Testgespielt: Spiel des Jahres und Kennerspiel des Jahres 2015

Manuel Fritsch

In "Colt Express" überfallen Banditen mit dem Colt Züge, in "Broom Service" liefern Hexen Zaubertränke aus. Beide Gesellschaftsspiele haben in diesem Jahr Kritiker begeistert. Also hat fudder-Autor Manuel Fritsch sie gespielt:



Spiel des Jahres 2015: Colt Express

„Lucky Luke“ sei seine Inspiration gewesen, sagte der Autor Christophe Raimbault auf der diesjährigen Preisverleihung des „Spiels des Jahres“ 2015. Wer sein prämiertes und wunderschön illustriertes Spiel „Colt Express“ spielt, wird diese Verwandtschaft auch sofort bemerken.

Ungewöhnlich das Spielfeld: Das ist hier kein klassisches „Brett“, sondern eine aus ausgestanzten Papp-Teilen zusammengesteckte Wild-West-Lok inklusive Anhängern und Deko-Kakteen. Auf diesen 3D-Waggons bewegen sich bis zu sechs Spielfiguren gleichzeitig auf zwei Ebenen und versuchen, so viel Beute wie möglich zu ergaunern, bevor der Zug im Zielbahnhof ankommt.

Der Clou an der Sache: Eine Spielrunde ist in zwei Phasen unterteilt: Erst planen wir unseren kompletten Bewegungs- und Aktionsablauf für diese Runde, indem wir reihum die entsprechenden Karten verdeckt zentral ablegen. Der so entstehende Kartenstapel wird damit zu einer Art „Drehbuch“ für die darauf folgende Aktions-Runde, in der diese Bewegungen dann in der gelegten Reihenfolge durchgeführt werden.

In der schauen wir nur noch zu und hoffen, dass der ursprünglich ausgeheckte Plan aufgeht. So haben wir zum Beispiel vor, in den zweiten Waggon zu gehen, um dort einen Geldkoffer zu klauen und dann aufs Dach zu flüchten. Doch unsere Mitspielerin zieht uns einen dicken Strich durch die Rechnung, indem sie mit der ersten Karte ihren Colt zückt und uns dank des Rückstoßes mal eben einen Waggon weiter schießt.

Daraufhin „verschiebt“ sich natürlich auch unsere gesamte Planung und der Versuch, einen Geldkoffer zu stehlen geht nach hinten los, weil wir auf einmal ausgerechnet in dem Abteil landen, in dem der Marshall patrouilliert! Was zur Folge hat, dass uns dieser ebenfalls blaue Bohnen um die Ohren haut.

Problematisch daran: Jeder Treffer, den wir erhalten, erhalten wir in Form von „Nietenkarten“ in unseren Kartenstapel reingemischt, so dass wir in den nächsten Runden weniger Auswahlmöglichkeiten haben. Doch auch die schadenfreudige Mitspielerin freut sich nur kurz, denn sie hat nicht bedacht, dass der dritte Spieler schon damit gerechnet hat, dass sie stehen bleibt um auf uns zu schießen. Dieser lässt seine Fäuste sprechen und nimmt ihr ein wertvolles Beutestück weg.

So erstreckt sich Runde um Runde und der Kampf um die meiste Kohle, das Antizipieren der Mitspieler-Pläne und die Schadenfreude, wenn gut geplante Vorhaben im Chaos enden, sorgen für viel Interaktion zwischen den Spielern – voller lustiger Situationskomik. Es erinnert an die verzweifelten Versuche der Daltons, fast so, als befände man sich in einem spielbaren Lucky-Luke-Abenteuer.

Colt Express von Christopher Raimbault
Verlag: Ludonaute im Vertrieb von Asmodee
für 2 bis 6 Spieler ab 10 Jahren
Dauer: ca. 30 bis 40 Minuten.
Preis: ca. 20 bis 30 Euro



Kennerspiel des Jahres 2015: Broom Service

Neben dem „Spiel des Jahres“ zeichnet die Jury seit einigen Jahren auch einen Titel als „Kennerspiel des Jahres“ aus. Hier sollen Spiele nominiert und prämiert werden, die sich nicht zwingend an Experten und Vielspieler wenden, aber durchaus etwas mehr Anspruch haben dürfen als der Hauptpreisträger. Ein Spiel für Menschen, die gerne und oft spielen und sich auch mal trauen, eine etwas längere Regel zu lesen.

Diesjähriger Preisträger dieser Kategorie ist das Spiel „Broom Service“ von Andreas Pelikan und Alexander Pfister aus dem Ravensburger Alea-Verlag. Der Name ist ein Wortspiel, welches sich zusammensetzt aus dem englischen Wort für Besen „Broom“ und dem „Room-Service“ in Hotels. Der Name ist Programm, denn wir spielen Hexen und sollen Zaubertränke an Türme ausliefern, um Siegpunkte dafür zu erhalten.

Um Zutaten zu sammeln, Tränke zu brauen und diese dann ausliefern zu können, wählen alle Mitspieler vor Beginn der Runde vier Rollenkarten aus insgesamt zehn verfügbaren aus. Der Startspieler gibt dann laut bekannt, welche Rolle er als erstes ausführen möchte. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, wählt die „feige“ Variante und darf die Aktion dafür aber auch sofort ausführen.

Deutlich lukrativer sind dagegen die „mutigen“ Varianten. Diese geben mehr Punkte oder erlauben mächtigere Aktionen. Der Haken an der Sache: Es darf jeweils nur eine mutige Variante dieser Rolle pro Runde geben. Wenn einer unserer Mitspieler ebenfalls die gleiche Karte auf der Hand haben sollte, kann dieser uns die mutige Variante wegnehmen (sofern er sich traut, ebenfalls mutig zu spielen) und man selber geht leider leer aus - die Aktion verfällt komplett.

Im Gegenzug macht es einen Heidenspaß, laut und stolz als Letzter in der Reihe rufen zu können: „Nein, ICH bin die mutige Wetterfee!“ und damit grinsend zwei weiteren mutigen Mitspielern die Aktion vor der Nase wegzuschnappen.

Ein ständiges Abwägen, Mitdenken der möglichen Gegnerzüge und flexibles Vorausplanen ist nötig und hält das Spiel stets lebendig. Auch der beste Plan geht schnell nach hinten los, wenn man die eigene Gier wieder einmal nicht unter Kontrolle hat und sich doch fälschlicherweise für die Risiko-Variante entscheidet.

Die Schadenfreude schlägt aber auch zu, wenn man zu vorsichtig spielt, kein Mitspieler die gleiche Rolle auf der Hand hat und man damit unnötigerweise wertvolle Punkte verschenkt. Dank zwei unterschiedlich komplexen Spielfeldern und mehreren in der Packung bereits enthaltenen Erweiterungen kann man dieses Spiel sehr gut sowohl mit Einsteigern als auch mit Vielspielern in einer etwas komplexeren Profi-Version spielen. Ein tolles, sehr kommunikatives und leicht zu erlernendes Spiel für zwei bis fünf übermutige Zauberlehrlinge.

Broom Service von Andreas Pelikan und Alexander Pfister
Verlag: alea/Ravensburger
für 2 bis 5 Spieler ab 10 Jahren
Dauer: ca. 60 bis 90 Minuten
Preis: ca. 40 Euro

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[Fotos: Promo]