The Australian Pink Floyd Show: The Wall mit Känguruh-Faktor

Manuel Lorenz

Pink Floyd führten ihr Monumental- und Meisterwerk "The Wall" nur an insgesamt fünf Orten auf: 1980/81 in Los Angeles, New York, London und Dortmund und 1990 in Berlin. Deshalb geben sich Fans der Kultband auch gerne mit einer Kopie zufrieden: der Australian Pink Floyd Show. Die war am Freitag in der Rothaus Arena zu Gast. Und Manuel war für fudder dabei.



Los Angeles, New York, London und Dortmund. Anderswo war Pink Floyds opulente Bühnenshow „The Wall“ 1980/81 nicht zu sehen. Entweder stellte man sich also erhobenen Daumens an den Straßenrand und hoffte, dass irgendjemand einen trotz Gammelklamotten und Langhans-Matte Richtung Pott mitnahm. Oder man wartete zehn Jahre, hatte mittlerweile Haus, Auto und Frau, brachte seine Kinder bei den Eltern unter und pilgerte nach Berlin, um die britischen Artrocker den Mauerfall besingen zu hören.


Wer all das verpasst hat, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen ist, konnte am vergangenen Freitag in der Freiburger Rothaus Arena Nachhilfe in Sachen Rockhistorie nehmen. Dort versprach die Australian Pink Floyd Show den Mythos „The Wall“ in voller Länge samt Licht- und Lasergeschichten neu erstehen zu lassen. Die Erwartungen waren hoch. Nicht nur, dass das Coverprojekt aus Down Under schon seit 1988 erfolgreich die Welt betourt; nein, auch Pink Floyd selber hat ihr Wohlgefallen über die Rock-Aussies ausgesprochen und ließ sich bei Gelegenheit sogar zu einer Jamsession mit ihnen hinreißen.



Schon nach wenigen Klängen wird klar: die Australian Pink Floyd Show begeht nicht den Fehler, ihr Vorbild eins zu eins kopieren zu wollen. Die Klarinetten-Kantilene, die Anfang und Schluss des Gesamtkunstwerkes zu einem Kreis verschmelzen lässt, ertönt als langes, ausgiebiges Avant-propos. Und dann, nach einer kurzen Atempause, erschaffen endlich die schweren Schläge von Gitarren, Bass, Orgel und Schlagzeug jenes Rockuniversum, auf das die beinahe ausverkaufte Rothaus Arena schon die ganze Woche hingefiebert hat.

Erstaunlich, wie genau die Australier den Sound ihre Idole nachzuahmen wissen. Gespenstisch, wie gut der Leadsänger Ian Cattell sein Vorbild Roger Waters zu imitieren vermag. Da stört es kaum, dass der Leadgitarrist und Sänger Damian Darlington bei seinen über den Abend verteilten Gesangssoli allzu sehr nach Bryan Adams klingt. Ein optisches Highlight ist der Keyboarder Jason Sawford, der mit verschwitztem Baxter und zottiger Mähne die Monotonie der schwarzen Banduniform durchbricht. Vorzuwerfen ist der Band nur, dass sie erst nach der Pause, in der zweiten Konzerthälfte so richtig aufdrehen. Davor spielen sie (zu) schnörkellos und gekonnt ihr Programm runter, rocken unbewegt die Mehrzweckhalle und geben sich Mühe, den Funken nicht überspringen zu lassen.

Vielleicht ist die anfängliche Performance-Starre ja dramaturgisch motiviert, erzählt „The Wall“ doch das Leben eines jungen Mannes namens Pink, der – ausgelöst durch eine überbehutsame Mutter, das Fehlen seines Vaters und die Grausamkeit der Lehrer – eine Mauer um sich errichtet, um sich vor emotionalen Übergriffen zu schützen. Klar: Beim ersten Höhepunkt der Rock-Oper, dem allseits bekannten „Another Brick in the Wall (Part Two)“, trauen sich die ersten Fans, verhalten zum Beat zu nicken. Und wer gestern noch den jugendlichen Pöbel im Bermudadreieck beklagte, stimmt heute Abend textsicher in den Refrain ein: „We don’t need no education … teachers leave them kids alone.“

