbst als die Zugaben vorbeigerauscht sind, leert sich das Swamp kaum. „Das war der kleinste Laden, in dem wir auf unserer Deutschland-Tour gespielt haben, aber das beste Publikum und das geilste Konzert“, meint Dave sichtlich begeistert nach dem Gig. Hut ab! Für mich eines der besten Konzertes des Jahres; großartig ist gar kein Ausdruck!