The Audience in der KTS: Disco-Punk für inhalative Zwischensnacks

Alexander Ochs

Konzertant liebt es der Demonstrant: Nach der Demo lud die KTS zum Ausschweifen ein mit herrlichem, halb-kaputten Straßenmusiksound und zackig-knackigem Disco-Punk. Alex ließ sich einlullen.



Die fünfköpfige Schweizer Kapelle Puts Marie entpuppt sich als putzmuntere Truppe, der es gelingt, eine Vielzahl verschiedener Stile zu einem homogenen Ganzen zu verbinden. Die einen klassifizieren sie unter Rock, andere unter Folk-Punk und wieder andere unter – fragt mich nicht.


Mit Schlagzeug, Bass, Gitarre und einer alten, auf einem Bügelbrett aufgebauten Farfisa-Orgel aus den 60ern werfen sie eine experimentelle, exzentrische Musikmixtur auf die Bühne, die Rock’n’Roll, Blues, Punk und neuerdings auch HipHop vereint. Derber, schmutzig-schöner, halb-kaputter Straßenmusiksound, der sich harmonisch in die charmanten KTS-Räumlichkeiten einfügt. Eine Detailverliebtheit am Rande: das zerschlissenste Becken der Musikgeschichte.



Ähnlich wie bei den Beastie Boys (mit deren Sound sie sonst gar nichts gemein haben) wähnt man sich im Zirkus, so viel Unterschiedliches passiert da auf der Bühne, auf der Platte. Im Blickpunkt: Sänger Max Usata mit seinen abrupten, abgehackten Bewegungen. Drastischer zugespitzt, serviert er hacke moves vom Feinsten.

Er schlingt sich das Mikrofonkabel mehrfach um den Hals, klatscht manisch an die Decke, rupft dabei ein Kabel heraus, stöpselt es wieder ein. Er bringt auch mal einen Instrumentenkasten auf die Bühne, trägt ihn mit sich herum – jeder wartet darauf, dass er auspackt – und legt ihn sang- und klanglos wieder hin. Egal was er da vorne tut – er und seine Jungs haben einfach ein geiles Rhythmusgefühl. Schade nur, dass die Texte null zu verstehen sind.



Bernd Pflaum, Frontmann von The Audience aus der Robocop-Kraus-Heimat Hersbruck bei Nürnberg, steht dem Sänger von Puts Marie in nichts nach. Vorsichtig ausgedrückt, neigt auch das Bühnen-Schwergewicht zu höchst eigenwilligen motorischen Leistungen. Gut, das bietet sich auch an bei knackigen, zackigen Nummern, die, ja, Disco und Punk irgendwie zusammenbringen. Disco-Punk!

Oder, anders aufgezäumt, ihre Musik erinnert an die Robocops und bewegt sich im tanzbaren Dreieck aus Brit-Rock, Post-Punk und New Wave. Mit vollem Einsatz berauscht sich das Quintett an hymnischen Refrains, zackigen Gitarren und pluckernden Orgelklängen.



In den vorderen Reihen haben sich tatsächlich „Dancers and Architects“, so der Titel ihres frisch erschienenen Albums, versammelt. Die einen tanzen gelassen bis ausgelassen, die anderen vollführen Baumaßnahmen für inhalative Zwischensnacks. Live kommen die Nummern der Franken wesentlich besser rüber als auf CD oder Platte gepresst, allerdings trägt ihr Einsatz nicht bis in die hinteren Reihen des Bahnbetriebswerks, das jetzt, weit nach Mitternacht, gut gefüllt ist.



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