Dabei scheint sich das Publikum großteils nicht aus Pink-Floyd-Nerds zusammenzusetzen. Viele der 40- bis 50-Jährigen werden höchstwahrscheinlich am 4. April ebenfalls hier sein, wenn gefragt wird: „Verstehen Sie Spaß?“ In der Pause verdrücken sie seligen Gesichts ihre Bratwurst und spülen das trockene Wasserweckle mit lauwarmem Bier runter. Wer aber in den Sechzigern und Siebzigern in Gundelfingen, Denzlingen und Emmendingen verzweifelt nach LSD gesucht hat, um zu verstehen, was „psychedelisch“ bedeutet, trägt heute stolz seine Lederjacke zur Schau. Vereinzelt sind sogar Fan-Shirts zu sehen. Und nicht wenige haben ihre jugendlichen Kinder mitgebracht. Am Ende werden sie alle stehen, klatschen, johlen und in der Andacht vergangener Zeiten die Tänze von damals aufführen.



Der zweite Teil der Veranstaltung bereitet dazu bestens vor, scheinen die Musiker doch wie ausgewechselt. Endlich wird die Show zu Schau: grüne, gebündelte Laserstrahl drehen sich durch die rauchgeschwängerte Halle und untermalen das nachdenkliche „Hey you“; die gigantische Lichtbatterie zaubert rote und blaue Stimmungen auf die Bühne, taucht das Geschehen in Dunkelviolett und Hellgelb und schmettert dem Publikum diskoartige Stroboskop-Blitze entgegen.

Suchte man zu Anfang vergeblich nach Kostümierung und Requisite, sitzt Ian Cattell bei „Nobody Home“ einsam vor der Glotze und wirft sich für den David-Gilmour-Song „Comfortably Numb“ – begleitet von grandiosen Gitarrensoli – einen weißen Arztkittel über. Einen gruseliger Höhepunkt bilden „In the Flesh“, „Run Like Hell“ und „Waiting for the Worms”: Pink gibt sich einer Halluzination hin, in der er zum Fascho-Führer wird und seine Fans auf Minderheiten hetzt. Ian Cattell trägt dazu einen schwarzen Ledermantel, Lederhandschuhe und Sonnenbrille, sieht aus wie ein NPDler in Paradeuniform und behandelt das Publikum, als wär’s seine Gefolgschaft. Im Hintergrund werden – leider nur virtuell, was die Wirkung abschwächt – schwarz-weiß-rote Banner mit den australisierten Pink-Floyd-Hämmern ausgerollt.



Schade, dass sich die „Show“ – abgesehen von tollen Laser- und Lichteffekten – vorwiegend in der Projektion computeranimierter Bilder auf die große Leinwand hinter den Musikern erschöpft. Diese sollen erst letztes Jahr produziert worden sein, sehen aber aus, als entstammten sie den Anfängen des Computerzeitalters. Gut wird’s, wenn originale Pink-Floyd-Elemente gebracht werden, wie zum Beispiel die berühmten marschierenden Hämmer. Warum dabei in fast jedem Clip die australische Herkunft der Band in Erinnerung gerufen werden muss, bleibt mir ein Rätsel. Nervig, ständig ein pinkfarbenes Känguru über den Bildschirm hüpfen zu sehen. Warum dann nicht gleich noch Koalabären und Alligatoren? Wo bleiben die obligatorischen Didgeridoo-Klänge und – statt der Mauer – der magisch-rote Ayers Rock?

Die grandiose Zugabe entschädigt für so einiges: Der Syd-Barrett-Tribut „Shine On You Crazy Diamond“ sorgt für Gänsehaut; bei „The Great Gig in the Sky” stellen die Background-Sängerinnen noch einmal eindrucksvoll ihr Können unter Beweis; zu den Klängen von „Wish You Where Here“ fliegt ein originales, riesiges Pink-Floyd-Schwein durch die Halle; und „On the Dark Side of the Moon“ entlässt die zufriedenen Zuhörer in die Nacht. Alles in allem ein unterhaltsamer Abend, dem mehr Show und weniger Australien außerordentlich gut getan hätte.



Mehr dazu:

The Australian Pink Floyd Show: Website& MySpace
[Bilder 1, 3 und 5: Promo]