The Metafiction Cabaret im Slow Club: "Wenn man dem Teufel ins Auge blickt, wird er kleiner!"

Bernhard Amelung

Das Berliner Ensemble The Metafiction Cabaret verbindet in seinen Auftritten Punk, Cabaret Noir, Chanson und Theater. Am Donnerstag tritt es im Slow Club auf. Ein Interview mit Ensemble-Gründer Marc C. Behrens über das Berliner Nachtleben, Scheitern als Erfolg und den Teufel.



In eurer Show bringt ihr das Berliner Nachtleben auf die Bühne. Wie kommt man auf diese Idee?

Wir haben verschiedene Motti. Eines lautet 'Zusammen ist man bunt', so wie es das Berliner Nachtleben mit seinen zahlreichen Nischen ist. Dieses Thema ermöglicht uns, rund um unser Konzert eine bunte Parallelwelt zu schaffen. Einen Raum, in dem jeder Gast seinen inneren Freak rauslassen kann. Wir wollen nicht nur auf die Bühne kommen und ein Konzert spielen. Wir wollen ein Gesamterlebnis schaffen.

Wie sieht diese bunte Parallelwelt denn aus?

Zu Beginn unserer Auftritte stehen wir mit einer akustischen Besetzung im Eingangsbereich der Konzertlokale. Wir singen alte, deutschsprachige Lieder, Songs aus der rauschenden Welt der Zwanziger Jahre. Oft unterstützen uns dabei Schauspieler und Artisten, die vor Ort ihrer Kunst nachgehen und parallel zu unserem Programm eine eigene Geschichte erzählen.

Das ist dann die Metafiktion des Cabarets?

Sozusagen. Unser Auftritt ist der Kern der Show. Doch drumherum soll ein großes 'be part of the cirque' entstehen. Wir wollen zwischen den Genres Verbindungen schaffen. Wir wollen aber auch zwischen den Künstlern und Gästen Verbindungen schaffen. Bei uns können die Zuschauer in einer Nacht zu Künstlern werden, und umgekehrt. Wir unterscheiden nicht zwischen Zuschauer und Künstler.

Wie gelingt euch das?

Wir sind kein zwanghaftes Mitmachtheater. Unsere Gäste werden zu nichts gezwungen. Wir reichen ihnen die ganze Zeit über die Hand und bieten ihnen an, sich auf uns einzulassen. Deshalb fällt es den Gästen relativ leicht, ein Teil von uns zu werden. Das sah früher anders aus. Am Anfang waren wir sehr konfrontativ. Wir haben viel gemacht, viel gezeigt, vom Publikum viel verlangt. Da kam es durchaus vor, dass die Gäste quasi eine Wand hochzogen und nicht mehr mit uns interagieren wollten.

Ein zweites Thema eures Programms ist das Scheitern. Aber eigentlich macht doch nur der Erfolg sexy?

Scheitern war das große Thema unseres ersten Programms. Das ist aber auch heute noch ein fester Bestandteil unserer Auftritte. Das Scheitern stellt für mich eine Nullebene dar, einen leeren Raum, den man neu aufbauen und gestalten kann. Etwas neu zu gestalten, bedeutet auch Freiheit. Diese bekommt man allerdings nur, wenn man bereit ist, los zu lassen. Erfolg dagegen ist fragil und flüchtig. Erfolg engt ein, sobald man ihn mit materiellen Werten verbindet.

Auch wer aufsteht und weiter macht, kommt unter Leistungsdruck.

Mir geht es nicht um einen messbaren Erfolg. Mein Anliegen ist, das Scheitern nicht mit Aufgeben zu verbinden. Scheitern bedeutet nicht, am Boden liegen zu bleiben. Das macht auch nicht frei und glücklich. Mir geht es vor allem um den Gedanken, dass man etwas wagen und anpacken soll. Man soll Risiko zum Scheitern immer wieder neu annehmen.

Und jedes Mal besser scheitern?

Wer fähig ist, Ziele los zu lassen, wer fähig ist, das Risiko zum Scheitern anzunehmen, ist frei. Dadurch ist das Scheitern eigentlich kein Scheitern mehr, sondern ein Erfolg.

In eurer Show bringt ihr auch die Sehnsucht nach Unvollkommenheit zur Sprache. Was ist damit gemeint?

Die Sehnsucht nach Unvollkommenheit bedeutet, einfach nur zu leben und kein Ideal darstellen zu müssen, das man selber nicht ist und das es vielleicht gar nicht gibt. Es ist eine Sehnsucht nach Widersprüchlichkeit. Ich möchte nicht festgelegt sein.

Deswegen auch der Genremix mit dem Metafiction Cabaret?

Ja, in gewisser Weise. Wir verbinden klassisches Theater und Performancetheater mit konzertanten und kabarettistischen Elementen. Wir entwickeln eine bunte Zwischenwelt, die nicht eindeutig festgelegt ist und Freiräume zur Entwicklung offen lässt. Ich genieße das. In dieser Welt kann ich als Schauspieler, Sänger und Autor meinen inneren Freak heraus lassen.

Cabaret Noir beinhaltet aber auch düstere Elemente. Bist du selber ein düsterer Mensch?

'Face The Evil' lautet ein Spruch auf einem Stoffbeutel, den wir über unsere Webseite vertreiben. Dieser Spruch beschreibt mich ganz gut. Ich finde, man muss das Dunkle betrachten und dem Teufel entgegen treten. Sobald man ihm ins Auge blickt, wird er kleiner und schwächer.

Den Teufel gibt es?

Gut und Böse sind Bewertungskriterien, die man sich selber setzt. Gut und Böse stecken in jedem Menschen. Böse heißt wahrscheinlich so viel wie schädlich, angsteinflößend. Das ist natürlich ein persönlicher Maßstab. Diese Kategorien ermöglichen es jedoch, Verhaltensweisen von Personen und Eigenschaften von Dingen einzuordnen. In dem Ausdruck Teufel kristallisiert sich das alles.

The Metafiction Cabaret - Der Busen der Musen gibt keine Milch

  Quelle: YouTube




 

Zur Person

Marc C. Behrens, 1987 in Lübeck geboren, ist ein deutscher Schauspieler und Autor. Seit 2007 lebt und arbeitet er in Berlin und gründete 2010 mit Vera Schmidt das Improvisationstheater-Ensemble „Improvisionäre“. Er schreibt Theaterstücke, Drehbücher und tritt seit 2013 mit seinem Cabaret Noir-Ensemble The Metafiction Cabaret auf. Derzeit läuft das Crowdfunding für das erste Album.

Mehr dazu:

Was: The Metafiction Cabaret
Wann: Donnerstag, 4. Februar 2016, 20 Uhr
Wo: Slow Club

   

[Fotos: Marc C. Behrens/Metafiction Cabaret - Anne Sturm]