Textbaustelle Günterstalstraße

Alexander Ochs

In der Günterstalstraße soll eine ungewöhnliche Maßnahme sozusagen die (Bau-)Lücke schließen und die geplagten Anwohner und Leidtragenden mit dem monatelangen Baulärm versöhnen: keine Baumaßnahme, sondern nichts Geringeres als die Literatur. Wie das gehen soll, berichtet Alex.



Unter dem Motto „Achtung Baustelle – Literatur im Umbruch“ hat Michael Schwarz von der Buchhandlung Schwarz großformatige Texttafeln im Umkreis der Baustelle zwischen Günterstal-, Erwin-, Konrad- und Prinz-Eugen-Straße aufstellen lassen. Darauf haben zehn Freiburger Autoren ihre Gedanken zum Thema Baustelle – paradox ausgedrückt – vorübergehend verewigt. Denn spätestens mit dem Ende der Bauarbeiten im November werden die Texttafeln wieder aus dem Straßenbild verschwunden sein.


Geht so was? Ist das nicht gnadenlos naiv? Genervten Anwohnern allen Ernstes Buchstaben auftischen und somit den Schilderwald noch weiter vergrößern, den Aktionsradius auf dem Gehweg noch weiter einengen? Das Kino im Kopf suggeriert Bilder: Horden von Leseratten, die die Wege blockieren, ja Auffahrunfälle wegen Literatur!



Doch vielmehr läuft der Film im Kopf der Passanten ab. Und er könnte so aussehen: Bei Vollmondnacht tobt ein moderner Baustellenfünfkampf auf der Günterstalstreet. Dieser besteht aus Zebrastreifensprint, Nordic Walking im ausgelassenen Schienenbett (für jedes Promille Alkohol gibt es 20 Bonuspunkte), meditativem Sitzen in der Baggerschaufel, Bauzaunhurdling und Baggerfreeclimbing. So jedenfalls schlägt es Diethelm Blecking in seinem Baustellentext vor. Dem Dröhnen der Baumaschinen wird so brüllende Komik entgegengesetzt.

Annette Pehnts Text umkreist Abschottungen, Risse, Ritzen, Gräben und Löcher. Die 40-jährige preisgekrönte Schriftstellerin steuert einen einzigen Bandwurmsatz ohne jegliche Satzzeichen bei, dem sie erst am Ende eines langen Lese-Atemzugs einen Punkt spendiert.



Auf den Punkt bringt es auch Evelyn Grill. Sie preist die Baustelle als Open-Air-Performance, schwärmt vom Stakkato der Presslufthämmer, vom Beben des Bodens und verspricht: „Hier täglich, nur bis November. Dann wieder die Banalität des Alltags.“ Um dieser zu entgehen, kann jeder selbst Hand anlegen: An einer Tafel hängt ein Stift, da darf jeder nach Belieben weiß auf schwarz erbauliche Botschaften hinterlassen.



Mehr dazu:

Was: „Achtung Baustelle – Literatur im Umbruch“ – Texttafeln von Diethelm Blecking, Ingeborg Gleichauf, Evelyn Grill, Martin Gülich, Bille Haag, Jürgen Lodemann, Karl-Heinz Ott, Annette Pehnt, Roswitha Quadflieg und Martin Schwarz
Wo: in der Erwinstraße, zwischen Konrad- und Prinz-Eugen-Straße sowie auf beiden Seiten der Günterstalstraße
Wann: noch bis 31. Juli, danach folgen neue Texttafeln von Schülern der Turnseeschule